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Kultur Marie-Eve Signeyrole bringt „Faust“ in die Oper
Nachrichten Kultur Marie-Eve Signeyrole bringt „Faust“ in die Oper
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01:15 03.02.2019
„Hier ist alles viel lebendiger“: Marie-Eve Signeyrole im Opernhaus.
„Hier ist alles viel lebendiger“: Marie-Eve Signeyrole im Opernhaus. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Da ist ja der berühmte Gefangenenchor. Natürlich hat Verdis „Nabucco“ irgendwie mit Freiheit zu tun. Aber sonst? „Sie können fragen, wen Sie wollen: Niemand wird Ihnen erklären können, worum genau es in dieser Oper geht“, sagt die französische Regisseurin Marie-Eve Signeyrole. Darum hat sie sich einen eigenen Weg durch das Stück geschlagen, als sie es im vergangenen Frühjahr in Lille auf die Bühne gebracht hat. Sie hat lange gerungen mit dem Stoff und fast mehr noch mit der Theaterleitung der nordfranzösischen Metropole, um ihre persönliche Sichtweise durchzusetzen. Am Ende war auch diese Inszenierung ein Erfolg, wie das meiste, was Signeyrole anpackt.

Sie hat gemeinsam mit dem serbischen Regisseur Emir Kusturica („Underground“) einen Film gedreht, hat zu Inszenierungen von Willy Decker und Peter Sellars Videos beigesteuert und gemeinsam Simon Rattle eine Oper von Jonathan Dove produziert, mit der der Dirigent auch in diesem Jahr noch durch Europa tourt. Ihre Regiearbeiten und Opernprojekte waren in Montpellier, in Paris und Aix-en-Provence zu sehen und haben fast immer Aufmerksamkeit über die französischen Landesgrenzen hinweg erregt. Es gehört nicht mehr viel dazu, dieser Regisseurin eine internationale Karriere zu prophezeien. In Deutschland debütiert Signeyrole nun an der Staatsoper Hannover mit einem völkerverbindenen Werk: Hector Berlioz’ frei nach Goethes Drama entworfene Oper „Fausts Verdammnis“.

Lob des Regietheaters

„In Frankreich muss man dafür kämpfen, wenn man das Leitungsteam eines Theaters von seinen Konzepten überzeugen will“, sagt sie. Dabei gehe sehr viel Energie verloren. In Deutschland dagegen erlebe sie das ganz anders: „Es hat mich total überrascht, wie sehr man hier von Beginn an begleitet und unterstützt wird.“ Man sei viel freier, ein interessantes Konzept zu präsentieren und könne ganz anders arbeiten: „Es ist toll, was etwa die Sänger von sich aus anbieten“, sagt sie. Die oft gescholtene deutsche Tradition des Regietheaters habe der Kunstform Oper hier eine ganz andere Position verschafft als in Frankreich: „Bei uns sehen Opernhäuser aus gutem Grund meist wie Museen aus. In Deutschland ist alles viel lebendiger.“

Der Schwung der unverhofft guten Arbeitsbedingungen hilft Signeyrole nun über die Klippen eines durchaus komplizierten Werkes. „Das Stück ist ein ungeheueres Werk, ein Monster“, sagt sie. Berlioz’ Musik sei über die Maßen luxuriös und überwältigend, aber im Libretto gebe es etwas, das eigentlich nicht für die Bühne gemacht ist: „Es hat schon seine Gründe, dass diese Oper oft nur konzertant aufgeführt wird.“ Trotzdem – oder wahrscheinlich eher deswegen – ist die kämpferische Regisseurin nun froh, gerade dieses Stück in Szene zu setzen.

Ein weiblicher Blick?

Reizvoll problematisch erscheint ihr zum Beispiel der Gegensatz zwischen den großen Massenszenen mit ihren vielen Chorsängern und den eigentlich zentralen Handlungspassagen, in denen er nur um zwei Personen – Faust und Méphistophélès – geht. Schon die weibliche Hauptrolle Marguerite ist eigentlich nur eine Nebenrolle. „Ich störe mich schon daran, wie sie einfach aus dem Nichts erscheint und gar kein eigenes Profil bekommt“, sagt Signeyrole. In ihrer Inszenierung will sie das zumindest ein bisschen korrigieren.

Mit einer typisch weiblichen Sichtweise auf das Stück habe das aber nichts zu tun: „Drei echte Charaktere sind einfach interessanter als nur zwei“, sagt sie. Ähnliche Probleme böten allerdings viele Opern: „Das ganze Repertoire, das nun einmal zum Großteil aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammt, ist ziemlich frauenfeindlich.“ Das bedeute aber nicht, dass sie als weibliche Regisseurin unbedingt einen anderen, womöglich sogar rachsüchtigen Blick auf eine Figur wie etwa den wenig zimperlichen „Verführer“ Don Giovanni einnehmen müsse.

Und dass sie als Frau noch immer eine Ausnahme in der Riege der Regisseure ist, spielt für sie ebenfalls keine Rolle mehr. „Vor 20 Jahren war das noch ein Problem“, sagt sie, „hier und heute brauche ich gar nicht mehr darüber nachzudenken.“ Dabei gäbe ihr Zustand durchaus äußeren Anlass dazu: Signeyrole ist fast im siebten Monat schwanger. Ihr Baby ist von den Proben offenbar begeistert: „Es strampelt manchmal mehr, als mir lieb ist“, sagt sie. Für den Komponisten kann das nur ein gutes Zeugnis sein: Seine Musik ist für alle Altersgruppen bewegend.

„Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz hat in einer Inszenierung von Marie-Eve Signeyrole und unter Leitung von Ivan Repusic am Sonnabend, 16. Februar, Premiere an der Staatsoper.

Von Stefan Arndt