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00:17 05.12.2018
„Ich bin Frankenstein“: August Zirner (an der Querflöte) mit seinem Spardosen-Terzett auf der Bühne. Quelle: Schauspiel Hannover
Hannover

Der Mann auf der Bühne ist in sich zusammengefallen. Die Schultern hängen nach vorne, die Haare sind grau, die Stirn gerunzelt. „Ich bin Frankenstein“, sagt er und schaut mit zusammengekniffenen Augen ins Scheinwerferlicht, als ob er es selbst kaum glauben könnte. Das Schlagzeuggetrommel im Hintergrund schwillt bedrohlich an, wird lauter, eindringlicher – und bricht plötzlich ab. Und in die atemlose Stille im Zuschauerraum des Schauspielhauses erzählt Schauspieler August Zirner die Geschichte des Victor Frankenstein nach dem 200 Jahre alten Roman von Mary Shelley.

Mehr als ein Traum, weniger als ein Mensch

Naturwissenschaftsnerd Victor Frankenstein erschafft darin bei seiner Suche nach dem „Prinzip des Lebens“ – ganz nach der alchemischen Hoffnung des 19. Jahrhunderts – ein dämonisches Wesen. Dass Ergebnis erschreckt ihn allerdings so sehr, dass er es seinem Schicksal überlässt und flieht. Das Wesen ist mehr als ein böser Traum, aber weniger, als eine menschliche Gestalt. Es erscheint im Laufe der Geschichte andauernd, existiert aber außerhalb von Frankensteins Wahrnehmung nicht – gleich einer fantasierten Version seiner Selbst.

Karikaturhafte Figuren

Die Figuren sind karikaturhaft zugespitzt, die Frauen dienen lediglich der Konstratierung der düsteren Elemente: Seine Mutter stirbt etwa, weil sie ihre todkranke Adoptivtochter gesund pflegt und sich wohl ansteckt. „Ihre Miene drückte selbst im Tode noch Liebe aus“, beschreibt Frankenstein seine Mutter. Das Monster wünscht sich zur Linderung seiner Seelenqualen eine Frau („Bau mir eine Frau“).

Frankenstein erlebt, wie sein Bruder Wilhelm getötet wird, sein Kindermädchen Justine wird als seine Möderin hingerichtet und schlussendlich stirbt seine Verlobte Elisabeth in der Hochzeitsnacht. Dass das Frankenstein Monster der eigentliche Mörder ist, wird bei dem Bruder angedeutet, bei seiner Verlobten außer Frage gelassen.

Flucht in Selbstmitleid

Dabei ist Frankenstein voll eingenommen von seiner eigenen Perspektive: Justine und Wilhelm beneidet er um ihren Tod und statt Verantwortung für seine Schöpfung zu übernehmen, flüchtet er sich in Selbstmitleid. „Immer sehe ich dieses Bild vor mir“, weint Frankenstein etwa, als er seine tote Verlobte findet – statt ihres Verlusts, betrauert er nur sein eigenes Elend. Auch seine Selbstdiagnose „Wahnsinn“, mit denen er sich seine Handlungen zu erklären versucht, wirkt eher wie mentaler Eskapismus. Der übermächtige Schöpfer ist Prometheus und Doktor Faust, aber letztlich vor allem ein zusammengesunkener, alter Mann.

Märchenhafte Melodien

Der 62-jährige Grammy-Gewinner Zirner performt – mit wenigen Textstolperern – überzeugend die Gefühlslagen des Monster-Schöpfers Frankenstein. Schreit, weint, flüstert und spielt auf seiner Querflöte zitternde Melodien. Begleitet wird sein Monolog dabei vom Spardosen-Terzett (Jazzmusiker Mickey Neher am Schlagzeug, Rainer Lipski am E-Piano und Bassist Kai Struwe).

Das funktioniert gut: Erzählt er von schönen Kindheitserinnerungen sind die Melodien märchenhaft und leicht, wird er von Zweifeln und Selbstmitleid geplagt, donnern die Basslines unheilvoll und das Schlagzeuggetrommel schwillt zu einem drängenden, alles einnehmenden Klang an – etwas wie bei einem Live-Hörspiel. Die Zuschauer bedanken sich nach anderthalb Stunden mit anhaltendem Applaus.

Von Kira von der Brelie

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