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Kultur Cellistin Sol Gabetta ist jetzt Schweizerin
Nachrichten Kultur Cellistin Sol Gabetta ist jetzt Schweizerin
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00:16 20.12.2018
Eine gute Wahl: Sol Gabetta ist jetzt Schweizerin. Quelle: Marco Borggreve
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Hannover

Es ist eine beliebte Redewendung: Musiker sind Weltbürger, die dort zu Hause sind, wo sie gerade auftreten. Auf die Cellistin Sol Gabetta scheint das perfekt zuzutreffen. Geboren ist sie 1981 als Tochter französisch-russischer Eltern in Argentinien, sie hat in Spanien studiert und fühlt sich, wie sie gerne erzählt, besonders der italienischen Lebensart verbunden. Doch an diesem Abend spielt ein Begriff wie Heimat plötzlich eine zentrale Rolle für die weltgewandte Solistin: Auf dem Weg zwischen zwei Konzerten in Bremen und Braunschweig hat sie erfahren, dass sie Schweizerin geworden ist.

„Sie haben mich gerade dazu gewählt“, sagt sie in der Garderobe der Braunschweiger Stadthalle und lacht dazu das strahlende Lächeln, das so typisch für sie ist. Die Vertreter der eidgenössischen Gemeindeversammlung werden wohl nicht sehr lange über ihren Einbürgerungsantrag nachgedacht haben: Gabetta ist eine, der die Herzen zufliegen. Und in Olsberg im Kanton Aargau, wo sie seit zwölf Jahren lebt, ein eigenes Festival auf die Beine gestellt und vor einem Jahr ihren ersten Sohn geboren hat, weiß man das vermutlich besonders gut. Im Norden der Schweiz, nah an der deutschen Grenze, liegt für die nun argentinisch-schweizerische Cellistin schon seit einiger Zeit der Mittelpunkt der Welt.

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Wegen der jungen Familie hat sie bereits die Zahl ihrer Auftritte beschränkt. In Deutschland ist sie trotzdem regelmäßig zu erleben. In der Hamburger Pro-Arte-Konzertreihe präsentiert sich Gabetta in dieser Saison sogar ausführlich in drei Porträt-Konzerten, beim hannoverschen Ableger Pro Musica ist sie nun immerhin mit dem Stück zu hören, das ihr gerade am wichtigsten ist: dem Cellokonzert von Mieczyslaw Weinberg.

„Es ist ein relativ unbekanntes Stück, aber besonders ungewöhnlich ist es eigentlich nicht“, findet Gabetta: Die Musik sei sehr melodisch und romantisch. Tatsächlich gibt es in dem Stück schöne Melodien, alles ist sehr angenehm zu hören – und doch steckt darin ein dunkles Geheimnis: „Man kann sich kaum vorstellen, dass es ein Mensch mit dieser Biografie geschrieben hat“, sagt die Cellistin. Der polnische Komponist floh vor den Nazis, seine gesamte Familie starb in deutschen Vernichtungslagern. In Russland, wo er Zuflucht gefunden hatte, wurde er Schüler und Freund von Dimitri Schostakowitsch – und geriet wie dieser bald ins Visier von Stalins Schergen. „Er wurde nicht getötet, weil Stalin selbst gerade rechtzeitig gestorben ist“, sagt Gabetta. „Sein Leben wurde immer wieder durch Zufälle gerettet.“

Die Cellistin hat Weinbergs Musik durch den Geiger Gidon Kremer kennengelernt, der sich seit Jahren für den Komponisten einsetzt – und dessen Werke auch im kommenden Jahr bei seinem Auftritt bei den Kunstfestspielen präsentieren wird. Die Entscheidung, das Cellokonzert gerade jetzt zu lernen, hat Gabetta allerdings nicht ganz freiwillig getroffen: Eigentlich wollte sie ein Stück des russischen Neutöners Boris Tschaikowsky lernen. Aber Veranstalter und Orchester haben vorerst abgewinkt. „Erst danach habe ich mich für Weinberg entschieden“, sagt Gabetta. Das sei aber auch eine gute Wahl: „Das Stück wird mich jetzt eine Weile begleiten: 2019 ist es 50 Jahre her, dass Weinberg gestorben ist.“ So ein Komponistenjubiläum weckt schließlich immer Interesse. Die Cellistin hat daher auch viele Anfragen bekommen – und nicht wenige davon bereits abgelehnt: Ihre Heimat ist jetzt schließlich nicht mehr so sehr die Bühne, auf der sie gerade spielt, sondern Olsberg in der Schweiz.

Am Donnerstag, 20. Dezember, 19.30 Uhr spielt Sol Gabetta mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France das Weinberg-Konzert im Kuppelsaal. Außerdem stehen Werke von Paul Dukas, Richard Strauss und Maurice Ravel auf dem Programm, Dirigent ist der Finne Mikko Franck.

Von Stefan Arndt

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