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Kultur Sophie Rois begeistert das Publikum im Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur Sophie Rois begeistert das Publikum im Schauspiel Hannover
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00:15 16.01.2019
Mit feinen Nuancen: Sophie Rois bei ihrer Lesung aus Joseph Roths „Die Geschichte der 1002. Nacht“ Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

Tja, der Taittinger. „Noch wenn er sprach“, schreibt Joseph Roth, „schien es, als ob er tanzte.“ Der Taittinger? Franz Alois Baron von Taittinger von den Neunerdragonern, muss es heißen. Der Herr Rittmeister also. Oder wenigstens: der Herr Baron. So viel Zeit muss sein. So viel Zeit war ja im Österreich des späten 19. Jahrhunderts.

Diese Zeit ist längst vorbei. Doch ihre Geschichte und deren teils bis heute fatale Folgen hat Sophie Rois jetzt mit ihrer Lesung aus Joseph Roths Roman „Die Geschichte der 1002. Nacht“ in Hannover wieder aufleben lassen. Und auch wer die Rois, die lange eine der wichtigsten Schauspielerinnen der Berliner Volksbühne war, nicht schon aus Detlev Bucks „Wir können auch anders“ oder Tom Tykwers „Drei“, als Kommissarin im „Tatort“ oder in „Polizeiruf 110“ kennt, lässt sich von ihr im vollbesetzten Schauspielhaus gern in jenes Österreich zurückversetzen.

Erschütternd aktuell

In eine Zeit, als der Bahnsteig noch „Perron“ hieß und der Fußweg „Trottoir“, als man einen Kellner „sekieren“ konnte, indem man ihn mit einem „Goschen halten und servieren!“ in seine Standesschranken wies. Eine Welt, in der der Adel hoch zu Ross sicher im Sattel saß und bei Hofe souverän über Abgründe hinwegtanzte, doch die bürgerliche Gegenwart als unübersichtlich, irgendwie „unkommod“ empfand. Und an der Entscheidung zwischen Anstand und Gastfreundschaft scheitern konnte – wenn der Gast Unanständiges verlangte.

Genau das tut der Schah von Persien, indem er als Gast in Wien nach der Gräfin W. als Konkubine verlangt. Taittinger führt ihm stattdessen Mizzi zu, die von dem Baron schon ein Kind bekommen und deshalb im Freudenhaus gelandet ist. Damit lässt Joseph Roth (1894-1939) in seiner Gesellschaftssatire das Verhängnis seinen Lauf nehmen, genauer: mit einer Klage der Bordellmutter Josephine Matzner, die Mizzi zeitweilig ins Gefängnis bringt, und mit einer Veröffentlichung des Ganzen durch den Schmierenschreiber Lafik, die Taittinger zum Abschied von den Dragonern nötigt und in den Freitod führt.

Sparsam und nuncenreich

Sophie Rois lässt diese Welt der gar nicht honetten Etikette, die moralische Abgründe bemäntelt, durch ihre Lesung lebendig werden - ganz ohne große Gesten, mit feinen Nuancen, einfach so im Sitzen auf dem roten Sofa, das man schon von ihrer vorangegangenen Lesung im Schauspiel kennt: Sie gibt die Puffmutter krächzend, den „Herrn Redakteur Lafik“ devot, Taittingers vorgesetzten Oberst schreiend über den „Skandal“ erbost, Taittinger selbst am Ende in einem fast Hans-Moser-mäßigen Diskant. Und Mizzi, die bis zuletzt auf eine Ehe mit Taittinger hofft, bisweilen mit leerem Blick über die Blätter des Roth-Manuskripts hinweg ins Publikum.

Vorboten der Katastrophe

Eine Hommage ans „liebenswerte Österreich“, wie Wilhelm von Sternburg über Roths Roman notierte? Eine Lesung ist stets auch eine Interpretation, und die gebürtige Österreicherin Rois arbeitet mit ihrer Strichfassung des 220-Seiten-Werks (Kiepenheuer & Witsch, 6 Euro) dessen erschütternde Aktualität heraus. So versteinert und verständnislos, wie Roth die „Eliten“ skizziert, verwundert es nicht, dass diese k.u.k-Welt der Katastrophe des Ersten Weltkriegs entgegentaumelt. Und so hilflos, wie da die kleinen Leute erscheinen, ist es kein Wunder, dass sie alldem wenig entgegenzusetzen haben. Am Ende dieses Romans sitzt Mizzi im Prater an der Kasse eines Wachsfigurenkabinetts, und ein Figurenmacher sagt, er könne auch Puppen mit Herz, Gefühl, Sittlichkeit gestalten. Aber die Leute wollten eben „nur Kuriositäten in der Welt, sie wollen Ungeheuer.“

Fast ungeheuerlich ist am Ende dieser Lesung auch die Begeisterung der Zuschauer – dreimal klatschen sie den Schauspielstar Sophie Rois wieder hinter dem Vorhang an die Rampe hervor.

Von Daniel Alexander Schacht

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