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Spielzeit Charlottes Versprechen
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00:00 24.04.2015
Aufwühlend: Werthers Briefe an Charlotte (Monika Walerowicz).
Aufwühlend: Werthers Briefe an Charlotte (Monika Walerowicz). Quelle: Thomas M. Jauk
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Hannover

Es war ein Überraschungserfolg, der 1892 bei der Uraufführung an der Wiener Hofoper gefeiert wurde: Ein französischer Komponist hatte einen der großen Stoffe der deutschen Literatur, Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, musikalisch für die Opernbühne bearbeitet. Die Opernwelt lernte dieses Werk, wie damals üblich, in der Landessprache kennen - also auf Deutsch. Umso größer war daher die Gefahr, dass durch die gesungene Übersetzung des französischen Librettos die Abweichungen von der literarischen Vorlage deutlich würden - und sich damit wieder einmal das Vorurteil bestätigte, dass kein fremdsprachiger Komponist Goethes Genius einfangen könne. Charles Gounod beispielsweise hatte mit seinem 1859 uraufgeführten Drame lyrique „Faust“ in deutschen Landen Schiffbruch erlitten. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein musste das Werk auf deutschen Spielplänen unter dem Titel „Margarethe“ seine Herkunft verleugnen.

Doch Jules Massenet, der Schöpfer des „Werther“, galt als der französische Opernkomponist schlechthin. Ihm gelang es, bekannte literarische Werke bühnenwirksam umzusetzen. Das galt für den „Werther“ ebenso wie für die vorangegangene „Manon“. Er hatte ein immenses Gespür für die Sehnsucht des Publikums nach starken Figuren, deren Psychologie nuanciert ausgeleuchtet wird. Zudem fanden er und seine Librettisten immer wieder Wege, um Situationen eine diskrete Erotik einzuhauchen.

Auch die zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen Werther und der bereits mit Albert verlobten und später verheirateten Charlotte wird plastisch und packend erzählt. Massenet und seine Librettisten strafften das Geschehen, so wird auch schon viel früher als in der Romanvorlage klar, dass Werther und Charlotte als Paar keine Zukunft miteinander haben. Bereits bei ihrer ersten großen gemeinsamen Szene - die Rückkehr vom Ball in Wetzlar - wird ihnen bewusst, dass Heiratsversprechen und Charlottes Pflichtbewusstsein sich zwischen sie drängen werden. Als älteste Tochter des Hauses trägt sie nach dem Tod der Mutter die Verantwortung für ihre Geschwister und den Haushalt. Zusätzliche Spannung gewinnt die Oper daraus, dass die Figur der Charlotte gegenüber der Vorlage deutlich aufgewertet wird. Massenet und seine Librettisten nahmen allerdings auch einen großen Eingriff in den Stoff vor: Im Unterschied zur Goethe’schen Vorlage ist Charlotte Werther keineswegs nur in platonischer Zuneigung zugetan - sie ist eine Frau, die in einem großen inneren Konflikt steckt. Denn sie liebt Werther, spürt die Verwandtschaft ihrer Seelen, auch wenn sie diese Liebe sich selbst und ihm erst eingestehen kann, als es dafür zu spät ist.

Meisterhaft spiegelt Jules Massenet im Orchester die emotionale Zerrissenheit seiner Hauptfiguren wider. Mit „Werther“ schrieb er seine „deutscheste“ Oper: durchkomponiert, mit prägnanten Motiven, die die Seelennöte seiner Hauptfiguren auf den Punkt bringen: Werther, der mit sich ringt, Charlottes Ehebund mit Albert zu akzeptieren und respektieren; Charlotte, die sich die quälende Frage stellt, ob und wie sie die eingeschlagene Bahn, den komfortablen Alltag mit Albert, verlassen will oder kann.

Es ist dieser Kernkonflikt der Handlung, der Regisseur Bernd Mottl und sein Team besonders interessiert: Wie gehen wir heute in unseren Beziehungen mit Versprechen um, wie arrangieren wir uns mit bequemen Lebensumständen? Versperren Sorgen und Verpflichtungen unseren Blick auf das Besondere, auf alternative Lebenswege? Und welche Wege führen uns aus dem (selbst gewählten) Gefängnis des Alltags?

Christopher Baumann

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