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Spielzeit Die Kraft der Fantasie
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00:00 24.04.2015
Byung Kweon Jun als Lügenbaron Münchhausen in der Jungen Oper.
Byung Kweon Jun als Lügenbaron Münchhausen in der Jungen Oper. Quelle: thomas m. jauk
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Hannover

Vor fast 300 Jahren wurde er in der Nähe von Hannover geboren, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Doch bis heute ist der Adelige aus dem beschaulichen Weserbergland bekannt als brillanter Erzähler fantastischer Abenteuergeschichten: der Lügenbaron. Seine Erinnerungen an Reisen und Kriegszüge in russischen Diensten wurden als „Münchhausiade“ literarisch aktenkundig - zunächst „bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde“ im heimischen Bodenwerder vorgetragen, noch vor seinem Tod von Erich Raspe in England (1785) und Gottfried August Bürger in Deutschland (1786) herausgebracht. Inzwischen sind sie in aller Welt bekannt und in nahezu alle Sprachen übersetzt. Auch Filme machten Münchhausen unsterblich: vom UFA-Streifen mit Hans Albers 1943 über den Film von und mit ehemaligen Monty-Python-Mitgliedern 1988 bis zur dreistündigen ARD-Adaption zu Weihnachten 2012 mit Jan Josef Liefers … Münchhausen ist bis heute populär.

Dass nun die Junge Oper im Ballhof ein Musiktheater-Stück über den legendären Lügenbaron für Kinder und Jugendliche ab neun Jahren als Uraufführung herausbringt, zeugt von der Strahlkraft der Figur Münchhausen, aber auch von ihrer Vielseitigkeit. Denn Librettist Klaus Angermann, Chefdramaturg der Staatsoper, hat nicht all die allseits bekannten Klischees für die Bühne umgeschrieben: weder reitet Münchhausen auf einem halbierten Pferd noch zieht er sich am eigenen Haarschopf aus einem Sumpf. Auch sein künstlerischer Partner, der junge Leipziger Komponist Jan Masanetz, hat weder eine historische Zitatcollage noch einen Musicalverschnitt verfasst. Das Publikum erwartet kein verzopfter Historienschinken: Die „Münchhausen“-Produktion der Jungen Oper steht in der Tradition der Sparte, alte Stoffe auf ihre Relevanz für ein heutiges, junges (und älteres!) Publikum zu befragen.

Eine Antwort auf diese Frage klingt im Schlusschoral mit fast Brecht’schem Gestus an:

„Verachtet nur die Lüge nicht, denn sie öffnet neue Weiten. Und die Kraft der Fantasie schafft uns andre Wirklichkeiten. Man muss nicht nur vernünftig sein, Spinnerei ist wichtig. Wer nur das sieht, was es gibt, sieht auch das nicht richtig.“

Lüge, Spinnerei, Fantasie … wo hört das eine auf, wo fängt das andere an? Warum ist Lügen verboten, Fantasieren aber erwünscht? Was passiert, wenn die Grenzen verschwimmen und der Fantast selbst nicht mehr zwischen Einbildung und Realität unterscheiden kann?

Angermann und Masanetz entführen ihr Publikum in Münchhausens fantastische Welten: in einen Vulkan, durch die Erdkugel hindurch an den Südpol, auf eine stürmische Seereise und sogar auf den Mond - immer auf der Suche nach der Traumprinzessin. Dabei ist bis zum Ende unklar, ob Münchhausen Herr über seine Fantasie bleibt oder ihr hilflos ausgeliefert ist. Immer wieder braucht er die tatkräftige Unterstützung seines cleveren Dieners und seiner robusten Mutter, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren und sich aus brenzligen Situationen zu retten. Dabei begegnen ihm die sonderbarsten Wesen: drei Agenten, die sich in die verführerische Venus und den polternden Vulkan, eine Eis- und eine Mondprinzessin, philosophische Pinguine und seltsame Mondbewohner verwandeln. Sie alle sind Geschöpfe seiner Einbildungskraft und entfalten ein mitunter verrücktes Eigenleben.

MÜNCHHAUSEN Musiktheater von Jan Masanetz für alle ab 9 Jahren Einführung für Familien: Sonnabend, 25. April, 15 Uhr, Foyer Ballhof Eins, Uraufführung: Freitag, 8. Mai, 18 Uhr, Ballhof Eins, Familienvorstellungen um 15 Uhr: 14. und 24. Mai, 4. , 8. und 28. Juni sowie 20. Mai, 18 Uhr, Schulvorstellungen um 11 Uhr: 13., 27. und 28. Mai, 4., 8. und 24. Juni.

Musikalische Leitung: Siegmund Weinmeister Inszenierung: Beverly Blankenship Bühne: Antonella Mazza Kostüme: Elvira Freind Münchhausen: Byung Kweon Jun Diener: Michael Chacewicz Mutter: Marie-Sande Papenmeyer Agenten/Fantasiegestalten: Eunhye Choi, Martin Busen, Jeong-Min Nam Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Die Fantasie weitet den Blick und eröffnet neue Welten - dieses Grundmotiv hat das Regieteam um Regisseurin Beverly Blankenship, Bühnenbildnerin Antonella Mazza und Kostümbildnerin Elvira Freind zum Theater selbst zurückgeführt. Auch auf der Bühne, einem eigentlich leeren, schwarzen Raum, entstehen mithilfe der Fantasie verschiedenste Welten. So entführen die Theatermacher, wie einst Münchhausen, das Publikum an Orte, von denen sie wissen, dass sie eigentlich nicht real sind. Doch für die Aufführung folgt man ihnen gern dorthin.

Alle Register der Bühnen-, Licht- und Pyrotechnik, des kostümbildnerischen Handwerks und der Schauspielkunst werden gezogen, um Münchhausens Lügengeschichten für das junge Publikum glaubhaft darzustellen: ein Bad in der glühenden Lava des Vulkans, den Sprung mitten durch die Erde hindurch an den Südpol, wo alles eisesstarr auf dem Kopf steht, die Schwerelosigkeit auf dem Mond und den spektakulären Rückflug auf die Erde.

Dass der Lügenbaron für seinen ersten Auftritt ebenso wie für diese Rückkehr vom Mond tatsächlich auf seine legendäre Kanonenkugel steigt, kann hier schon verraten werden. Wie allerdings diese Kanonenkugel im Ballhof fliegen lernt und ihren Freiherrn tragen kann, bleibt ein Theatergeheimnis ...

Swantje Köhnecke

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