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Spielzeit Im Sog der Bilder
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00:00 27.02.2015
Mauro Bigonzetti (Mitte) im Ballettsaal der Staatsoper mit Marco Boschetti, Catherine Franco und Lilit Hakobyan. Quelle: Gert Weigelt
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Hannover

Probenbeginn mit Mauro Bigonzetti. Mittwoch, 4. Februar. Das Ballettensemble hat gerade ein erfolgreiches Gastspiel in Heilbronn absolviert: zwei ausverkaufte Vorstellungen und Standing Ovations für „Inferno - Eine Italo-Revue“ von Jörg Mannes. Alle sind glücklich, aber die Reise steckt ihnen noch in den Knochen. 11.30 Uhr. Das tägliche Training ist gerade beendet. Am Abend wird die Kompanie im Musical „How to Succeed in Business Without Really Trying“ tanzen, aber jetzt warten alle auf Mauro Bigonzetti: Heute beginnen die Proben zu „Der Prozess“.

Der italienische Star-Choreograf arbeitet bereits zum dritten Mal mit Jörg Mannes’ Ensemble. Nach einer Einstudierung seiner weltbekannten „Rossini Cards“ 2009, kreierte Bigonzetti im Frühjahr 2011 „La Piaf“ für das Ballett der Staatsoper Hannover. Bigonzetti und seine Assistentin Macha Daudel kommen in den Ballettsaal. Bigonzetti umreißt in groben Zügen das neue Stück, er ist kein Mann großer Worte.

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Aus dem normalen Gehen heraus beginnt Bigonzetti, mit dem gesamten Ensemble eine erste Phrase zu entwickeln. Weiche Linien gegen sperrige Formen. Fließende Geschmeidigkeit gegen abrupte Richtungswechsel. Strenge Gefasstheit löst sich immer wieder in ein Suchen nach Balance: Menschen zwischen Kontrolle und Verunsicherung, schwankend auf dem schmalen Grat des Gleichgewichts. Plötzlich entladen sich Bewegungen wie Eruptionen aus dem Körperzentrum. Eins, zwei, drei vier, fünf, sechs, sieben, acht. Eins, zwei, drei … - die Schritte werden zunächst von Zählen begleitet. Dann kommt die Musik hinzu: Dietrich Buxtehudes Choral „Jesu meines Lebens Leben“ - der Dank an Christus für seinen Opfertod. Aber was haben die Menschen aus diesem geschenkten Leben gemacht? Der Gedanke deutet an, was in Franz Kafkas „Der Proceß“ entdeckt werden kann.

Bigonzettis Recherche zu Kafkas Werk begann sehr früh. Schon in jungen Jahren hat ihn die Verfilmung von Orson Welles stark beeindruckt, und seitdem lässt ihn der Sog dieser Bilder nicht mehr los. „Soziale Kontakte verlieren in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend an Verbindlichkeit. Auch Kafkas Herr K. verliert seine wenigen menschlichen Bezüge nach und nach vollends. Diese Beziehungslosigkeit führt K. in eine tiefe Verunsicherung. Er bewegt sich auf dem schmalen Grat der Vereinzelung in eine Orientierungslosigkeit, die schließlich im Selbstverlust mündet,“ führt Bigonzetti aus.

Franz Kafka hat seinen Roman „Der Proceß“ nie beendet, weil er sich nicht entschließen konnte, die einzelnen Kapitel zwischen Anfang und Schluss in eine endgültige Ordnung zu bringen. Erst sein Nachlassverwalter, der langjährige Freund Max Brod, der Kafkas Schaffen von Anfang an begleitet hatte, ordnete die Kapitel. Entgegen dem ausdrücklichen Willen des Autors publizierte Brod den „Proceß“, der heute zu den Hauptwerken des 20. Jahrhunderts zählt. In Mauro Bigonzettis Ballett werden die wichtigsten Figuren und Episoden des Romans in Erscheinung treten, allerdings sieht der Choreograf sie nicht in einem linearen Raum-Zeit-Gefüge: „Den fragmentarischen Charakter von KafkasProceß‘ will ich beibehalten. Zwischen den Beginn mit Herrn K.’s Verhaftung und seiner Hinrichtung am Ende setze ich Bilder und Szenen, die unterschiedliche Verknüpfungen zulassen, die wechselnde Beziehungen zueinander eingehen.“

Der Choreograf hat sich für Alte Musik von Dietrich Buxtehude, Claudio Monteverdi, Tarquinio Merula und Antonio Bononcini entschieden, deren besondere Strahlkraft er schätzt. Durch ihren spirituellen Charakter verweisen die Werke auf das Überzeitliche.

DER PROZESS: Ballett von Mauro Bigonzetti; Musik: Dietrich Buxtehude, Claudio Monteverdi, Tarquinio Merula, Henryk Górecki und andere; Choreografie und Kostüme: Mauro Bigonzetti; Bühne, Video und Lightdesign: Carlo Cerri; Licht: Elana Siberski; Dramaturgie: Brigitte Knöß. Ballett der Staatsoper Hannover. Uraufführung: Freitag, 27. März, 19.30 Uhr zur Eröffnung der Oster-Tanz-Tage 2015. Nächste Vorstellungen: 7., 15., 18. und 28.April, je 19.30 Uhr

Brigitte Knöß

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