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Spielzeit Die Kunst ist das Leben
Nachrichten Kultur Spielzeit Die Kunst ist das Leben
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00:00 31.10.2014
Die Produktion "Camille Claudel" der Staatsoper Hannover. Quelle: Weigelt
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Hannover

Der Denker“, „Der Kuss“ und „Die Danaide“. „Der Walzer“, „Die Schwätzerinnen“ und „Clotho“. Auguste Rodin und Camille Claudel leben in einem Kosmos von Ideen und Modellen, Entwürfen und Statuen. In ihrem Atelier riecht es nach Tonerde und Gips. Auf Modelltischen, Podesten, Leitern, überall liegt weißer Staub. Unfertige Plastiken sind in feuchte Tücher gehüllt. In Schränken lagern Kollektionen von Gipsabgüssen: Arme, Beine, Hände und Füße - Körperteile als Versatzstücke zur schnellen Montage neuer Sujets. Das Paar diskutiert, probiert, verwirft. Für beide ist die Kunst das Leben. Doch während Rodin mit Mitte vierzig Reputation erworben hat und gesellschaftliche Anerkennung genießt, setzt Mademoiselle Claudel mit gerade zwanzig Jahren alle Hoffnung in die Zukunft. Sie sprüht vor Ideen, die sie mit Elan umsetzen will, und sie besitzt trotz ihrer Jugend ein sicheres Qualitätsurteil. Maître Rodin ist beeindruckt von diesem Eigensinn und Durchsetzungswillen. Aber nicht nur das. Frauen ziehen ihn seit jeher an, diese fasziniert ihn. Als Assistentin hatte er sie engagiert, bald stand sie ihm auch Modell, dann wurde sie seine Geliebte. Dass dies keine rasch vorübergehende Liaison ist, merken beide schnell. Zu stark ist der Rausch aus körperlichem Verlangen und künstlerischem Schaffensdrang.

Rodins Skulpturen wirken lebendiger denn je, sie bergen all seine Gefühle für Camille, die immer mutiger wird und sicherer in ihrem Ausdruck. Ihre Porträtbüste des geliebten Meisters spiegelt die Verehrung, aber auch den untrüglichen Blick der jungen Künstlerin. Ihr ist alles Unentschiedene zuwider. Die Stunden, die Rodin auf Empfängen und bei Diners mit wohlhabenden Großbürgern und einflussreichen Freunden verbringt, sieht sie als vertane Zeit an. Sie macht ihm Vorwürfe, und er bittet um Verzeihung. Doch das größte Ärgernis sind für Camille die anderen Frauen im Umkreis Rodins: seine Lebensgefährtin Rose Beuret, mit der er einen Sohn hat, die vielen Assistentinnen, darunter auch ihre Studienfreundin Jessie Lipscomb, die Modelle und die Damen der Gesellschaft, die das Atelier besuchen, um Rodin bei der Arbeit zu sehen. Deswegen kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die an den Kräften zehren. Camille will dem endgültig Einhalt gebieten. Mithilfe ihres Bruders Paul wird ein Vertrag aufgesetzt, der ihren Anspruch geltend macht, die einzige Frau an Rodins Seite und eine eigenständige Künstlerin zu sein. Er unterschreibt, aber sein Naturell lässt sich nicht zügeln ...

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Skulpturen im Tanz

Als Stipendiat im Ballett der Pariser Oper begegnete Jörg Mannes im Museum dem Werk von Rodin und Claudel. Fasziniert von der Intimität ihrer Skulpturen und von der Bewegung, die darin steckt, begann er, sich mit den beiden Künstlerpersönlichkeiten zu beschäftigen. „Das Statische einer Plastik schien in den Figuren aufgehoben. Dadurch stellte sich für mich eine unmittelbare Relation zum Tanz her. Und seinerzeit gab es tatsächlich eine Verbindung von Rodin zu den Ballets russes und speziell zu Waslaw Nijinski, den er auch modelliert hat“, beschreibt er heute seine Eindrücke.

Und so beschäftigte er sich intensiver mit Rodin und Claudel: „Ich konnte dadurch noch viel mehr in ihren Statuen entdecken. Neben der bloßen Abbildung von Körpern spiegeln sie die emotionale Beziehung dieses Künstlerpaares, ihre Leidenschaft und ihre Abhängigkeit voneinander. Diese Darstellungen können sehr liebevoll, aber dann auch wieder brutal sein. Und manche sind eindeutig Wunschbilder wie Rodins ‚Danaide‘, für die Camille Modell gestanden hat. Dieser entspannte Körper, der unterwürfig wirkt, offenbart die Träume des Liebhabers. Zugleich ist es ein überzeitliches Bildwerk, das eine allgemein gültige Aussagekraft besitzt.“

In seinem Ballett führt Jörg Mannes das Publikum in die Welt von Camille Claudel und Auguste Rodin. Ihre Sujets stehen in unmittelbarer Beziehung zum Leben der beiden Künstler. Mannes macht die Statuen zu Darstellern ihrer Visionen und zu alltäglichen Begleitern im Atelier. „Die Skulpturen spielen eine spezielle Rolle in diesem Stück. Sie halten dem Paar einen Spiegel vor, sind Variationen dieser hoch emotionalen Beziehung. Wie eine Fotografie fixieren sie eine Pose, einen bestimmten Moment. Diese Haltung greife ich auf, um sie in Bewegung zu transformieren. Die Choreografie führt das weiter, verbindet die unterschiedlichen Sujets miteinander. Zugleich wird der Tanz emotional aufgeladen und so zum Träger von Informationen und von Stimmungen, die unter der Erscheinungsebene schwingen und über die Zeitgebundenheit hinausweisen.“

Von Brigitte Knöß

Choreografie: Jörg Mannes, Musikalische Leitung: Benjamin Reiners, Bühne und Kostüme: Alexandra Pitz, Licht: Peter Hörtner, Dramaturgie: Brigitte Knöß Ballett der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover Klavier: Alexandra Goloubitskaia, Robert Roche

DER KUSS – RODIN UND CLAUDEL, Ballett von Jörg Mannes Musik von Michael Nyman, John Adams und Sergei Rachmaninow Tanz unterm Dach 1. November, 16.30 Uhr, Ballettsaal Uraufführung 22. November, 19.30 Uhr

Spielzeit Junges Schauspiel - Wer bin ich?
31.10.2014
31.10.2014