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Spielzeit Der Verstand bleibt auf dem Mond
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00:00 30.10.2015
Marie-Sande Papenmeyer als Orlando. Quelle: thomas m. jauk
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Hannover

Den Verlust des Liebesobjektes zu verwinden, war nie eine leichte Aufgabe. Der inhärenten Enttäuschung nicht anheimzufallen wie auch dem Glauben an die alles erfüllende Liebe zu widerstehen, scheint über die Jahrhunderte nichts an Schwierigkeit verloren zu haben. Als sich Orlandos Liebe als Illusionsglaube entpuppt, bricht für ihn eine Welt zusammen, nachdem er sich vollständig in den Dienst seiner angebeteten Herzensdame Angelica gestellt und sein gesamtes Handeln nach ihr ausgerichtet hatte. Die schmerzliche Wahrheit offenbart, dass Angelicas Gefühle nicht ihm, sondern Medoro gelten. Die Leserschaft von Ludovico Ariostos „Orlando furioso“ (1516/1532), literarische Quelle des Librettos von Georg Friedrich Händels Oper „Orlando“ (1733), verbuchte dies eher als grotesk-komische denn als tragische Episode.

Ariostos 4842 Strophen umfassender Unterhaltungsroman, angereichert mit einer Vielzahl an fantastischen Geschichten, verquickt Figuren der Karls- und der Artussage mit einem überbordenden Reichtum an fiktiven Handlungsorten, unterläuft kunstvoll die Regeln der traditionellen Ritterepik und verwebt unzählige Handlungsstränge wie Figuren, versehen mit ironischen Kommentaren. Die Geschichte des „rasenden Rolands“ avancierte zu einem der beliebtesten Sujets, zunächst der Theater- und schließlich der Opernbühnen; das führte zu einer Fülle an Bearbeitungen. Der hohe Bekanntheitsgrad der Geschichte des tapfersten aller Ritter im Heer Karls des Großen, der sich von einer chinesischen Prinzessin den Kopf verdrehen lässt und aus purem Liebeskummer den Verstand verliert, erschien den Librettisten wie Komponisten als Erfolgsgarant. Orlandos Wahnsinn, zeitlich begrenzt auf die Dauer des Stückes, bietet ein fantastisches Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten.

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Die Unfähigkeit, den herben Einbruch der Realität zu verwinden, gipfelt in blinder Zerstörungswut und Halluzinationen, der titelgebenden „Raserei“. Die Heilung des Verirrten wird auf spektakuläre Art bewältigt: Orlandos Verstand ist auf dem Mond zu suchen, bei Ariosto der Ort aller verlorenen Gegenstände und zweifelsohne auch derjenige Himmelskörper, der Liebessehnsüchten und Verrückten gleichermaßen am nächsten zu stehen scheint. Nachdem die fünf Sinne des Ritters wieder hergestellt worden sind, erkennt er sein regelverletzendes Verhalten, bereut und verzichtet auf Angelica.

Auf der musikalischen Basis von diversen Werken Georg Friedrich Händels und musikalischen Bearbeitungen von Stefan Wurz spürt der Regisseur Martin G. Berger in seiner Inszenierung dem Phänomen der großen Liebe nach. Das Publikum wird auf abwechslungsreichen und außergewöhnlichen Strecken kreuz und quer durch den Ballhof geführt. Inhaltlich wie formal an Ariostos Epos angelehnt, begibt man sich auf die Suche nach Liebesidealen und begegnet auf einzigartige Weise den Sängern der Jungen Oper, fernab der ihnen angestammten Bühne. Martin G. Berger greift die Vielfalt an Handlungssträngen, die Ariosto in seinem „Orlando furioso“ miteinander verwoben hat, in seiner Inszenierung auf und überführt das reiche Spektrum an Figurenpersonal und Geschichten in eine Pluralität an Einzelschicksalen, die sich sowohl aus Ariostos Fiktion als auch den Erfahrungen der mitwirkenden Jugendlichen speist und in überzeichneter Form sowie hintersinnig verfremdet präsentiert wird. Über mehrere Wochen machten sich die mitwirkenden jugendlichen Darsteller auf die Suche nach Varianten der Liebe und wurden konfrontiert mit unterschiedlichen Problemstellungen sowie möglichen Lösungsansätzen. Welche Hindernisse stellen sich den romantischen Wunschvorstellungen, gespeist aus Ideengut des 18. Jahrhunderts, heutzutage in den Weg und wie sind sie in Einklang zu bringen mit der Realität? Zu diesem Zweck wurden Exkursionen zu diversen Institutionen in Hannover gestartet, darunter die Kinder- und Jugendpsychiatrie Auf der Bult, zwei Seniorenresidenzen, das Haus der Religionen sowie ein Offiziersheim der Bundeswehr. Vertreter des Blinden- und Sehbehindertenvereins sowie der Beratungsstelle für Gehörlose in Hannover teilten ihr Wissen mit den Jugendlichen, die sich durch aufgewecktes, kritisches Fragen neue Erkenntnisse zu verschaffen wussten.

Steffi Mieszkowski

Jugendproduktion mit Musik aus „Orlando“ von Georg Friedrich Händel, musikalische Bearbeitungen von Stefan Wurz Premiere Sonntag, 8. November, 19.30 Uhr, BALLHOF EINS Musikalische Leitung Siegmund Weinmeister Inszenierung Martin G. Berger Bühne Antonella Mazza Kostüme Sabine Schröder Mit Eunhye Choi, Karine Minasyan, Marie-Sande Papenmeyer, Pawel Brozek, Hyun-Taek Noh, Jan Szurgot und jugendlichen Darstellern und Musikern aus Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

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