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Spielzeit Regeln für die Freiheit
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00:00 27.02.2015
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Hannover

Als besonders strenges Regelwerk gilt Schönbergs „Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“. Auf dem Papier abstrakt, sollte diese Schule jedoch auch zu emotionsgeladenen Werken führen, wie sich am Violinkonzert des Schönberg-Schülers Alban Berg zeigt: Berg wurde im Februar 1935 von dem Geiger Louis Krasner mit der Komposition beauftragt, als er noch mit der Arbeit an seiner Oper „Lulu“ beschäftigt war. Doch Berg schob den Auftrag auf.

Ende April ereilte ihn die Nachricht vom Tod der jungen Manon Gropius, sie war mit 18 Jahren an Kinderlähmung gestorben. Für Berg ein erschütterndes Ereignis: Manon Gropius war die Tochter Alma Mahler-Werfels, deren verstorbener Mann Gustav Mahler ein für Berg wichtiges musikalisches Vorbild gewesen war. Dieser tragische Vorfall wurde zur Initialzündung für seine intensive Beschäftigung mit dem Violinkonzert. Es wurde zu einem Requiem für Manon Gropius, ein Werk voller Dramatik, Lyrik und Empfindsamkeit.

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„Dem Andenken eines Engels“ lautet die Zufügung zur Widmung an Louis Krasner, und sie wurde damit auch der Beiname des gesamten Konzerts. Eine der ergreifendsten Passagen ist sicherlich das Zitat des Chorals „Es ist genug“ aus der Bach-Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“. Berg gelingt es, dieses Zitat unter Befolgung der Regeln der zwölftönigen Komposition in das Konzert zu integrieren. Sein Ausloten dieses Kompositionssystems nach Möglichkeiten, Musik vergangener Epochen zu verarbeiten, macht die unvermutete Freiheit auf bewegende Weise erfahrbar.

Schönberg versuchte beispielsweise, seine revolutionäre Kompositionstechnik durch Bezug zu Johann Sebastian Bach oder Brahms als Fortführung musikalischer Traditionen erklärbar zu machen. Schönberg bewunderte die Freiheit des Ausdrucks, zu der Bach trotz der strengen Satzregeln des Barocks stets fand. Diese Bewunderung bewog Schönberg auch dazu, die beiden Ecksätze von Bachs Kompendium der Organistenkunst, die „Clavier-Übung III“, für modernes Orchester zu instrumentieren. Dabei deckt er kompositorische Schichten in Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 auf, die auf der Orgel selten zu hören sind.

Selten warfen Brahms’ Gegner ihm vor, gegen Regeln zu verstoßen - im Gegenteil. Ihr Vorwurf war eher Akademismus und Schematismus. Schönberg verteidigte Brahms hingegen als einen „Fortschrittlichen“. Er erkannte Brahms’ Errungenschaften, größere Formabschnitte, ja ganze Sätze aus kleinsten motivischen Einheiten abzuleiten.

Dies gilt in besonderem Maße für Brahms’ letzte Sinfonie, seine 4. Sinfonie e-Moll. Sie wurde wegen ihres Reichtums an Kontrasten, ihrer Wechsel zwischen Elegie und Dramatik, bereits bei der Uraufführung ein immenser Erfolg.

Auch Brahms beschäftigte sich mit der Musik Johann Sebastian Bachs und wählte für den Finalsatz die archaisch-wuchtige Form der Passacaglia. Deren Thema entlehnte er der Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“. Eine Wahl, die auch in einem anderen Sinn gut zu dem ewig skeptischen und selbstkritischen Brahms passen könnte: als eine Sehnsucht nach klaren Maßstäben und Regeln auf der Suche nach kompositorischer Freiheit.

5. SINFONIEKONZERT

Johann Sebastian Bach/Arnold Schönberg: Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 (1739/1928)

Alban Berg: Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (1935)

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 (1884-85)

Niedersächsisches Staatsorchester

Solist: Michael Barenboim, Violine

Dirigentin: Karen Kamensek

Sonntag, 22. März 2015, 17 Uhr

Montag, 23. März 2015, 19.30 Uhr

Kurzeinführung mit Karen Kamensek jeweils 45 Minuten vor Beginn

Christopher Baumann

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