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Spielzeit Absturz eines Erzkapitalisten
Nachrichten Kultur Spielzeit Absturz eines Erzkapitalisten
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00:00 27.03.2015
BankdirektorBorkman (HagenOechel) in seinernatürlichenUmgebung(Caterine Stoyanund CarolinEichhorst, rechts).
Bankdirektor Borkman (Hagen Oechel) in seiner natürlichen Umgebung (Caterine Stoyan und Carolin Eichhorst, rechts). Quelle: Katrin Ribbe
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Zu groß für seine Zeit. So sah er sich: Dr. Bethel Strousberg, eine der schillerndsten Unternehmer-Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Ein Kapitalist der ersten Stunde: Betreiber von Walzwerken und Hochöfen, Besitzer der Maschinenfabrik Egestorff in Hannover (spätere Hanomag), Patron des berühmten Viehmarktes in Berlin und unangefochtener Eisenbahnkönig Europas. Nach seiner Verhaftung wegen eines Kreditvergehens beschrieb er sich selbst als Gulliver, der unter die Liliputaner geraten sei - seine Dimensionen hätten die Einwohner erschreckt. Anders als in der klassischen Tragödie hatte in der bürgerlichen Gesellschaft diese Größe eines Einzelnen keinen Platz; Strousberg kollidierte mit ihren Gesetzen. Sein Streben, resümiert er in seinen Lebenserinnerungen, hätte eine andere Heimat gebraucht. Dabei war der Aufstieg dieses Mannes aus bescheidenen Verhältnissen zum Industriemagnaten unvergleichlich. Mit ausgefeilten Kreditfinanzierungen hatte er sein Imperium aufgebaut. Als „System Strousberg“ ging seine neuartige Methode in die Geschichtsbücher ein. Der Trick bestand darin, die Risiken der Bauvorhaben zu streuen, indem er Generalunternehmer einsetzte, deren Leistungen er nicht mit Geld, sondern ratenweise nach Baufortschritt mit Aktien der neu gegründeten Eisenbahngesellschaft entlohnte. Die Gründer und Kapitalgeber mussten damit nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten aufbringen und erhielten erhebliche Provisionen, teilweise auch Gewinne aus der Lieferung von Eisenbahnmaterial oder aus dem Verkauf von Grundstücken, die für Bahnanlagen benötigt wurden. Durch seinen raschen Aufstieg und den exzentrischen Lebensstil wurde Strousberg eine bekannte Persönlichkeit in Preußen. Die stetig steigenden Kurse der Gründerjahre trieben die Bevölkerung massenweise zur Spekulation mit Aktien. Jeder wollte ein „kleiner Strousberg“ sein. Er fand Unterstützer in den adligen Kreisen, in der Beamtenschaft und auch in der immer bedeutender werdenden Medienwelt. Strousberg war ein begnadeter Netzwerker, der sich mit Kontakten in die höchsten politischen Kreise die Akzeptanz für sein Wirken sicherte. Doch sein Geschäft war unseriös. Neben Korruption und Bestechung setzte er das Aktienkapital höher an als die tatsächlichen Baukosten und blähte durch den Handel mit diesen Papieren den Wert der Gesellschaften künstlich auf. „Mit Moral baut man keine Eisenbahnen“, war sein Lebensmotto. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erhielt er die Konzession zum Streckenbau in Rumänien und erwarb weitere Bergwerke, deren Erz jedoch verunreinigt war. Es kam zu Engpässen, die Kapitalgeber entzogen ihm das Vertrauen. Sein Imperium zerbrach. Sieben Jahre saß er wegen diverser Anklagepunkte in Haft. Der Ruf war so ramponiert, dass er nach seiner Rückkehr in der Berliner Gesellschaft nicht mehr Fuß fassen konnte.

Henrik Ibsen war fasziniert von diesem Fall. Sein Stück „John Gabriel Borkman“ setzt ein, nachdem seine Titelfigur - hier ein Bankdirektor - nach der Veruntreuung von Geldern gestürzt ist. Aus dem Gefängnis heimgekehrt, uneinsichtig, worin seine Schuld bestanden haben könnte, der Realität entwachsen, lebt er zurückgezogen im oberen Stockwerk seines Hauses und harrt auf den Moment, in dem die Finanzwelt flehend ihre Hände nach ihm ausstreckt. Die Familie ist zerbrochen, allein der Hass bindet ihre Mitglieder noch aneinander - und schafft größere Abhängigkeiten, als es die Liebe je vermochte. Die Borkmans leben abgeschottet von der Außenwelt, zu der sie nahezu jeden Kontakt verloren haben.

Figuren wie Strousberg gibt es heute wie damals. Heute heißen sie beispielsweise David A. Siegel - das ist jener Geschäftsmann, der mit seiner Agentur Westgate Resorts Luxussuiten an kleine Leute verhökerte und damit US-Milliarden verdiente. Er ließ sich wie ein Regent auf einem goldenen Thron ablichten, umgab sich mit schönen Frauen, verhalf George W. Bush ins Präsidentenamt, nahm das Schloss Versailles für sein 8000 Quadratmeter großes Wohnhaus zum Vorbild und ging schließlich durch die Lehman-Brothers-Pleite bankrott. Die Angestellten sind entlassen, die Bürotürme stehen leer. Siegel hat sich in ein Zimmer seines langsam zerfallenden Anwesens zurückgezogen, sitzt verloren vor dem Flatscreen und wartet auf den Big Deal.

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