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Spielzeit Mode geht mit der Macht
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00:00 27.02.2015
"Floh im Ohr": Die Angst vor Entdeckung treibt alle Beteiligten um. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Die Französische Revolution von 1789 machte auch vor den Fragen der Mode nicht halt. Einer der ersten Beschlüsse der revolutionären Nationalversammlung galt der Abschaffung der Standestrachten.

Die abwertende Bezeichnung „sans culotte“ (ohne Kniehose) verlor ihren diffamierenden Charakter; diejenigen, die statt der aristokratischen Kniehosen lange Hosen (pantalons) trugen, nannten sich nun selbstbewusst die „Sansculotten“. Und während die Köpfe unter der Guillotine rollten, trugen die Männer Sorge, dass sie die Hosen anbehielten: Sie erfanden den Hosenträger. Um 1800 waren das Bänder aus Seide oder Satin, die an Knöpfen im Hosenbund befestigt wurden. Erst knapp ein Jahrhundert später erfand ein Amerikaner einen Metallclip, mit dem man die Hosenträger an jede beliebige Hose „knipsen“ konnte - eine Neuerung, die aus den Trägern einen Massenartikel machte. Denn wenn auch die Zeiten der rollenden Köpfe vorbei waren: Sicher sitzen sollte die Hose nach wie vor - überall dort, wo Männer die Hose anzuhaben hatten. Daneben entdeckten die Modemacher den H-, X- oder Y-förmigen Träger und entwickelten daraus ein unverzichtbares Accessoire des modernen Mannes. Vor allem der offen überm Hemd platzierte Hosenträger galt als Zeichen einer sich selbst vertrauenden, authentischen Männlichkeit.

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Was aber, wenn der Mann, statt selbstbewusst die Hosenträger auf die breite Brust knallen zu lassen, selbige lieber unter Weste und Jacke verbergen möchte, weil auch mit ihnen die Hose nicht sitzen will - ja, er befürchten muss, dass er, den Hosenträgern zum Trotz, die Hose gar nicht mehr anhat?

Gerade so ergeht es Victor-Emanuel Chandebise in Georges Feydeaus Komödie „Floh im Ohr“: Die ganze Haltung des Direktors der Boston Life Company von Paris und Umgebung lässt neuerdings so sehr zu wünschen übrig, dass ihm sein Arzt ordinäre orthopädische Hosenträger verordnet. Die modischen „Dinger“, mit denen seine Frau ihn kürzlich überraschte, hat Victor verschenkt und trägt stattdessen unter den Kleidern versteckt die unattraktiven „Prothesen“, um zum „aufrechten Gang“ zurückzufinden und die Probleme zu lösen, die sich mittlerweile selbst in seinem Liebesleben bemerkbar machen.

Zugeben, dass er sein Heil in solchen Hilfsmitteln suchen muss, kann er nicht, selbst dann nicht, als - durch Victors Lustlosigkeit alarmiert - seine Frau beginnt, Nachforschungen anzustellen. Nur zu schnell scheint sich ihr Verdacht zu bestätigen, denn die Hosenträger, die sie ihrem Mann geschenkt hatte und die sie fest an seinem Hosenbund verankert glaubte, werden ihr per Post zugestellt. Eigentlich nicht ihr, sondern Victor, aber in dieser Lage „kümmert“ sie sich um seine Post, zumal wenn sie aus einem Stundenhotel stammt ... Ahnen Sie, welche Verwicklungen folgen? Aufgeschreckt durch einen dummen Zufall - einen „Floh im Ohr“ - werden die Helden dieser Komödie zu Getriebenen, die ihr Glück in immer aberwitzigeren Flucht- und Täuschungsmanövern suchen. Die Angst vor einer Entdeckung dessen, was sie - wie Victor die Hosenträger - unbedingt vor den Augen der Öffentlichkeit verbergen wollen, führt zu einem absurden Versteckspiel zwischen den Geschlechtern, den Freunden und Konkurrenten, in dem Feydeau die Doppelmoral des Bürgertums aufs Korn nimmt.

Danach befragt, was das Erfolgsrezept jener 39 Farcen sei, die ihn zum wichtigsten Lieferanten innerhalb der Kunst- und Unterhaltungsindustrie der Belle Epoque machten, antwortete Feydeau: „Indem ich den Wahnwitz organisiere, der die Heiterkeit des Publikums entfesseln wird, fühle ich mich nicht erheitert. Ich bewahre den Ernst, das kalte Blut des Apothekers, der eine Arznei bereitet: ein Gramm Verwicklung, ein Gramm Pikanterie, ein Gramm Beobachtung.“ Hier sind es ein paar Hosenträger, die die Komödie entfesseln.

Premiere 7. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, anschließend Schauspielparty im Foyer (Eintritt frei)

Mit Inga Busch, Jakob Benkhofer, Katja Gaudard, Susana Fernandes Genebra, Rüdiger Grass, Günther Harder, Mathias Max Herrmann, Janko Kahle, Gabriel Kähler, Christoph Müller, Andreas Schlager, Julia Schmalbrock und Gunnar Teuber.

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