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Spielzeit „Humor ist eine reizvolle Verführung“
Nachrichten Kultur Spielzeit „Humor ist eine reizvolle Verführung“
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00:00 27.03.2015
Wer bin ich? Identitätssuche in der Operette „Die Fledermaus“.
Wer bin ich? Identitätssuche in der Operette „Die Fledermaus“. Quelle: thomas m. jauk
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Hannover

Die Operette ist eine historische Gattung. Manche behaupten sogar, die Operette sei tot. Warum bringt man heute überhaupt noch eine Operette auf die Bühne?

Operette wäre tatsächlich tot, wenn sie nur das wäre, was uns die biederen Operettenklischees von den 30er-Jahren bis weit in die 50er-Jahre weismachen wollen. Aber das ist eine furchtbare Verharmlosung. Operette war immer ein Genre, das scharf und kritisch war, das den Menschen einen Spiegel vorgehalten und gesellschaftliche Vorgänge reflektiert hat. Die Operette verfolgt ein Ziel, sie verfolgt die Menschen, treibt sie vor sich her, stellt sie vielleicht bloß. Sie war jedenfalls nie einfach nur Weltflucht. Natürlich gehört auch eine gewisse Opulenz dazu; die Operette lebt von bestimmten Mechanismen, Klischees und Traditionen, die der Gattung eigen sind. Und natürlich muss man sich auf solche Dinge auch mit Lust einlassen. Es ist aber wichtig, die Mechanismen immer zu hinterfragen und herauszufinden, woher sie kommen, was sie bedeutet haben und was sie heute bedeuten könnten.

Was kann also die „Fledermaus“ für uns heute bedeuten?

Ich sehe die Entstehungszeit der „Fledermaus“ als den Beginn einer Entwicklung, die bis heute anhält, die verbunden ist mit Industrialisierung, Mechanisierung und Globalisierung und die Welt grundlegend verändert hat. Kaiser und Gott haben abgedankt. An die Stelle einer übergeordneten moralischen und politischen Instanz tritt zunehmend die individuelle Verantwortung. Damit aber taucht die Frage auf: Wer bin ich? Und plötzlich erscheint eine schwierige und verwirrende Antwort: Ich bin viel Verschiedenes. Ich bestehe aus unendlich vielen Facetten, sodass ich mich gar nicht mehr entscheiden kann, wer ich sein will. Genau das wird in der „Fledermaus“ verhandelt. Von Anfang an herrscht in dem Stück eine starke Spannung zwischen der bürgerlichen „Normalität“ und dem, was man als abnorm empfindet. Die Menschen sehnen sich nach beidem, Sicherheit und Freiheit, aber es fällt ihnen unglaublich schwer, das zusammenzubringen. Heute hat sich der Konflikt im Vergleich zur Entstehungszeit der „Fledermaus“ sogar noch verstärkt, weil auch die bürgerliche Welt nicht mehr selbstverständlich ist und als Option unter vielen anderen erscheint. Die „Fledermaus“ ist also aktueller denn je.

Wie geht man als Regisseur mit den Aufführungstraditionen um, die das Bild eines solchen Stückes bis heute prägen?

Ich möchte dem Stück sehr treu bleiben, aber ich schere mich nicht so sehr um Traditionen, die ich zwar teilweise auch sehr liebenswert finde, die mit dem Stück aber oft überhaupt nichts zu tun haben. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Traditionstreue und Stücktreue, und für mich ist nur letzteres wichtig. Ich gebe dem Stück durch meine Inszenierung eine bestimmte Farbe, aber ich bleibe ganz an der Grundstruktur des Werkes. Natürlich muss man manche Sachen für ein heutiges Publikum schärfen, damit verständlich wird, was gemeint ist. Was 1874 in seiner frechen, eindeutigen Zweideutigkeit vom Publikum unmittelbar verstanden wurde, wirkt heute manchmal nur noch unverbindlich niedlich. Da gilt es dann, die gemeinte Bedeutung freizulegen.

Operette will ja vor allem auch unterhalten. Wie würden Sie den Begriff Unterhaltung definieren?

Die gerade in Deutschland oft etablierte Abgrenzung von sogenanntem „Unterhaltungstheater“ und dem „ernsten“ Theater finde ich problematisch. Ich glaube, man muss in einer tragischen Verdi-Oper den Humor genauso suchen, wie man in einer „Fledermaus“ die Ernsthaftigkeit suchen muss. Im Idealfall ist aber jede Form von Theater unterhaltend, weil das ja nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit lustig. Man ist im Theater immer konfrontiert mit einem Publikum, mit dem man in Dialog tritt, also eine Unterhaltung führt. Dafür braucht es allerdings den Anreiz, sich auf eine gemeinsame Reise zu begeben. Ich habe viel im musikalischen Unterhaltungstheater gearbeitet und bin davon überzeugt, dass der Humor eine reizvolle Verführung ist, um ernsthaften Dingen auf den Grund zu gehen.

Interview: Klaus Angermann

Musikalische Leitung: Benjamin Reiners; Inszenierung: Martin G. Berger; Bühne: Florian Parbs; Kostüme: Susanne Hubrich; Video-Design: Philipp Contag-Lada; Licht: Peter Hörtner; Choreografie: Katrin Helmerichs-Naujok; Choreinstudierung: Dan Ratiu; Dramaturgie: Klaus Angermann; Gabriel von Eisenstein: Robert Künzli; Rosalinde: Rebecca Davis/Sara Eterno/Dorothea Maria Marx; Frank: Frank Schneiders; Prinz Orlofsky: Mareike Morr/Julie-Marie Sundal Alfred: Sung-Keun Park; Dr. Falke: Stefan Adam; Dr. Blind: Gevorg Hakobjan/Edward Mout; Adele: Ania Vegry/Athanasia Zöhrer; Frosch: Steffen Scheumann; Ida: Stella Motina Chor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

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