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Spielzeit Wallraff in Hannover
Nachrichten Kultur Spielzeit Wallraff in Hannover
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00:00 24.04.2015
Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Hannover im März 1977. In der Bemeroder Straße betritt ein Mann das Druck- und Redaktionshaus der „Bild“-Zeitung. Im Bewerbungsgespräch wird er sich als der knapp 30-jährige Hans Esser ausgeben. „Esser, wie Messer.“ Wenig später erscheint in „Bild“ Hannover der erste Artikel Hans Essers unter dem Titel „870 Kleingärten sollen sterben - für eine Straße“. Das Bewerbungsgespräch war erfolgreich. Esser ist drin. Wallraff ist drin.

Denn bei Hans Esser handelt es sich um den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, der sich für seine Rolle den markanten Schnauzer abrasiert und sich einen anderen Habitus zugelegt hat. Aufnahmen eines holländischen Filmteams zeigen ihn in der Redaktion: agil, jünger wirkend, als er eigentlich ist, scheinbar ein typischer „Bild“-Mann mit Biss und ohne Skrupel. „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden“, so seine Prämisse.

Verkleidungskünstler Günter Wallraff

Wallraff ist ein Meister der investigativen Recherche. Als Türke Ali schuftete er bei Thyssen und McDonald’s. Er schlüpfte immer wieder in unterschiedlichste Rollen, war „Lakaien-Mönch“ im Kloster der Thurn und Taxis in Regensburg, telefonierte als Michael G. bei CallOn und Ziu-International, war namenloser Obdachloser, simulierender Alkoholiker in der geschlossenen Psychiatrie und lebte ein Jahr lang als Schwarzer in Deutschland.

Warum all diese Verkleidungen? „Ich wurde zu bekannt, in den Betrieben warnte man über Steckbriefe vor meiner Einstellung. Seitdem musste ich mein Aussehen verändern und mir andere Papiere besorgen. Später versuchte man immer wieder, die Methode zu diskreditieren, um von den erschreckenden Inhalten abzulenken. Es wurde auch immer wieder gesagt, ich hätte die Kollegen getäuscht. Ich hab aber noch nie von einem ehemaligen Kollegen gehört, dass er sich beschwert hat.“

Seine Erlebnisse bei „Bild“ Hannover hielt Wallraff in einem Buch fest, das Ende 1977 nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion erschien. „Der Aufmacher“ schlug ein wie eine Bombe. Erstmals berichtete jemand über die Methoden und Fälschungen aus dem Inneren der auflagenstärksten Zeitung Deutschlands und legte sich mit dem mächtigen Springer-Konzern an. Ein Springer gewogener Hamburger Richter ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen: „Das Buch ist ein Skandal. Es hätte nie erscheinen dürfen.“

Wallraff hatte „Bild“ ad hoc verlassen müssen, weil seine Tarnung aufgeflogen war. Bis heute weiß er jedoch nicht, wer die Redaktion damals gewarnt hat: „Es gibt zwei Versionen. Ich hatte einigen Vertrauten und Freunden erzählt, dass ich bei der ‚Bild’-Zeitung undercover recherchiere. Aber jeder, dem man das unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, hat wieder einen Vertrauten, dem er es weitererzählt, und so landet die Information irgendwann da, wo sie nicht hingehört.

Seitdem habe ich es mir zum Prinzip gemacht, nur noch meinem Lektor und vielleicht meiner Frau etwas zu erzählen. Die zweite Möglichkeit ist die, dass ich abgehört wurde. Man hat ja immer wieder versucht, meine Arbeit mit Abhöraktionen unmöglich zu machen.“

Springer versus Wallraff

Der Springer-Konzern setzte Detektive auf Wallraff an und diffamierte ihn als „Lügner“, „Psychopathen“ und „Untergrundkommunisten“. Das Thema „Bild“ lässt Wallraff über Jahre nicht los. 1979 erscheint „Zeugen der Anklage. Die Bildbeschreibung wird fortgesetzt“ und 1985 „Bild-Störung. Ein Handbuch“. Haben seine Enthüllungen „Bild“ verändert? Wallraff erinnert sich: „Es gab einen ehemaligen ‚Bild’-Chefredakteur, der sagte: ‚Es gibt für uns eine Zeit vor und eine Zeit nach Wallraff. Nachdem er bestimmte Punkte aufgedeckt hatte, konnten wir uns einiges nicht mehr leisten und mussten vorsichtiger sein.’ Ich habe einen Selbsthilfefonds gegründet (‚Wenn „Bild“ lügt - kämpft dagegen’) und zahlreiche weitere Aktionen gegen ‚Bild’ gemacht.

Das alles führte dazu, dass ‚Bild’ einen Auflagenrückgang von einer Million hatte und Politiker und Gewerkschafter „Bild“ keine Informationen und Interviews mehr gaben. Der jetzige Chefredakteur Diekmann lässt die Abhöraktionen, die gegen mich liefen, heute aufarbeiten. ‚Bild’ ist für mich aber nach wie vor in der Rolle eines gemeingefährlichen Triebtäters, den man ständig unter Kontrolle halten muss.“

Wallraff und Team decken auf

Wallraff ist weiterhin auch undercover unterwegs. Für die Sendung „Team Wallraff“ bei RTL leitet er eine jüngere Generation von Investigativjournalisten an. Die vergangene Ausgabe dieser Sendung über die Zustände in deutschen Jobcentern sorgte flächendeckend für Aufmerksamkeit.

Wallraffs Texte, vor allem seine Recherche bei der „Bild“-Zeitung Hannover, werden jetzt am Schauspiel Hannover zum Ausgangspunkt für eine szenische Annäherung an das Phänomen Günter Wallraff - und eine Reflexion über Rollen und Identitäten, die Erkundung und Inszenierung der Realität. Welche Sprengkraft liegt noch immer in diesen Texten? Welche Fragen leiten sich aus Geschichten und Methode für heute ab?

Wallraff arbeitet mit Verkleidung, agiert in seinen Rollen-Reportagen oft gleichzeitig als Schauspieler und Regisseur in einer Person. Um etwas über die Realität offenzulegen, benutzt er theatrale Mittel. Was passiert, wenn die daraus gewonnenen Geschichten auf eine Bühne kommen? Über allem steht die Frage, wie ein Engagement für die brennenden Fragen der Zeit, sei es als Journalist oder als politisch-bewusster Künstler, möglich ist.

Welche Sprengkraft liegt immer noch in diesen Texten?

„Ich erreiche immer wieder, dass vor Ort etwas geschieht und verbessert wird“, meint Wallraff heute, „dass auch Menschen nachdenklicher werden, die Verantwortung haben - also eine Bewusstseinsveränderung und die Stärkung eines kritischen Potenzials. Meine Arbeit ermutigt Menschen, sich zur Wehr zu setzen und sich nicht alles gefallen zu lassen - sich sozial zu engagieren.“

Wir sind Günter Wallraff! von Alexander Eisenach, Johannes Kirsten und Ensemble Uraufführung: 17. Mai, 20Uhr, Cumberlandsche Bühne anschl. Premierenfeier in der Galerie

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