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Spielzeit "Wir sind fast wie Indianer unterwegs“
Nachrichten Kultur Spielzeit "Wir sind fast wie Indianer unterwegs“
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00:00 29.05.2015
Das Ensemble von „Il Mondo facile del Signor Fellini“, Regisseur Hirche (mit Hut an der Stirnseite hinten): „Fellini macht erstmal Lust“. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Herr Hirche, ein Sommertheater im Theaterhof im Geiste Fellinis – was schwebt Ihnen als Regisseur dabei vor?

Hirche: Fellini macht erst mal Lust. Ich mag seine Filme, ihre Opulenz, das Italienische. Ich empfinde ihn fast wie einen Bruder im Geiste. Er geht oft Umwege, kokettiert mit Unwissenheit, mit Zufällen. Das ist mir sehr sympathisch.

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Haben Sie schon mal woanders Sommertheater gemacht?

Hirche: Ja, große Open Airs in Jena, Magdeburg und Hildesheim. Das Projekt in Jena, „Finster, Schiller, Finster“, war diesem hier sehr verwandt. Zu Probenanfang hatten wir den Titel und sonst gar nichts. Dann habe ich 20, 30 Seiten geschrieben, so wie jetzt auch, es wurde draußen geprobt und schließlich dreimal vor tausend Leuten gespielt. Das war vor 18 Jahren.

Was ist anders beim Sommertheater?

Hirche: Du musst draußen extrem über Abläufe nachdenken. Über Wege, Blickachsen, das Wetter, selbst die Windrichtung. Man ist fast wie ein Indianer unterwegs. Man kommt da raus mit glühendem Gesicht, man muss viel mehr Energie investieren und viel lauter sprechen. Die Vögel, der Wind, das Wetter – alles spielt mit. Das hat etwas sehr Elementares. Dadurch entstehen manchmal auch glückliche Zufälle.

Zum Beispiel?

Hirche: Früher hab ich mal in den Herrenhäuser Gärten bei „Max und Moritz“ mitgespielt. Und in der Szene, als der Böck gerettet werden soll mit den Gänsen, die er an den Füßen fasst, fliegt plötzlich in zehn Metern Höhe so ein Gänsepaar in Zeitlupe vorüber. Das war so wahnsinnig! Das könnte nicht mal Hollywood organisieren.

Wie gehen Sie mit dem Wetter um?

Hirche: Das Wetter ist ein Problem, Kälte mehr als Regen. Wenn ich bei Regen ins Theater gehe und weiß, es ist draußen, dann nehme ich einen Schirm mit oder ziehe mir eine warme Jacke an. Bei uns wird es Decken geben. Alles halb so wild. Aber gegen Kälte kann man nichts tun – außer vielleicht vom Rotwein zum Glühwein zu wechseln.

Süßmilch: Wenn plötzlich ein Regenschauer runterkommt und man es schafft, trotzdem weiterzuspielen, dann kann das noch mal ein ganz anderes Erlebnis für alle Beteiligten werden.

Hirche: Natürlich kann es auch mal sein, dass es so dermaßen schifft, dass man nach Hause gehen muss. In Athen hatte ich mal ne Bombendrohung. Das war eine Übung vor der Olympiade. Die Zuschauer haben eine Stunde vor dem Theater gewartet, aber dann mussten wir sie nach Hause schicken.

Herr Süßmilch, wie nähern Sie sich als Musiker dem Thema?

Süßmilch: Im Moment gleiten wir oft so rüber aus musikalischen Proben. Man probt ein Lied, und dann kommt plötzlich der Text dazu, und man stellt improvisierend einen Übergang von der Musik in die Szene her. So tasten wir uns heran, um den Geschmack zu kriegen.

Welche Musik wird denn zu hören sein?

Süßmilch: Mit Nino Rota, der ja die meisten Filmmusiken für Fellini geschrieben hat, gibt es eine super Vorlage. Ob es nun das Trompetenmotiv aus „La strada“ ist oder manche Themen aus „La dolce Vita“ – vieles davon werden wir benutzen. Material gibt es reichlich. Wir werden den Bogen von Adriano Celentano bis zu sizilianischen Blaskapellen spannen. Auch die italienische Gesangstradition wird anzitiert – von Verdi bis Monteverdi.

Wie wird sich der Theaterhof verwandeln?

Hirche: Erst mal reagieren wir auf den Ort. Wir lassen ihn, wie er ist, und gucken, was da ist. Es gibt diese schönen Bäume mit den Inseln drumherum. Die bauen wir viermal nach. So schaffen wir ein Inselsystem, das den Zuschauern suggeriert, dass hier eventuell etwas parallel stattfindet. Sie werden nicht alles mitkriegen, aber das macht nichts, denn das Geschehen wird durch die Musik immer wieder zusammengeführt. Immer wieder wird der Blick auf etwas gelenkt, was alle sehen sollen. Und es gibt eine sehr schöne Gliederung durch eine Kunstrasenstraße, die den Hof teilt, auch das Foyer integriert und mitten durch die Zuschauer geht. „La strada“ – die Straße – ist ja Fellinis berühmtester Film. Darauf nehmen wir auch Bezug.

Wird das Publikum sitzen oder über den Hof flanieren?

Hirche: Jeder Zuschauer bekommt einen Platz. Man kann auf schön gestalteten Bierbänken, kleinen Caféhausstühlen oder Plastiksesseln mit Lehnen sitzen. Die Platzwahl ist frei, es lohnt sich also, früh zu kommen. Es passiert auch schon was.

Süßmilch: Ja, eine halbe Stunde nach Einlass gibt es eine Art Vorspiel in so einer Biergarten-Italiener-Restaurant-Atmosphäre. Und es wird auch einen Auslass geben: Wenn die Nächte lau sind, dann kann man tatsächlich auch länger dort sitzen.

Es sind zehn Schauspieler dabei, ein Drittel des Ensembles, aber auch ganze Heerscharen von Statisten. Wofür werden die gebraucht?

Hirche: Es wird einen Chor von Serviertöchtern geben. Junge gut aussehende Hannoveranerinnen, die wie Ferienaushilfen kostümiert und arrangiert werden. Drei, vier Figuren haben wir eigentlich so gefunden, wie man zum Film kommt: Man muss im richtigen Moment am richtigen Ort sein und die richtige Frage stellen. 

Das Gros der Statisten sind Musiker.

Süßmilch: Albrecht will diesen Hof mit verschiedenen Musikgruppen bevölkern. Nun spielen wir aber 16-mal innerhalb von drei Wochen – das kann kaum ein Laienmusiker leisten. Darum hat eine Mandolinenlehrerin für uns einen Pool aus 60 Musikern zusammengestellt, um zu gewährleisten, dass an jedem Abend ein Orchester von 15 Leuten spielt. Es wird aber auch Blechbläser geben.

Vielleicht wirken auch drei Sudanesen vom Flüchtlingscamp auf dem Weißekreuzplatz mit. Wie kam es dazu?

Süßmilch:Das war mein Wunsch. Ich dachte: Italien und diese reiche Filmwelt von Fellini – und vor Lampedusa geht es pausenlos weiter. Es gibt ja in „Schiff der Träume“ diese Szene, wo sie auf dem Ozean sind, und plötzlich kommt da so ein Flüchtlingsboot – in dem Fall sind es osteuropäische Flüchtlinge, vor denen sie Angst haben. Ich finde es wichtig zu sagen: Das ist einfach die Realität. Sie sind hier, und es werden in Zukunft noch mehr werden. Drei sudanesische Musiker, die im Camp am Weißekreuzplatz leben, haben Interesse mitzumachen. Ich hoffe, dass es klappt.

Welche Stimmung möchten Sie auf dem Theaterhof erzeugen?

Hirche: Dass so eine ansteckende Magie entsteht, die man noch ein paar Tage später mit sich trägt. Schön wäre auch, wenn manch einer am Ende sagt: Ich würde gerne auch mal da drüben sitzen – und wiederkommt.

Premiere am 6. Juni, 21 Uhr. Weitere Vorstellungen vom 7. bis 28. Juni

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