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Kultur Spitzen des Club of Rome fordern im Schloss Herrenhausen Engagement für die Zukunft der Erde
Nachrichten Kultur Spitzen des Club of Rome fordern im Schloss Herrenhausen Engagement für die Zukunft der Erde
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01:15 01.09.2018
Klimaflüchtlinge –Frauen warten auf Nahrung im Flüchtlingslager  Basabo bei Dhaka in Bangladesh.
Klimaflüchtlinge –Frauen warten auf Nahrung im Flüchtlingslager Basabo bei Dhaka in Bangladesh. Quelle: picture alliance / dpa
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„Come on“, sagt der Mann am Pult – und lotet erst einmal die Dimensionen dieser Worte aus. „Das kann ,Tu nicht so‘ oder ,Stell dich nicht an‘ heißen, aber auch ,Los geht’s‘ oder ,Komm mit‘ – ein Appell zur Veränderung also und zum Handeln.“ Dabei lehnt er locker am Pult, spricht frei, hat für seine Rede nur ein Buch, das er dabei hochhält: „Come on“ – denn so heißt der jüngste Bericht des Club of Rome, dessen Präsident er ist.

Sehnsucht nach Seriosität

Ernst Ulrich von Weizsäcker, der 79-jährige und mit seinem Vortrag immer noch jugendlich wirkende Redner, hat zu diesem Zeitpunkt längst das Publikum im Schloss Herrenhausen mitgenommen – und noch einmal so viele warten vergebens in der rund 200 Meter langen Menschenschlange davor. „So dicht gefüllt“, sagt Wilhelm Krull, der Generalsekretär der gastgebenden Volkswagenstiftung, „habe ich das Auditorium noch nie erlebt.“

Das ist der Club of Rome

Club of Rome - das ist ein Netzwerk von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern. Er wurde 1968 gegründet und setzt sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein. Mit dem 1972 veröffentlichten Bericht „Grenzen des Wachstums“ erlangte er große weltweite Beachtung. Seither sind 34 Zukunftsstudien in seinem Auftrag erschienen. Die jüngste wurde von Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman, den derzeitigen Präsidenten des Club of Rome, herausgegeben: „Wir sind dran. Der große Bericht. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt“. Verlag Gütersloher Verlagshaus, 400 Seiten, 24,99 Euro. Ein Mitschnitt der Veranstaltung im Schloss Herrenhausen wird am 4. September um 19 Uhr, am 5. September um 15.30 Uhr und am 6. September um 22.15 Uhr vom Sender H1 im Kabelnetz Hannover ausgestrahlt. Einen Audiomitschnitt der Veranstaltung gibt es vom nächsten Dienstag an unter www.volkswagenstiftung.de/veranstaltungen/veranstaltungsberichte.

Die Relevanz des Themas „Zukunft denken – Welt erhalten“, zu dem die Volkswagenstiftung anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Club of Rome eingeladen hat, sowie die Prominenz des Podiums dürften zu diesem Massenandrang geführt haben – und, in Zeiten eines postfaktischen Populismus, wohl auch die Sehnsucht nach faktenbasierten Einsichten und verantwortungsvoller Bürgerlichkeit. Die verkörpert dieses Podium zweifellos in hervorragender Weise: Neben dem Naturwissenschaftler Weizsäcker, der mal Präsident der Uni Kassel, dann viele Jahre Direktor des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und später Parlamentarier der SPD war, sind dort Petra Künkel, Direktorin des Collective Leadership Institute und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, sowie deren Direktor Mojib Latif präsent. Und eben Wilhelm Krull als Chef der Volkswagenstiftung. Die hat einst die Studie „Grenzen des Wachstums“ finanziert hat, die inzwischen in 30 Sprachen und einer Auflage von zehn Millionen publiziert ist. erreicht hat und die erste Stu finanziert hat.

Kernproblem Bevölkerungswachstum

„Grenzen des Wachstums“ war der erste von insgesamt 34 Berichten des Club of Rome, die durchweg vor grenzenlosem Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung auf dem begrenzten Planeten Erde, vor Umweltzerstörung, Ressourcenvergeudung und Klimawandel gewarnt haben. Lauter düstere Prognosen, nichts als Alarmismus und Kassandrarufe? Weizsäcker illustriert mit drei Zahlen, welche Folgen menschliches Handeln auf dem Globus hat: „Das Gewicht der Wirbeltiere auf dem Globus machen zu drei Prozent Wildtiere, zu 30 Prozent Menschen und zu 67 Prozent Haustiere aus.“ Gegen menschliche Wachstumslogik haben offenbar auch Wale und Elefanten keine Chance. „Die menschliche Art breitet sich brutal und aussichtslos aus“, sagt der Club-of-Rome-Präsident. Das sei letztlich ein „Selbstmordprogramm“ für die Menschheit. „Vor allem das Wachstum der Weltbevölkerung muss gebremst werden –wenn das nicht gelingt, haben alle verloren.“

Auch aus Warnungen der Wissenschaftler würden oft die falschen Konsequenzen gezogen. „Wir haben passable Diagnosen - und erleben idiotische Therapien“, sagt Weizsäcker. „,Grenzen des Wachstums’ hat zwar viele Politiker alarmiert, doch die wollen zum Umsteuern oft erst einmal mehr Wachstum.“ Mehrfach schon seien so Chancen für eine Umkehr verpasst worden, sei es wegen dieser Wachstumsfixierung, sei es, weil etwa nach dem Mauerfall die Gelegenheit verpasst worden sei, die Friedensdividende aus unnötigen Rüstungskosten in eine nachhaltige Entwicklung zu lenken. „Statt dessen gab es Steuersenkungen für die Konzerne und die Reichen - und aus dem sozialmarktwirtschaftlichen ist ein wilder Kapitalismus geworden.“

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif schilderte die Dringlichkeit des Umsteuerns am Beispiel der Ozeane, die schon jetzt zu warm und zu sauer seien - und nannte Folgen von Überfischung, Artensterben und Überschwemmungen. „Der Pariser Klimagipfel hat zwar das Ziel formuliert, die Erderwärmung auf zwei Prozent zu begrenzen, aber die Selbstverpflichtungen würden zu drei Prozent führen - und wenn diese freiwilligen Ziele nicht umgesetzt werden, erleben wir in diesem Jahrhundert eine Erwärmung um fünf Prozent.“ Und Petra Künkel forderte, die Diagnosen durch einen „Narrativ der Lust auf Veränderung“ zu ergänzen.

Wenn wir nichts ändern

Diesem Duktus folgt, ganz ohne Alarmismus, die jüngste Publikation des Club of Rome. „,Come on‘, heißt es darin, erzähl mir nicht, die üblichen Pfade seien nachhaltig“, sagt Weizsäcker. „Come on, haltet nicht an überalterten Philosophien fest“: Weder die reine Marktlogik noch der überkommene Liberalismus oder ein positivistisch verknöcherter Rationalismus böten Auswege. „Der globale Markt erpresst die Einzelstaaten, dabei brauchen wir eine Balance zwischen privatem Markt und staatlichen Regeln, Mensch und Natur, kurz- und langfristischen Weichenstellungen.“ Und mit einem „Come on“ startet in der jüngsten Studie auch das dritte Kapitel, das einer Handlungsaufforderung dient. „Kommt mit auf eine spannende Reise - hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft und Welt.“

Am Ende seines Vortrags markiert Weizsäcker dann noch, worin die Alternative zu einem Richtungswechsel liegt. „Der Verlag hat als deutschen Titel ,Wir sind dran‘ gewählt – was wunderbar mehrdeutig ist: Wir sind damit dran, anders zu handeln, und wenn wir nichts ändern – dann sind wir eben dran.“

Von Daniel Alexander Schacht