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MerciBAKU – Imres Tagebuch Heute: „SimCity“ und Waldorf-Diktatur
Nachrichten Kultur Themen Eurovision Song Contest 2012 MerciBAKU – Imres Tagebuch Heute: „SimCity“ und Waldorf-Diktatur
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06:15 28.05.2012
Von Imre Grimm
Roman Lob vertritt Deutschland beim diesjährigen ESC.
Roman Lob vertritt Deutschland beim diesjährigen ESC. Quelle: dpa
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Baku

Und wenn Sie ABSOLUT SPITZE UND ULTIMATIV SENSATIONELL wirtschaften, dann sieht ihre Stadt aus wie Baku. Ich weiß jetzt, wo „SimCity“ erfunden wurde. Bei  „SimCity“ gibt es zwei Tricks, um an mehr Geld zu kommen: Entweder lassen Sie den Rechner über Nacht laufen. Oder Sie drücken „Steuerung + X“ und tippen „l-o-v-e-m-o-n-e-y“. Versteckte Funktion. Tolle Sache. Ich wette, irgendwo in Baku sitzt Tag und Nacht ein brummeliger Beamter und tippt mit der Zunge im Mundwinkel „l-o-v-e-m-o-n-e-y“, und die Sache läuft wie geschmiert.

Und zwar so geschmiert, dass die Aserbaidschaner einfach nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld. Aber statt dass sie es Griechenland geben oder den Schlecker-Kindern oder Facebook-Aktionären oder anderen notleidenden Mitgliedern der Weltgemeinschaft, behalten sie es selbst. Die Stadt Baku sieht deshalb an den meisten Stellen so aus:

Oder auch so:

Und wenn es irgendwo noch etwas schedderig aussieht, dann klatscht man einfach ein Gerüst mit dem hübschen Foto einer hübschen Mauer davor. Sie sehen hier Original (links) und Fälschung (rechts). Man kann auch sagen: Sie sehen auf diesem Foto alles, was Baku ausmacht.

Und wenn Sie um die nächste Ecke biegen, ist da garantiert ein Kunstmarkt oder ein Jazzfestival oder irgend ein Dingsbums, bei dem 200 Männer mit weit geöffneten Hemden stehen - die meisten haben sich untergehakt, man macht das hier so -, und dabei zugucken, wie sich ein goldglänzender Athlet in Zeitlupe verbiegt. Und da heißt es, bestimmte Ausprägungen der humanoiden Geschlechtsorientierung hätten dieses Land noch nicht erreicht beziehungsweise würden nicht akzeptiert. (Ich benutze hier bewusst Fremdwörter, um den aserbaidschanischen Geheimdienst zu verwirren, der diesen Text möglicherweise scannt, bevor er ihn über die Grenze lässt).
Aber was soll man sagen? An vielen Stellen ist Baku geradezu obszön schön:

Und kann ein Land, in dem Sasha Baron Cohens Film „The Dictator“ im Kino läuft, wirklich so eine Art Diktatur sein?
Ich glaube, Aserbaidschan ist eine milde Form der Diktatur. So eine Art Waldorf-Diktatur. Man darf offiziell alles Mögliche tun, aber wenn man etwas tun möchte, was nicht erwünscht ist, dann kommt jemand und sagt „Dududududu! Was haben wir dir denn getan? Wir sind doch immer gut zu dir. Hier guck: schicke Straßenlaternen, und ein Kettenkarrussell, und es läuft sogar der ,Dictator' im Kino. Und da schreibst du so böse Sachen über die schöne, erfolgreiche, kluge, gutgekleidete, gütige Präsidentengattin Mehriban Alijeva in dieses Internet rein? Das finden wir nicht so gut. Also hopphopp, zurück an die Arbeit. Jemand muss noch die Straße fegen, was sollen denn die Touristen denken, wenn die Kippe da liegenbleibt?“
Morgen Abend ist nun endlich das Finale des Eurovision Song Contest. Endlich! Endlich ist Schluss mit bunten Kulissen, mit optischen Tricks, mit teuren, künstlichen Effekten, endlich geht es um … äh …

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