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MerciBAKU – Imres Tagebuch Heute: Thomas D sucht Granatäpfel
Nachrichten Kultur Themen Eurovision Song Contest 2012 MerciBAKU – Imres Tagebuch Heute: Thomas D sucht Granatäpfel
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06:15 27.05.2012
Von Imre Grimm
Foto: Imre Grimm schreibt für HAZ.de das Eurovisions-Tagebuch „MerciBAKU“.
Imre Grimm schreibt für HAZ.de das Eurovisions-Tagebuch „MerciBAKU“.
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Baku

Die Luft ist warm, es weht ein lauer Wind, den die Bakuer Präsidialkanzlei wahrscheinlich eigens von einem in den Wolken verborgenen Riesenventilator über dem Kaspischen Meer erzeugen lässt.

Es gibt Kartoffelsalat und Nürnberger Bratwürstchen vom Grill (es ist schließlich die Deutsche Botschaft), und am Keyboard hinter Roman Lob sitzt - sonnenbebrillt und mit der Frisur von Pierluigi Collina - der deutsche Botschafter, Herr Herbert Quelle aus Herford, und haut persönlich in die Tasten. Wenn er den Laden schon mal voll hat, dann will er auch ordentlich was bieten. Ich weiß nicht, wie oft er den Laden sonst so voll hat in Baku, Aserbaidschan. Herr Quelle war schon im diplomatischen Dienst in Los Angeles, Pretoria, Havanna, Warschau und London. Und jetzt halt Baku. Dafür ist er jetzt Botschafter.

Unten steht Thomas D im grünen T-Shirt, der sich für den Trip nach Baku offenbar das Grinsen von Stefan Raab geliehen hat. „Ich habe ja schon viele Botschaften erlebt“, sagt Thomas D, „aber diese hier ist echt lustig. Mal was Anderes.“ Allmählich hat der Roman aber Stimmprobleme, weil er hier dauernd auf irgendwelchen als PR-Termin getarnten Zechgelagen für Journalisten und andere Schmarotzer singen muss. Langsam müsse es mal gut sein, findet Thomas D, ganz der sorgende Vater, „wir sind ja schließlich wegen Samstag hier. Es geht bei der ganzen Reise um Samstag und nicht darum, sich zum Affen zu machen.“ Er sagt wirklich „zum Affen machen“.

Thomas D sagt dann noch, dass er von Aserbaidschan kulinarisch enttäuscht sei, weil es im Supermarkt (es gibt einen Supermarkt? Thomas D? Ja? Wo denn bitte? Leg mir einfach einen Zettel in mein Fach im Pressezentrum, bitte!) keine frischen Granatäpfel gebe, „und die anderen Köstlichkeiten“. Ansonsten sei die Debatte um die Menschenrechte ziemlich „fehl am Platz. Denn hier gibt’s freies Internet, hier herrscht Religionsfreiheit, hier ist was im Gange. Es ist eine etwas arrogante Haltung, zu meinen, alle sollten bitte so sein wie wir. Diese Haltung können wir den Amis überlassen“.

Diese Wiedergabe der Ereignisse ist natürlich verknappt, ungerecht und ohne die mimische Ergänzung durch Thomas D unvollständig. Er hat das sehr nett gesagt und hatte dabei dieses verschmitzte Grinsen im Gesicht. Aber man kann ja nicht das ganze Internet vollschreiben.

Denn dann passierten zwei wirklich wichtige Dinge:

1. Ich habe mein Geld wiedergefunden. Die spurlos verschwundene Summe für meine Hotelübernachtungen ist auf dem Konto einer kleinen Reiseagentur irgendwo in Baku gelandet, und die kleine Reiseagentur hat sich gedacht: Wir sind doch nicht blöd und verraten dem Hotel, dass wir hier noch Geld aus Germany rumliegen haben. Der Chef vom Hotel hat fast geweint, als ich ihm erzählt habe, wer sein Geld hat. Ich hoffe, er liegt morgen nicht mit Beton an den Füßen im Kaspischen Meer.

2.: Ich habe endlich bemerkt, dass die aserbaidschanische Sprache total einfach zu simulieren ist. Der Trick: Man lässt einfach alle überflüssigen Vokale weg und macht ab und zu „chrr“ und „dschsch“ dazu. So wird „Boulevard“ zu „BULVAR“ und „Apotheke“ zu „APTEK“ und Kaffee zu „KAFE“ und „Restaurant“ zu „RESTORAN“. Und der „Eurovision Song Contest“ zu „EROVISN SON KONTST“. Und wenn Sie dann noch „Chrr“ und „dschsch“ machen, klingen Sie auch nicht absonderlicher als die Schweizer Milchrocker von Sinplus, die beim Halbfinale am Dienstag völlig zu Recht rausgeflogen sind. Jetzt erstmal einen Granatapfel.

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