Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Eurovision Song Contest 2012 Roman Lob: „Mein Ziel ist ein Top-Ten-Platz“
Nachrichten Kultur Themen Eurovision Song Contest 2012 Roman Lob: „Mein Ziel ist ein Top-Ten-Platz“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 14.04.2012
Von Imre Grimm
Foto: Der Nachfolger von Lena Meyer-Landrut ist der 21-jährige Roman Lob.
Der Nachfolger von Lena Meyer-Landrut ist der 21-jährige Roman Lob. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Roman, bis vor ein paar Monaten warst du Industriemechaniker im Westerwald. Werkstatt, Öl, Schraubenschlüssel, Blaumann. Im Mai singst zu vor 120 Millionen Menschen in Baku. Was ist passiert?

Tja, Berufswechsel. Von einem Tag auf den anderen. Wir haben in unserer Firma Folien hergestellt. Ich musste die Maschinen warten, die laufen 24 Stunden am Tag. Und dann das. Jetzt bin ich Sänger.

Es ist ja nicht nur das reine Vergnügen, wenn einen jetzt die Ortsbürgermeisterin lobt und der Chef der Schützenbruderschaft. Ministerpräsident Kurt Beck hat gesagt, er wolle „ein paar Fastnachtsschlager“ mit dir singen. Ist das alles nicht auch ein bisschen schrecklich, wenn man 21 ist?

Ich finde das eigentlich alles ganz cool, die unterstützen mich, so gut sie können. Seit der ersten Sendung des Vorentscheids „Unser Star für Baku“ haben die Leute bei uns im Schützenhaus Public Viewings veranstaltet. Letzte Woche war ich gerade mal wieder zu Hause in Rott.

Deine Vorgängerin Lena stand 2010 und 2011 unter riesigem Erwartungsdruck – und hatte Erfolg. Du bist ihr Nachfolger. Man wird dich mit ihr vergleichen. Hältst du dem stand?

Ich bin ein entspannter Typ. Ich lasse mich nicht stressen. Klar denken die Leute: Jetzt muss der Roman auch gewinnen. Aber ich bin nicht Lena. Ich fahre einfach als Roman nach Baku und bleibe, wie ich bin. Ich sage nicht: Ich muss jetzt auch siegen, sonst ist alles vorbei und die Leute hassen mich. Lena hat das Ding nach Hause geholt. Das respektierte ich enorm, das war ein Wunder, das war geil. Ich hab ihren Auftritt in Oslo zu Hause mit einem Kumpel vor dem Fernseher gesehen, mit 'nem Bierchen. Ich dachte von Anfang an: Wow, die hat was ganz Besonderes.

Lena war Favoritin, du warst es auch. In der Blitztabelle bei „Unser Star für Baku“ hattest du immer die höchsten Sympathiewerte. Was hat den Ausschlag gegeben: Persönlichkeit oder Stimme?

Schwer zu sagen. Als ich hörte, dass es ein Sympathievoting geben wird, dachte ich, die Leute würden sagen: Guck' dir den mit der Kappe an, der kommt vom Land, Industriemechaniker - wat will der denn jetzt? Und dann landete ich dauernd auf dem ersten Platz. Krass. Ich dachte immer nur: Was ist mit den Leuten los? Ich selbst hatte immer Angst, rauszufliegen, bis zuletzt. Im Finale mit Ornella wurde es ja auch knapp.

Diese Blitztabelle, die den Stand der Wertung in Echtzeit anzeigte …

… war schon sehr stressig. Das zehrte an den Nerven.

Das wird in Baku noch schlimmer. Hat Lena dich beraten, wie man das ganze Theater verletzungsfrei übersteht? Habt ihr Kontakt?

Ich habe sie backstage bei „Unser Star für Baku“ getroffen. Sie war da, um noch mal ein bisschen „Luft von damals“ zu schnuppern. Wir haben uns unterhalten, auch neulich beim „Echo“. Sie sagte: „Das ist schon ein krasses Ding, der ESC. Aber ich mache mir keine Sorgen um dich. Ich war damals ja auch ganz neu dabei, ich bin als Lena hingefahren und als Lena zurückgekommen. Stell dich einfach auf die Bühne - so, wie du bist. Dann ist alles gut. Hauptsache, du hast Spaß.“

Bei Lena gab es einen nationalen Hype, bei dir ist die Aufmerksamkeit deutlich geringer. Woran liegt's? Liegt's daran, dass „Unser Star für Baku“ im Windschatten von „The Voice of Germany“ lief?

Lena war einfach ein Phänomen. Ich bin ein absoluter Fan von ihr. Ich bin jetzt noch im Lena-Fieber. Sie ist fresh, sie hat Pepp, sie ist locker. Und sie war was Neues. Inzwischen gibt’s vielleicht einfach zu viele Castingshows. Aber das passt schon, ich fühle mich nicht ignoriert.

Manche sagen: Der Roman – netter Kerl, der ist süß, der kann gut singen, ist aber ein bisschen langweilig. Was sagst du denen?

Ich bin so. Ich verstelle mich nicht.

Wann war denn deine erste Begegnung mit dem ESC als Zuschauer?

Das war Guildo Horn mit „Guildo hat euch lieb“, 1998. Ich war acht Jahre alt. Ein geiler Song. Dann kam Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da“, das fand ich noch geiler. Der ESC ist einfach toll, die Begegnung mit anderen Kulturen, das ist der Hammer. Aber meine erste eigene Platte war „I Believe“ von BroSis, den Siegern von „Popstars“ 2001. Da war ich elf.

Du bist ein echtes Kind der Castingshow-Ära. Die Botschaft an euch war: jeder kann es schaffen, sei fleißig, arbeite hart, bleib dran, erfülle die Erwartungen, aber falle bloß nicht zu sehr aus dem Rahmen. Hattest du auch eine Trotzphase? Gab es Zeiten des inneren Widerstands?

Naja. Ich bin eigentlich immer gut gelaunt. Viele Kumpels fragen ab und zu: Alter, wie kannst du jetzt gut gelaunt sein? Aber ich denke immer positiv. Ich bin auch mal genervt, das gibt’s, na klar. Aber ich denke immer: Das wird schon – warum nicht?

Du hast in mehreren Metal-Bands gespielt - „Painful Poison“, „Days Of Despite“ -, jetzt in deiner Alternative-Rockband „Rooftop Kingdom“. Und jetzt sitzt da der nette Herr Lob und singt eine Popballade und sieht so gar nicht nach Wacken aus. Raab nannte dich „Schmusepeter“. Wie passt das zusammen?

Ich weiß nicht – das passt schon. Ich bin musikalisch eigentlich überall zu Hause. Ich gehe jetzt noch auf Metal-Konzerte, wo es krass zur Sache geht. Wacken ist ein Wahnsinnsfestival, ganz entspannte Leute.

Du hast ein großes, farbiges Tattoo eines Mikrofons auf der Brust. Wie kam das?

Ja – das Tattoo: Ich hatte einfach Bock darauf. Ich liebe das. Ich liebe Tätowierungen, und ich liebe Gesang, deshalb ein Mikrofon. Es ist so ein altes Elvis-Mikrofon.

Wie ging das denn überhaupt los mit dir und der Musik?

Mein Opa ist Pianist und Organist, ich habe mit acht Jahren angefangen, Klavierunterricht zu nehmen, und habe immer mit meinem Opa geübt. Dann kam Schlagzeug dazu. Dann habe ich angefangen zu singen, und dann gab's die Musik-AG an der Realschule … so ging's los.

2008 wolltest du dich schon mal für den deutschen Vorentscheid bewerben, mit der Boyband „Germany 12 Points“ und dem Discotitel „When the Boys Come“. Lustiges Lied. Was ist damals schiefgegangen?

Ich war damals gerade aus den „Deutschland sucht den Superstar“-Castings gekommen, da kamen ein paar Jungs auf mich zu und meinten, dass sie dieses Projekt haben und ob ich Bock hätte mitzumachen. Das war so ein Boyband-Ding. Ich bin musikmäßig für alles offen, also dachte ich, ich nehme das mal mit. Dann hat sich die Truppe aber schon vor dem Vorentscheid auseinandergelebt, sodass es gar nicht zur Bewerbung kam.

Und ein Jahr davor, 2007, als 16-jähriger, warst du Kandidat bei „DSDS“. Du hast es bis in die Top 20 geschafft. Erst eine Kehlkopfentzündung hat dich gestoppt. Was war bei RTL anders als bei „Unser Star für Baku“?

Es ist ein anderes Format. Bei „Unser Star für Baku“ gehen die Leute mehr auf den Künstler ein, finde ich, da geht’s wirklich um Musik. „DSDS“ schmückt das Ganze aus, mit Schicksalsgeschichten und Dramen. Das muss jeder selbst wissen, ob er etwas aus seinem Leben preisgeben will. Aber ich würde mich da nicht noch einmal bewerben.

Wie hast du „DSDS“ damals erlebt?

Ich war noch sehr jung. Zu jung. Es gibt Leute, die sind mit 15 Jahren schon sehr reif, aber ich war noch nicht bereit dafür. Ich war im Kopf noch sehr kindlich. Irgendwann dachte ich: Lieber erstmal Schule und Ausbildung, das ist wichtiger. „DSDS“ ist schon sehr lange her. Und es war ziemlich schnell vorbei. Ich bin dann krank geworden und konnte nicht mehr reden oder singen. Aber ich hatte dort kurz Gesangsunterricht, habe viel von anderen Sängern gelernt. Es war keine schlechte Zeit.

Und die Zeit bei Raab?

Raabs Castings sind einfach anders. Man sieht's an den Siegern: Stefanie Heinzmann, Max Mutzke, Lena - die machen alle heute noch Musik. Super Leute.

Wer hat dir mehr beigebracht: Dieter Bohlen oder Thomas D?

Mit Dieter Bohlen hatte ich nur wenig zu tun. Thomas D ist ein phantastischer Mann, wie ein Vater, immer ansprechbar. Ich kann ihn auch sehr spät anrufen und sagen: Ich hab' da 'ne Songidee.

Am 13. April erscheint dein Album „Changes“. Was ist das für ein Album?

Wir haben uns viel Zeit genommen. Wir haben gute Songs gewählt und alles mit der Band der Fantastischen Vier neu aufgenommen. Es ist sehr bunt: Uptempo-Nummern, auch zwei eigene Songs von mir. Aber Metal ist nicht drauf. Im Herbst gibt’s dann eine Tour durch Deutschland und Luxemburg.

Wie schätzt du deine Chancen mit „Standing Still“ in Baku ein? Platz 20 ist ja ein guter Startplatz.

Mein Ziel ist ein Top-Ten-Platz. Das hört sich gewagt an. Aber das fände ich echt riesig.

Welche Konkurrenten hast du schon gehört? Was gefällt dir?

Norwegen gefällt mir sehr gut, 'ne coole Nummer, sehr modern, sehr stark gesungen. Österreich habe ich gesehen, Russland auch. Die Leute nennen das „Quatsch“, aber wer weiß schon, was passiert? Die Lordi-Monster aus Finnland haben damals auch gewonnen.

Der ESC in Baku ist politisch höchst umstritten: ein autoritäres Regime, unterdrückte Presse, staatliche Willkür. Wie ist deine Meinung zur politischen Situation?

Ich fahre als Künstler nach Baku, nicht als Diplomat. Und ich wäre gegen einen Boykott. Denn ich glaube, dass der ESC für Aserbaidschan eine Chance sein kann. Das Land gerät durch die Show in den Fokus der Öffentlichkeit, die politische Lage wird auch in anderen Ländern zum Thema. Vielleicht sagen die ausländischen Politiker dann gemeinsam: In dem Land geht’s nicht mit rechten Dingen zu, da muss sich etwas ändern. Und durch diese Aufmerksamkeit und den Druck kann sich die Situation dann verbessern.

Hattest du irgendeine Vorstellung von Aserbaidschan?

Nein. Ich dachte bloß: Baku? Was ist Baku? Ich hab noch nie von einem gehört, der sagte, er fliegt jetzt mal sechs Wochen in den Sommerferien nach Baku. Aber ich find's geil. Wann kommt man denn sonst mal nach Baku?

Und wie geht es mit dir weiter nach dem 26. Mai? Geht’s zurück in die Werkstatt?

Das ist nicht mein Ziel. Ich werde hart daran arbeiten, dass das nicht passiert. Ich will von der Musik leben können.

Imre Grimm 19.03.2012
Eurovision Song Contest 2012 Eurovision Song Contest in Aserbaidschan - Roman Lob - Ein junger Milder für Baku
Imre Grimm 20.02.2012