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Eurovision Song Contest 2012 Roman Lob auf der Mission Jägermeister
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21:07 22.05.2012
Von Imre Grimm
Foto: Roman Lob auf einer der vielen Partys in Baku. Sein Ziel beim Eurovision Song Contest sind die Top Ten.
Roman Lob auf einer der vielen Partys in Baku. Sein Ziel beim Eurovision Song Contest sind die Top Ten. Quelle: dpa
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Baku

Es ist spät, es sind 30 Grad im prallvollen Musikclub „OTTO“ auf der Partymeile von Baku. Die Menschen schwitzen und jubeln und trinken Efes-Bier, aber der Mann auf der kleinen Bühne trägt eine Wollmütze bis über die Ohren. Und das ist auch besser so. Denn wenn Roman Lob keine Wollmütze trüge, dann würde man unter Umständen gar nicht merken, dass hier Roman Lob aus Germany steht. Denn coole, dünne Jungs mit Knopfaugen gibt’s viele beim Eurovision Song Contest.

„It's hot in here“, sagt der 21-jährige Industriemechaniker aus dem Westerwald schüchtern. Er guckt wie ein Reh im Scheinwerferlicht, und unten, zwischen den Fotografen, steht sein Manager von der Plattenfirma Universal und ist froh, dass er seinen Schützling rechtzeitig auf die Bühne gekriegt hat in all dem Chaos. Baku ist abgesperrt, die Maltesin sollte eigentlich auch hier singen, aber sie kommt nicht. Stau. Blaulicht. Der Präsident fährt durch.

Da steht also Roman Lob im verklinkerten Gewölbekeller des „OTTO“. Er singt live, die Band spielt live, er macht das gut. Sein „Standing still“ singt er natürlich und noch ein paar andere Sachen. „Enjoy the party!“, ruft er, einen Traumfänger um den Hals, die Feuerzeuge und Handydisplays leuchten. „Vote for Roman“ steht auf kleinen Fähnchen.

Er hat die kleine Bühne im Griff, das hier ist seine Party. Aber in drei Tagen muss er auf die große Bühne. In der nagelneuen „Crystal Hall“ am Kaspischen Meer, einem bizarren Origami-Faltbau für 20 000 Zuschauer. Und das ist bislang nicht seine Party. Das ist die Party der rumpeligen russischen Babuschkas aus Buranowo in Urdmutien, die mit ihrem sympathisch-dilettantischen Stumpfpop-Après-Ski-Heuler „Party For Everybody“ hier hoch gehandelt werden. Allerdings mussten die „Spice Girls von der Wolga“ im Alter zwischen 43 und 76 Jahren am Dienstagabend Abend erst noch das Halbfinale überstehen. Das ist die Party der 29-jährigen schwedischen Marokkanerin Loreen, deren überdrehte Elektrohymne „Euphoria“ glasklarer Favorit 2012 ist. Das ist die Party der Italienerin Nina Zilli mit ihrer coolen Sixties-„Boom, boom, boom“-Retro-Nummer, die entfernt an Amy Winehouse erinnert.

Bei den Buchmachern bwin, Ladbrokes und William Hill stehen die drei hoch im Kurs, Roman dagegen irgendwo im Niemandsland zwischen Top Ten und Mittelfeld. Sein Ziel: die ersten Zehn. „Ich weiß, das hört sich gewagt an“, sagt er, „aber das fände ich echt riesig.“ 

Pressekonferenz im verglasten Medienzentrum für 1500 Journalisten aus 75 Ländern. Es ist nicht Romans Sternstunde, aber er kämpft. In Sachen Englisch kann er von Lothar Matthäus noch etwas lernen. „You know, I like Jägermeister“, sagt er. Lachen im Saal. „If I win“, sagt Roman und sucht nach Vokabeln, „I drink a bottle of Jägermeister. But not off ex.“ Äh – ja.

Als Sänger ist er stärker als als Redner. Keine Probenpatzer, und die weiblichen ESC-Volunteers lieben ihn. In Sachen Show setzt das deutsche Team voll auf Romans Knuddelfaktor, auf die Teddybärenaugen, die beim offiziellen Empfang der Stadt Baku kleine Aserbaidschanerinnen in Verzückung versetzten (obwohl man in dieser Stadt nie sicher sein kann, ob die Jubelmädels nicht gekauft sind). 2500 Scheinwerfer hat die Kölner TV-Produktionsfirma Brainpool, die hier mit 550 Mann angerückt ist, unter die Decke der Kristallhalle schrauben lassen. Aber nicht für Roman. Sparsame Lightshow, keine Windmaschine, keine Pyrotechnik, stattdessen Reduktion, Konzentration, kaum Farbe, im Hintergrund ein Pianist, ein Schlagzeuger, ein Gitarrist und ein Bassist. Ansonsten: ein paar schüchterne Glitzersternchen und Roman. Gewagt. Aber bei Lena hat die konsequente Gesichtsfixierung ganz gut funktioniert.

Die sparsame Optik seines Auftritts steht in starkem Kontrast zur Absurdität dieser Stadt, die sich in Rekordzeit zur Glamourmetropole aufgerüscht hat. Es riecht nach frischem Asphalt, jede Fassade an den Prachtboulevards ist beleuchtet, sechsspurige Schnellstraßen durchschneiden den sandgestrahlten Neoklassizismus links und rechts. Nichts ist mehr zu sehen von den alten Mietshäusern, die hier einst standen. Die Regierung spricht offiziell von 5000 umgesiedelten Familien, die Opposition von 60.000 Menschen. 4000 Gebäude sollen dem Bauboom seit 2009 zum Opfer gefallen.

Das sei eben der Preis für die Moderne, sagen die jungen, coolen Aserbaidschaner, die in Staatschef Ilham Alijev keinen vom Geheimdienst gestützten Autokraten sehen, sondern einen gütigen Landesvater, der mit Lachfältchen und Ölmilliarden für die Seinen sorgt. Man macht auf Europa, mit Gucci, Chanel, Burberry, Lacoste & Co., mit Miniröcken, Coca Cola und dicken SUVs von BMW und Mercedes, aber dann knackt es plötzlich verdächtig im Hoteltelefon und erinnert daran, dass nicht viel normal ist bei diesem Eurovision Song Contest auf der Kante zwischen zwei Kontinenten, zwei Kulturen, zwei Wertegemeinschaften.

Roman schweigt zu den Unwuchten dieses Song Contests. Er sei zum Singen hier, sagt er. „Ich bin Musiker, kein Diplomat. Wir einzelnen Künstler können da nicht viel machen.“ Am Dienstagabend trat er im Eurovision Village auf, einem Instant-Konsumparadies aus Sponsorenständen an der kilometerlangen Strandpromenade. Weiter, immer weiter geht Roman Lobs Marathon aus Pressekonferenzen, PR-Terminen, Proben. Es geht nicht von selbst, es ist echte, harte Arbeit. „Lena war 'ne coole Sau“, sagt er später. „Bei mir ist das etwas gediegener.“ Er wolle, „dass die Nation stolz auf mich ist“. Und wenn nicht? Dann gibt’s ein neues Album. Oder es geht zurück in die Autowerkstatt in den Westerwald.

Imre Grimm 22.05.2012
Imre Grimm 18.05.2012