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Festspiel-Blog aus Bayreuth „Ich glaube, wir stehen hier im Weg“
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16:39 27.07.2009
Von Stefan Arndt
Von links: Irene Theorin als Isolde, Michelle Breedt als Brangäne und Robert Dean Smith als Tristan.
Irene Theorin als Isolde, Michelle Breedt als Brangäne und Robert Dean Smith als Tristan (von links). Quelle: Enrico Nawrath/ddp
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15 Uhr. Schon von Weitem versteht man, warum der Grüne Hügel Grüner Hügel genannt wird: Unzählige Polizeiautos parken an seinem Fuß und entlang der Auffahrt – und in Bayreuth ist die Polizei noch immer so grün wie früher, als alles besser war. Oben ist der Zugang zum Festspielhaus abgesperrt, ein Gatter trennt den Roten Tepich, der irgendwo weiter hinten die Straße mit dem Königsportal verbinden muss, von der undurchdringlichen Menschenmenge davor. Wer als normaler Zuhörer hinein will, muss das Haus im großen Bogen umrunden, um zu einem der Seiteneingänge zu gelangen.

15.28 Uhr. Die neuen Hausherrinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier stellen sich nur kurz den Fotografen. Die Begrüßung der Gäste überlassen sie dem Bürgermeister. Es ist etwas traurig anzusehen, wie sich mancher nicht genug Prominente hoffnungsvoll lächelnd dem Blitzlichtgewitter zuwendet, das beim Betreten des Roten Tepichs verlässlich einsetzt, um sich dann, als jede Reaktion der Zaungäste ausbleibt, erschrocken durchs Portal zu flüchten.

Die 98. Richard-Wagner-Festspiele sind am Sonnabend unter neuer Führung in Bayreuth eröffnet worden.

15.45 Uhr. Auf dem Balkon stimmen die Blechbläser ein Wagner-Motiv an – sie ersetzen hier den Pausengong. Die dunkle, unheilverkündende Melodie aus dem ersten Aufzug von „Tristan und Isolde“ ist ein grotesker Kontrast zum Defilee unten. Kaum ist sie verklungen, betritt Angela Merkel den Laufsteg, es gibt Applaus. Höchstens die Lokalmatadore zu Guttenberg (im Smoking, aber mit schiefsitzender Fliege) und Beckstein können in der Zuschauergunst mithalten; Thomas Gottschalk und Roberto Blanco sind in diesem Jahr nicht da. Die Bundeskanzlerin trägt ein silbergraues, ausreichend hoch geschlossenes Kostüm und humpelt.

16 Uhr. Die Vorstellung beginnt. Erst am Vortag haben sich die Festspiele und ver.di auf einen Tarifvertrag geeinigt, so dass ein angedrohter Streik verhindert werden konnte. In der Aufregung des Beginns gehen die berühmten ersten Takte des „Tristan“ ein wenig unter.

16.15 Uhr. Isolde wirft zum ersten Mal einen Teil der Stühle um, die massenhaft auf der Bühne stehen, um. Bald werden sie wieder aufgestellt, dann kippen sie erneut. Die Inszenierung von Christoph Marthaler, die seit 2004 in Bayreuth zu sehen ist und in diesem Jahr eine Neuinszenierung ersetzt, wirkt im ersten Akt etwas ratlos. Am Ende trinken Tristan und Isolde den Liebestrank, den sie für Gift halten und der ein Katalysator für die ganze Handlung sein wird. Bei Marthaler geschieht das aus einem winzigen Gefäß sehr eilig und wie nebenbei. Es sieht aus, als hätte er lieber ein anders Stück inszeniert.

17.25 Uhr. Der erste Aufzug ist vorbei. Noch einmal gibt es den Zug der Prominenten, diesmal in die andere Richtung – vom Festspielhaus zum Restaurant. Als Angela Merkel mit ihrem Mann vor die Tür tritt und den Schaulustigen zuwinkt, sagt der auch einmal etwas: „Ich glaube, wir stehen hier im Weg.“

18.25 Uhr. Der zweite Aufzug beginnt. Die Inszenierung schlägt stellenweise vom Verhuschten ins Großartigige um: Tristan und Isolde stehen sich so rat- und hilflos gegenüber wie die Liebe die Menschen manchmal macht. Auch das Bühnenbild von Anna Viebrock beginnt, seine ungeheure Qualität zu entfalten. Wie eine Gesteinsschicht hat sich die Szenerie des ersten Aktes oberhalb des jetzigen Raumes abgelagert: Um zum Kern der Geschichte vorzudringen, wird man noch tief bohren müssen.

19.30 Uhr. Robert Holl erinnert mit seinem Auftritt als König Marke daran, dass man auch in Bayreuth wirklich gut singen kann. Er färbt und formt die Stimme, so dass sie grau klingt wie sein Mantel und so traurig wie die eines doppelt betrogenen Mannes. Auch das Orchester, das unter Leitung von Peter Schneider stets rücksichtsvoll zu den Solisten ist, blüht auf, wenn er singt. Plötzlich passt alles zusammen. Dabei sind die übrigen Sänger nicht schlecht: Michelle Breedt ist eine phantastische Brangäne, Jukka Rasilainen singt Kurwenal zwar unverständlich aber wohlklingend, und auch Robert Dean Smith und Irene Theorin geben in den Titelrollen keinen Grund zum Klagen. Zum Jubeln allerdings auch nicht.

19.50 Uhr. Zur Pause wird trotzdem gejubelt.

20.50 Uhr. Der dritte Aufzug beginnt. Das Streichervorspiel klingt so wunderbar und tiefenscharf aufgefächert, wie es nur im steil abfallenden, verdeckten Orchestergraben des Festspielhauses möglich ist.

21.45 Uhr. Das Schiff, das Isolde zum verletzten Tristan bringt, kommt an. Den ganzen Akt hat Tristan (und mit ihm das Publikum) darauf gewartet. Ein Vergnügen ist das nicht: Robert Dean Smith hat seine Gesangstechnik zwar weit genug perfektioniert, um die Partie durchzustehen, seine Stimme klingt aber auf Dauer unnatürlich und wenig plastisch.

21.47 Uhr. Tristan stirbt.

22.05 Uhr. Isoldes Liebestod beginnt. Es ist vielleicht die schönste Musik, die Wagner komponiert hat – fast auf dem Tag genau vor 150 Jahren: Am 6. August 1859 vollendete er diese letzten Takte.

22.10 Uhr. Die Oper ist aus, der Applaus danach dauert – recht kurz für Bayreuther Verhältnisse – neun Minuten.

22.25 Uhr. Die Bundeskanzlerin steigt in ihr Auto, das direkt vor der Tür hält, und wird zum Staatsempfang chauffiert. Der Polizist, der mit seinem Wagen schon mal voranfährt, heißt Harry.