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Lumix-Festival Internationale Jungfotografen bei Lumix-Festival
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12:24 16.06.2010
Von Uwe Janssen
"A Star in the Sky" hat Thomas Lekfeldt seine Reportage über die kleine Vibe genannt, die an einem Hirntumor erkrankt ist. Quelle: Thomas Lekfeldt
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Vielleicht musste es so kommen in Kirgistan. Wenn man die Bilder des Franzosen William Daniels betrachtet, drängt sich, mit der aktuellen dramatischen Situation des Landes im Hinterkopf, augenblicklich eine Kausalität auf. Williams zeigt Alltag in Kirgistan, es ist immer noch ein Alltag auf, in und zwischen den Trümmern und Hinterlassenschaften einer längst vergangenen Sowjetherrschaft. Mit grauen Wohnsilos, vor sich hin rottenden Fabriken und den Menschen, die sich mit diesem Zustand zu arrangieren versuchen, weil sie ihn sowieso nicht ändern können. Menschen, die sich von der sogenannten Tulpenrevolution im Jahr 2005 Besserung erhofft hatten, aber stattdessen nun mehr Armut, mehr Korrup­tion und vermutlich auch noch einen Bürgerkrieg erleben und sich in Drogen und Alkoholismus flüchten. Williams setzt die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Kirgisen nicht in rauer dokumentarischer, sondern in fast künstlerischer ­Ästhetik um und formt einen ebenso unbehaglichen wie berührenden Kontrast.

„Faded Tulips“, verblühte Tulpen, hat der Franzose seine Bilderserie genannt, mit der er im Wettbewerb des 2. Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus in Hannover startet. Ob er am Ende einen der Jurypreise oder auch den HAZ-Publikumspreis gewinnt? Die Konkurrenz ist groß. Daniels’ Arbeiten sind im Design Zentrum an der Expo-Plaza zu sehen, der Keimzelle des Festivals, wo die Studienrichtung Fotografie der Fachhochschule Hannover beheimatet ist. Wie bei der ersten Auflage vor zwei Jahren sind es 60 junge Fotojournalisten rund um den Globus, die in farbigen oder schwarz-weißen Bilderserien vom Leben auf diesem Planeten erzählen.

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Und eine – nicht neue, aber aktuelle – Erkenntnis dieser Fülle und Dichte von Reportagen ist: Mit Google Earth mag man sich die Welt anschauen können. Um sie zu begreifen, muss man hinfahren. Mehr noch: Man muss ran. Nah ran. In der Nähe liegt die Kraft. Oder wie es der Fotograf Robert Capa einmal formuliert hat: Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran. Diese Nähe zeichnet die meisten der Reportagen oder Fotoessays aus, es ist eine meist untrügliche, oft berührende, manchmal gar schmerzliche Nähe. Wie in den Bildern des dänischen Fotografen Thomas Lekfeldt, der das Schicksal von Vibe dokumentiert, einem Mädchen, das mithilfe der Ärzte, seiner Eltern und seiner Zwillingsschwester zwei Jahre gegen einen Gehirntumor kämpft, bis es diesen Kampf schließlich im Alter von nur sieben Jahren verliert. Die Unmittelbarkeit von Lekfeldts Aufnahmen ist heftig. Diese Bilder wirken körperlich. Und sind trotz ihrer Emotionalität das Ergebnis akribischer Vorbereitung, konzentrierter Arbeit und von viel Geduld.

Was für die meisten der ausgestellten Serien gilt. Insofern bleibt der Fotojournalismuss trotz aller digitalen Technik eine sehr analoge Angelegenheit. Gut so.

Im Freizeitpark Dyrehavsbakken bei Kopenhagen hat sich Kristian Djurhuus umgesehen.

Die Schwierigkeit für die Juroren war, aus gut 1000 Bewerbungen für das Festival nicht nur starke fotografische Arbeiten und die spannendsten Themen, sondern auch eine gute Mischung hinzubekommen. „Wir haben nicht die 60 besten Reportagen genommen“, sagte Rolf ­Nobel, Fotografieprofessor an der Fachhochschule und Festivalchef. Es habe viele Angebote zum Erdbeben in Haiti gegeben oder aus fotojournalistischen Schwerpunktgebieten wie dem zerfallenen Sowjetreich und Zentralafrika. Doch entschieden haben sich die Juroren für das ganze Spektrum: schwere Themen wie Krieg, Armut oder die Folgen von Naturkatastrophen, Reportagen, die dörfliche und urbane Arbeits- und Lebenswelten zeigen – und einfach amüsante Serien. Wie die des Dänen Kristian Djurhuus. Er zeigt den ältesten Freizeitpark der Welt in der Nähe von Kopen­hagen, eine bunt-antiquierte Freakshow, in der die amüsierwütigen Besucher die wirklichen Attraktionen sind. Ähnlich, aber doch ganz anders ist es in Nicole Strassers Bildern aus dem spanischen Urlaubsmoloch Benidorm, der Mutter, vielleicht sogar Großmutter aller Ballermänner. Man lacht gern mit, schließlich sind es natürlich immer die anderen, die dort hinfahren. Und auch hier gilt: nah ran. Zur Not bis ins Wasser.

Diese leichten Serien sind kleine, aber wichtige Farbpunkte in einer Gesamtschau, die einen doch eher pessimistischen oder auch mahnenden Blick auf diese Welt vermittelt. Wie bei Ed Ou, der in Kasachstan kranke und teils entsetzlich entstellte Opfer sowjetischer Atombombentests besucht hat. Oder bei dem Schweden Johan Bävman, der die grausame Verfolgung von Albinos in Tansania dokumentiert. Erschreckend ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der Gewalt in den Armenvierteln von Rio zum Alltag gehört. Joao Pina hat bei seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen viel Wert auf diesen Aspekt der Normalität gelegt, wie das Bild des jugendlichen Drogenhändlers zeigt, der in Badelatschen, kurzer Hose und geschultertem Gewehr gut gelaunt am Kickertisch steht.

Verlorenes Paradies: Nicole Strasser hat Urlauber in Benidorm fotografiert.

Das Motto „Mischung“ gilt auch für die Ausstellungsorte. Neben dem Design Center und dem direkt gegenüberliegenden Deutschen Pavillon (den viele Besucher wohl das erste Mal nach der Expo wieder betreten werden) ist wieder der Skywalk neben dem Messeschnellweg eine zentrale Schaubühne. Daneben werden der ehemalige britische und tschechische Expo-Pavillon auf dem Ostgelände sowie erstmals auch der Glaspavillon zwischen TUI Arena und Radisson Hotel genutzt. Das sind viele Orte, aber nicht zu viele. Wer also alle Serien – mit jeweils zwischen 20 und 30 Bildern – ansehen will, sollte Zeit mitbringen. Nicht nur, um alles zu sehen. Sondern auch, um sich Zeit zu nehmen, vor der einen oder anderen Aufnahme ein bisschen zu verharren. Es lohnt in den meisten Fällen. Das fotografische Niveau des ersten Festivals erreicht diese Zweitauflage, die von Mittwoch bis Sonntag geöffnet hat, locker. Und auch, wenn es junge Fotografen in einer sich rasend schnell verändernden Medienwelt immer schwerer haben, Aufträge zu bekommen und hochwertigen Fotojournalismus abzuliefern: Es gibt noch viel zu erzählen auf dieser Welt.