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Op Platt Dieter Stellmacher: „Jeder kann Platt lernen“
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14:29 06.01.2011
Von Simon Benne
Plattdeutsches Wörterbuch vom Institut für Niederdeutsche Sprache: Jugendliche lernen wieder Plattdeutsch

Der Eutiner Zeitungsreporter Ludolf Wienbarg ging schon 1834 davon aus, dass das Verschwinden der nieder- deutschen Sprache unabwendbar sei. Er wollte sie sogar ausrotten, um auch einfachen Menschen Zugang zur hochdeutschen Bildungssprache zu verschaffen. Platt wird also schon lange totgesagt. Ist es wirklich eine sterbende Sprache, wie oft behauptet wird?

Jein. Eine Sprache stirbt ja nicht wie ein Lebewesen in einem bestimmten Moment. Solange eine Sprache als Kommunikationsmittel gebraucht wird, stirbt sie nicht. Da ist das Niederdeutsche noch heute in Dörfern von Ostfriesland bis Mecklenburg – allerdings oft nur im sogenannten Nahbereich, im Familien- und Freundeskreis. Setzt sich in der Kneipe ein einziger Fremder dazu, wechselt die ganze Runde sofort ins Hochdeutsche. Dabei genießt Platt als Kulturgut wachsende Sympathie, es gibt viele Ansätze, es zu fördern. Die Frage ist aber, ob es gelingt, Niederdeutsch auch als alltägliches Kommunikationsmedium zu erhalten. Ich bin da gebremst optimistisch. Vor allem darf man Fremde, die die Sprache lernen wollen, nicht vor den Kopf stoßen.

Echte Plattschnacker schwören aber oft Stein und Bein, Platt könne man gar nicht erlernen …

Dabei haben sie es doch auch selbst gelernt! Ich komme aus Brandenburg und bin erst im Studium, als angehender Dialektologe, ans Niederdeutsche geraten. Ich habe es als Erwachsener gelernt. Doch auch als Professor für Niederdeutsche Philologie bekam ich von Bauern in Norddeutschland oft zu hören: „Ach, Sie können das doch nicht richtig, reden wir lieber hochdeutsch.“ Mancher will seine Bodenständigkeit gern exklusiv haben. Dabei ist jede Sprache erlernbar – auch Platt.

Sind Niederdeutsche dabei unduldsamer als andere Dialektsprecher?

Badener oder Franken würden einem Fremden nie verwehren, ihren Dialekt zu lernen – weil sie selbst ja kein klares Hochdeutsch sprechen. Die Plattsprecher hingegen wissen, dass auch ihr Hochdeutsch als besonders rein gilt. Sie haben ihre beiden Sprachen zwei verschiedenen Lebensräumen zugeordnet, die sie nicht miteinander vermischen wollen.

Oft hört man dann, dass schon das Platt des Nachbarortes ganz anders sei als das eigene.

Das ist eine subjektive Erfahrung, die sich aber sprachwissenschaftlich meist nicht bestätigt. Solche Urteile werden oft nur an einzelnen Wörtern festgemacht. Da klingt das Denken aus der vorindustriellen Welt nach, als das Nachbardorf noch in weiter Ferne lag und man zu den Menschen dort ein distanziertes Verhältnis hatte. Fremde, die darauf hinweisen, gelten allerdings schnell als inkompetent. Natürlich gibt es auch echte Sprachgrenzen: Die sogenannte Uerdinger Linie, die etwa von Krefeld über Hannoversch Münden nach Frankfurt an der Oder verläuft, ist so eine. Nördlich sagt man „ick“, südlich „ich“. Da ist es kein Vorurteil, von einer Art Plattdeutschgrenze zu sprechen.

Stimmt es, dass fast alle Norddeutschen Platt verstehen, auch wenn sie es nicht selbst sprechen?

Bei Untersuchungen gaben rund 50 Prozent der Niedersachsen an, sie sprächen Niederdeutsch. Etwa 80 Prozent versicherten, sie verstünden es wenigstens. Doch da ist oft Selbstbetrug im Spiel: Bei Tests mit Wortreihen stürzten die Zahlen dann dramatisch ab. Die Selbsteinschätzung zeugt allerdings davon, dass der Wille, Niederdeutsch zu können, groß ist.

Gesprochen wird die Sprache heute ja ohnehin nur noch auf dem Dorf …

Nicht ganz, denn abgeschlossene Dörfer, in denen man nur Platt spricht, gibt es ja längst nicht mehr. Dafür sind mit der wachsenden Mobilität auch Kreise in Städten wie Bremen, Hamburg oder Rostock entstanden, in denen man untereinander niederdeutsch redet. Und auch in manchen kleinstädtischen Boßel- und Kegelklubs ist Platt Vereinssprache.

In Familien hingegen haben Eltern es oft nicht an die Kinder weitergegeben, weil sie fürchteten, diese könnten dann in der Schule nicht so gut mitkommen.

Das war gut gemeint, doch da ist nichts dran. Im Gegenteil: Mehrsprachig sozialisierte Kinder sind gegenüber solchen, die einsprachig aufwachsen, oft im Vorteil. Und wenn Eltern eine Sprache vermitteln wollen, die sie selbst nur mangelhaft beherrschen, kommt dabei oft eher ein Kauderwelsch heraus. Sollen sie doch lieber Platt mit den Kindern sprechen – Hochdeutsch lernen die sowieso.

Stimmt es, dass man auf Platt niemanden beleidigen kann? „Du Schietbüdel“ klingt viel liebevoller als „Du Sack voll Sch …“.

Aber nur, weil „Schietbüdel“ im Niederdeutschen nun mal kein richtiges Schimpfwort ist. Nein, man kann auch im Niederdeutschen ganz hundsgemein sein. „Swinjack“ zum Beispiel, „Schweinekerl“ – das ist ein arges Schimpfwort. Übrigens lassen sich auch hochwissenschaftliche Dinge auf Platt ausdrücken. Es gibt wohl nichts, was man in einer 1000 Jahre alten Kultursprache nicht sagen kann.

Interview: Simon Benne

Dieter Stell-macher wurde 1939 im brandenburgischen Klosterheide geboren. Der Sprachwissenschaftler war seit 1976 Professor für Niederdeutsche Philologie in Göttingen. Er ist Herausgeber des „Niederdeutschen Wörterbuches“ und war von 1998 bis 2006 Vorsitzender der Internationalen Dialektologengesellschaft. Nach seiner Emeritierung 2005 wurde der Göttinger Lehrstuhl für Plattdeutsch aus Spargründen nicht wieder besetzt.

be rie

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