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Interesse an Plattdeutsch steigt
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15:35 03.01.2011

Das üppige Angebot an Lernbüchern reicht vom Langenscheidt-Wörterbuch über Platt-Bücher für Kinder bis zu Sechs-Wochen-Crashkursen zwischen zwei Buchdeckeln. Auch CDs und Audiobooks sind reichlich auf dem Markt. Zudem führen Übersetzungen populärer Stoffe wie „Asterix sien Söhn“ Jugendliche auf spielerische Art ans Plattdeutsche heran.

Erstaunlich ist, dass trotz dieser Angebotsdichte das Interesse an Plattdeutschkursen ungebrochen ist und sogar steigt. Detlef Grote, Geschäftsführer des Niedersächsischen Bundes für freie Erwachsenenbildung, hat 2009 einen „deutlichen Anstieg“ der Unterrichtsstunden gegenüber dem Vorjahr registriert. Friedrich Noack, Verbandsgeschäftsführer der VHS Hannover-Land, führt das unter anderem auf eine Trendwende in den neunziger Jahren zurück. „In den sechziger und siebziger Jahren galt Plattdeutsch als unschick. In den Neunzigern kamen immer wieder Menschen mit der Bitte zu uns, doch mal wieder Plattkurse ins Programm zu nehmen.“ Mit einem Erfolg, der bis heute anhält.

Allerdings geht es den meisten Teilnehmern nicht nur ums reine Sprechen. „Viele wollen die Sprache gern verbinden mit Informationen über das Drumherum wie Heimatkunde oder Literatur.“ Die Vorgabe ließ sich mit den richtigen Dozenten und mit den Heimatbünden und Landfrauenvereinen realisieren. Hinzu kommen attraktive Bildungsreisen: Die Kurse werden in Plattsprechgebiete wie Sylt verlegt – und bieten somit ideale Voraussetzungen zum Ausprobieren. Das Interesse macht Noack Mut: „Es wäre wirklich schade, wenn dieses Stück Kultur verschwindet.“

Damit muss man in Ostfriesland nicht rechnen. Das Plattdeutsche scheint im privaten wie öffentlichen Leben noch fest verankert. Kaum ein Geschäft in den Fußgängerzonen, in dem man nicht auf Plattdeutsch angesprochen wird. Auf den Dörfern ist Plattdeutsch für ältere Menschen, denen das Hochdeutsche bis heute nicht mehr als eine verordnete Amtssprache ist, immer noch ein Zeichen von Vertrauen.

Doch jenseits dieser Generation bröckelt es. Die heutige Elterngeneration mag als Kind noch Plattdeutsch im Elternhaus mitbekommen haben, gibt es aber immer seltener an die eigenen Kinder weiter. Es entsteht ein Generationenloch, das die Ostfriesen nun ihrerseits initiativ stopfen wollen. Die Kulturpfleger der Ostfriesischen Landschaft haben vor Jahresfrist die Aktion „Platt is cool“ ins Leben gerufen, die zunächst mit Plattsprüchen auf Postkarten Jugendlichen die alte Sprache möglichst neu näherbringen soll. Lehrer sollen zudem ermutigt werden, die in den Kerncurricula für den Deutschunterricht an Grundschulen und Sekundarstufe I festgeschriebene „Sprachbegegnung mit dem Niederdeutschen“ im Unterricht umzusetzen.

Bands wie die Bremer Hip-Hop-Elektrotruppe „De fofftich Penns“ kommen den Sprachbewahrern gerade recht. Die drei Mittzwanziger – selbst erst über Kurse ans Niederdeutsche gekommen – ziehen stilistisch zwischen „Deichkind“ und „Fettes Brot“ die Plattdeutschnummer nicht nur metaphorisch durch. „De fofftich Penns“ sind die hoffnungsvollsten Sprachbotschafter der jungen Zielgruppe, sie könnten das erreichen, was Ina Müller oder Yared Dibaba bei Älteren schon erreicht haben.

Um die Allerjüngsten kümmern sich derweil Olga Farr-Wodak und Waltraud Theermann. Beide betreuen die 20 rührigen Mitglieder der Kindertagesstätte Klecks im ostfriesischen Leer – die eine auf Hochdeutsch, die andere auf Plattdeutsch. So wachsen die Kinder unabhängig vom Elternhaus ganz selbstverständlich mit Platt auf. Für manche Migrationskinder ist es die dritte, manchmal gar die vierte Sprache. „Die Hemmschwelle, eine weitere Sprache zu lernen und zu sprechen, ist bei solchen Kindern sehr niedrig“, sagt Farr-Wodak, die darauf hofft, dass die Schulen bald einen Anschluss bieten und nachziehen. „Dort geht es im Moment leider nicht weiter. Auch, weil die Bereitschaft fehlt.“ Die Hoffnung aufgegeben hat sie noch nicht. Im Gegenteil: „Da kommt etwas ins Rollen.“

Uwe Jannsen