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Garrelt Duin: „Vieles kann man auf Platt besser ausdrücken“
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13:09 17.01.2011
Von Dirk Schmaler
Garrelt Duin ist Ostfriese und wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Quelle: Handout

Kann man in Ostfriesland eigentlich Politiker werden, ohne Platt zu sprechen?

Es ist schon sehr viel leichter, wenn man das kann. Wir haben in Ostfriesland einen einzigen Landrat, der nur Hochdeutsch spricht, aber Landräte sind ja auch nicht nur Politiker, sie haben auch viele Verwaltungsaufgaben. Die Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus unser Region können alle Plattdeutsch. Das macht den Besuch auf dem Feuerwehrfest bedeutend einfacher.

Weshalb? Ostfriesen können doch auch Hochdeutsch.

Ja, die meisten zumindest. Aber die fragen ja nicht, ob sie nun mit einem auf Plattdeutsch sprechen dürfen, die fangen einfach an. Wenn man dann auf der Sportwoche oder beim Schützenfest steht und die Menschen immer unterbrechen muss, weil man nichts verstanden hat, ist das nicht gut für das Gespräch. Wenn man mit den Bürgern Platt spricht, hat man schnell eine gemeinsame Grundlage. Die Sprache schafft Vertrauen.

Sie sind nicht nur Ostfriese, sondern auch Wirtschafts­experte Ihrer Partei. Lässt sich der wirtschaftliche Wert des Plattdeutschen beziffern?

Das ist ganz schwer zu sagen. In Ostfriesland wachsen ja auch heute noch sehr viele zweisprachig auf. Gerade in der Pflegebranche, aber auch bei Banken und im Handwerk wird schon darauf geachtet, dass die Angestellten auch Plattdeutsch können. Bei Verkaufsgesprächen ist es ebenfalls von enormem Vorteil, die richtige Sprache zu sprechen. Auch bei schwierigen Verhandlungen hilft das Plattdeutsche, weil man viele Dinge auf Platt viel besser ausdrücken kann.

Was denn zum Beispiel?

Man würde am Verhandlungstisch doch seinem Gegenüber nie sagen: „Jetzt stell dich aber nicht so an!“ Das klingt hart und feindselig. Wenn man aber zwischendurch mal schnell mit einem „Heb di neit so“ dem Verhandlungspartner zu einer Entscheidung drängt, klingt das nett und freundlich.

Plattdeutsch war lange Zeit als Sprache der Landbevölkerung aus der Mode gekommen. In den vergangenen Jahren hat sich das aber geändert. Erleben wir eine Renaissance des Plattdeutschen?

Ich habe nicht den Eindruck, dass das weniger wird. Viele Geschäftsleute werben heute wieder mit plattdeutschen Slogans, und sogar vor vielen Amtsstuben in Ostfriesland steht ein Schild, auf dem steht: „Wi proten ok platt.“ Gerade auch bei jüngeren Leuten – also ich bin 42 Jahre alt und zähle mich jetzt mal noch dazu – ist es wieder schick, untereinander Plattdeutsch zu sprechen. Wenn ich beispielsweise in Berlin auf andere Ostfriesen treffe, dann fangen wir meistens sofort an, Platt zu sprechen. Das Image der Ostfriesen ist nicht mehr so, wie es noch vor 30 Jahren war. Niemand macht mehr Ostfriesenwitze. Viele beneiden heute die Plattdeutschsprecher, weil wir durch die Sprache eine eigene Identität haben.

Der Wirtschaftsfaktor: Immer mehr Unternehmen entdecken das Plattdeutsche – die Sprache schafft Vertrauen im Kundengespräch.

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