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Op Platt Niederdeutsch bessere Nachrichtensprache
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11:00 10.01.2011
Von Thorsten Fuchs
Das Ohnsorg-Theater ist die bekannteste niederdeutsche Bühne der Republik. Quelle: Handout

Als während des Kosovokrieges 1999 ein Flugzeugträger Kurs auf die Adria nahm, hatte Peter Nissen auf einmal ein Problem. Nissen saß in einem Büro in Hamburg und formulierte gerade die niederdeutschen Nachrichten für den NDR. Die korrekte Übersetzung für „Flugzeugträger“ lautete „Flegerdräger“. Aber klang das nach Krieg, nach Tod und Leid? Nein, danach klingt „Flegerdräger“ nicht. „Flegerdräger“ klingt niedlich und friedlich. Also beließ es Nissen bei dem hochdeutschen Wort und folgt seitdem einer Regel: „Wenn ein Kriegsschiff zum Hafengeburtstag kommt, heißt es ,Flegerdräger‘. Aber wenn es um Krieg geht, bleibe ich beim ,Flugzeugträger‘.“

Taugt das Plattdeutsche also nur für die heiteren Seiten des Lebens? Und immer, wenn es ernst wird, muss das Hochdeutsche ran?

Peter Nissen, Autor, Übersetzer und früherer Dramaturg des Ohnsorg-Theaters, stößt bei seiner Arbeit als Nachrichtenschreiber beim NDR fast täglich auf Beispiele, die die Grenzen des Plattdeutschen zu belegen scheinen. Kommt etwa ein deutscher Soldat bei einem Attentat in Afghanistan zu Tode, wäre eine angemessene Übersetzung: „He is dootbleven.“ „Dootbleven“ ist im Niederdeutschen ein neutraler Begriff für „sterben“. Für die zumeist städtischen Hörer der Nachrichten aber klingt „dootbleven“ komisch – weshalb Nissen in den Nachrichten andere Formulierungen wählt, zum Beispiel „te dode komen“.

Woran liegt es nun aber, dass die meisten Menschen in Norddeutschland das Plattdeutsche nur noch mit Humor und Leichtigkeit in Verbindung bringen? Tatsächlich beziehen zum Beispiel die Radionachrichten, die der NDR und Radio Bremen regelmäßig auf ihren Programmen senden, ihren Reiz ja gerade aus ihrer vermeintlichen Niedlichkeit der Sprache: Wenn „vele Buern nu bang sünd“ und „se ook in’n Bunnsdag över den Dioxin-Schandaal snacken wüllt“, dann klingt das schon mal gleich deutlich weniger bedrohlich als in der hochdeutschen Version.

Und wer einmal die Programme der zahllosen niederdeutschen Theatergruppen durchgeht, der könnte durchaus auf die Idee kommen, dass menschliche Dramen in der Welt des Plattdeutschen gar nicht vorkommen. Da wimmelt es vor Komödien, Schwänken, Lustspielen, es gibt Verwechslungen, komische Wendungen und fast immer ein glückliches Ende. Die Stücke heißen „Allens op Krankenschien“, „Kerls dör un dör!“ oder „Twee Kisten Rum“. Ist Platt also im Grunde ungeeignet für die schwierigeren Stoffe? Oder liegt es daran, dass es so selten jemand versucht?

Das Ohnsorg-Theater in Hamburg, die bekannteste niederdeutsche Bühne der Republik, hat in dieser Spielzeit „Slagsiet“ im Programm, eine niederdeutsche Version von „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams. Es geht um den letzten Geburtstag eines schwer kranken Patriarchen, es geht um Verlogenheit, Habgier, Krankheit und Tod. Wer nur die Fernsehkomödien des Theaters kennt, wird eine gewisse Irritation kaum leugnen können. Es ist ein sehr ernstes Stück. Und es braucht zweifellos eine Weile, bis man sich daran gewöhnt, dass „Big Daddy“ nun „Baas Papa“ heißt, Reeder ist statt Baumwollfarmer und dass sich die Paare auf der Bühne nun auf Platt angiften.

Ein bis zwei solcher ernsten Produktionen hat das Ohnsorg-Theater traditionell pro Spielzeit im Programm. Das Fernsehen interessiert sich zumeist nur für die Komödien. Im freien Verkauf haben es diese ambitionierten Produktionen schwer. Dennoch hält Peter Nissen, der auch heute noch viel für das Theater arbeitet, diese Stücke für wichtig. Nissen hat selbst zusammen mit Hartmut Cyriacks Dramen ins Plattdeutsche übertragen. So machten sie aus Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ zum Beispiel das Stück „Utmustert“. Die tragische Geschichte des Vertreters Willy Loman, diese Kritik am American Dream auf Platt – geht das?

„Die Abonnenten erwarten solche Schwarzbrot-Stücke sogar“, erklärt Nissen. „Die wollen nicht immer nur Süßstoff.“ Zudem biete die Übertragung ins Plattdeutsche viele Freiheiten, wie sie sich Theater mit dem hochdeutschen Text nicht unbedingt erlauben könnten. „Die Gralshüter der Werktreue schauen bei uns nicht so genau hin“, sagt Nissen.

So bieten sich hinter dem Klischee vom Bauerntheater für die niederdeutschen Theater Nischen, die diese inzwischen häufiger mit ambitioniertem modernen Theater füllen. Ein Beispiel ist die August-Hinrichs-Bühne in Oldenburg. Vor fünf Jahren hat das Oldenburger Staatstheater die traditionsreiche Amateurbühne als Herzstück der neuen Sparte „Niederdeutsches Theater“ in sein Haus integriert, seitdem spielen vereinzelt auch Profis mit. Größter Erfolg der Bühne ist das Stück „As in heven“, eine Bühnenversion des schwedischen Films „Wie im Himmel“, in dem ein herzkranker Dirigent einen Dorf-Kirchenchor übernimmt – und im Moment des größten Triumphes erneut einen Herzinfarkt erleidet.

Ein Drama op Platt als Publikumsmagnet? „Wir machen damit sehr gute Erfahrungen“, sagt Dramaturgin Cornelia Ehlers. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Sie ist überzeugt: „Das Niederdeutsche funktioniert für beides – das Ernste und das Lustige.“

So ist der putzige Klang des Platt womöglich am Ende einfach ein Zeichen der Entfremdung: Je stärker eine Sprache aus dem Alltag verschwindet, desto weniger geeignet erscheint sie für Streit und persönliche Dramen. Wenn sie nur noch in Schwänken und Komödien auftaucht, desto stärker rechnet man dies der Sprache selbst zu. Irgendwann transportiert das Platt nicht mehr nur das Niedliche – es ist das Niedliche.

Dabei eignet sich Platt durchaus als Nachrichtensprache – womöglich sogar besser als das Hochdeutsche, sagt Peter Nissen. Platt ist vor allem eine gesprochene Sprache mit einfachen Strukturen, umständliche Passivkonstruktionen, Nominalstil und Worthülsen sind ihm fremd. „Wenn ein Zitat von Frau Merkel zum Beispiel mit der Einleitung ,Ich bin der festen Überzeugung, dass …‘ beginnt, habe ich wirklich ein Problem“, sagt Nissen. Solche Sätze seien nämlich nicht zu übersetzen. Platt zwingt zur Klarheit, zur direkten Aussage.

Nicht die schlechteste Voraussetzung, um auch komplizierte Zusammenhänge klar zu benennen. Und es ist ja zumindest nicht ausgeschlossen, dass wir eines Tages auch den „Flegerdräger“ nicht mehr als zu niedlich für die Nachrichten empfinden.

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