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„Etwas ganz Natürliches“
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18:24 23.12.2010
Yared Dibaba
Yared Dibaba, der Plattdeutsch-Botschafter
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Sie sind seit Jahren einer der bekanntesten Werbeträger für das Plattdeutsche. Sehen Sie sich als Missionar?

Eher als Entwicklungshelfer. Ich glaube, dass ich viele Menschen dazu motiviere, Plattdeutsch zu lernen oder es aufzufrischen, weil ich ja kein gebürtiger Plattschnacker bin. Auch wenn viele sagen, dass Plattdeutsch meine zweite Muttersprache ist – es stimmt in zweierlei Hinsicht nicht.

Warum?

Erstens hat man nur eine Mutter, und zweitens bin ich kein Muttersprachler und hab’ Plattdeutsch relativ spät gelernt. Genau deshalb sagen sich aber viele: Wenn der Dibaba aus Äthiopien Plattdeutsch lernen kann, dann kann ich das auch, oder ich kann es meinen Kindern beibringen. Für mich ist Platt keine altbackene Sprache, sondern etwas, womit ich etwas Schönes und Heimatliches im positiven Sinne verbinde.

Viele Sprachpfleger schlagen Alarm. Muss das Plattdeutsche künstlich am Leben gehalten werden, oder ist noch genug natürlicher Kern da, auf dem man aufbauen kann?

In den nächsten 200 bis 300 Jahren werden durch Migration und Grenzverschiebungen viele Sprachen einfach verschwinden, weil sie keine Chance mehr haben, als Alltagssprache gesprochen zu werden. Beim Plattdeutschen ist das anders. Ich war gerade in Ostfriesland und habe mal wieder erlebt, dass viele Menschen es immer noch als erste Sprache sprechen. Das ist etwas ganz Natürliches, da ist nichts Künstliches dabei. Es lohnt sich, diese Sprache im wahrsten Sinne zu pflegen. Denn die Menschen, die es sprechen, werden weniger.

Wie kann diese Pflege aussehen?

Es gibt mediale Initiativen, die sich für das Plattdeutsche einsetzen. Es gibt Kindergärten, in denen Hoch- und Plattdeutsch erzogen wird. Es gibt hier und da sogar Bürgermeister, die auch mal eine Mail auf Plattdeutsch schreiben. Und es gibt Lehrer, die sich einsetzen, dass Plattdeutsch zumindest als Wahlfach an Schulen eingerichtet wird. Das sind alles gute Ansätze.

Tun sich Migrantenkinder mit dem Plattdeutschlernen leichter?

Ja. Sie werden schon bilingual groß und wissen von Beginn an, dass es nicht nur eine Sprache gibt. Da fällt die dritte oder vierte dann viel leichter. Die Hemmungen, eine neue Sprache anzuwenden, fällt weg.

Kennen Sie das von sich selbst?

Ich hatte als Zehnjähriger schon mit fünf Sprachen zu tun: Oromo, meiner Muttersprache, Amharisch, der äthiopischen Amtssprache, mit Deutsch, Englisch und Suaheli, weil ich ein halbes Jahr in Kenia gelebt habe. Die Angst, eine neue Sprache nicht nur zu lernen, sondern auch wirklich zu gebrauchen, ist dann weg.

Hat das Sprachenerlernen für Sie anderes Lernen erleichtert?

Natürlich. Es hat vieles erleichtert, weil es mir neue soziale Räume eröffnet und Lebenszusammenhänge aufgezeigt hat. Für mich war es im wahrsten Sinne ein Schlüssel zum Erfolg.

Hat Platt Ihre eigene Integration erleichtert?

Ich konnte anfangs kein Platt, habe dann aber im plattdeutschen Kinderchor mitgemacht und am plattdeutschen Lesewettbewerb teilgenommen. Plattdeutsch hat auf dem Land grundsätzlich integrativen Charakter. Einen höheren als Hochdeutsch, weil man noch eine andere Hürde nimmt. Und wenn man als Migrant Platt spricht, hat man definitiv einen anderen Kontakt zu den Menschen. Ich kenne das übrigens umgekehrt auch aus Äthiopien.

In Ostfriesland gibt es die Werbekampagne „Platt ist cool“. Ist Platt cool?

Es gibt ein paar Ideen, Jugendlichen das Plattdeutsche näherzubringen, was eine gute Idee ist. Aber ich glaube, dass Platt nicht cooler ist als andere Sprachen. Die Sprache muss einfach gelebt werden. Ich finde es cool, wenn Menschen die Sprache sprechen können. Cool ist auch, dass es Dinge gibt, die man im Plattdeutschen einfach bildhafter und selbstverständlicher ausdrücken kann.

Zum Beispiel?

Wenn man in den plattdeutschen Nachrichten auf NDR 90,3 oder Radio Bremen von gescheiterten Verhandlungen hört, heißt es dort, die Gespräche seien „an de Wand fohrn“. Das find ich viel schöner, weil da immer ein gewisser Unterton mitschwingt.

Interview: Uwe Janssen

Yared Dibaba

...wurde 1969 in Äthiopien geboren und kam als Bürgerkriegsflüchtling über Umwege 1979 nach Norddeutschland. Er machte in Delmenhorst Abitur, wechselte nach kaufmännischer Lehre zur Schauspielschule und spielte neben Heidi Kabel am Ohnsorg Theater. Anschließend moderierte er Sendungen beim Privatfernsehen und beim NDR. 2006 spürte er für die Reihe „Die Welt op Platt“ Plattschnacker rund um den Globus auf und ist seitdem einer der wichtigsten Platt-Botschafter.