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Kultur Wie ein Klarinettenkonzert entsteht
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13:23 28.12.2018
Klarer Plan: Thorsten Encke.
Klarer Plan: Thorsten Encke. Quelle: Micha Neugebauer
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Hannover

Wo kommen sie her, das lichte C und der verschnörkelte Lauf mit der aufsteigenden Quinte am Ende? Im gerade fertig gewordenen Klarinettenkonzert von Thorsten Encke, das der hannoversche Komponist für Sharon Kam geschrieben hat, spielen der Ton und das Intervall eine wichtige Rolle. Sie waren die Keimzelle, aus der Encke große Teile des Stücks entwickelt hat. Doch wie er zu diesem Ausgangspunkt gekommen ist, kann der Komponist nicht sagen: „Der erste Impuls bleibt ein Mysterium“, sagt er.

Dabei ist der 1966 in Göttingen geborene Encke alles andere als ein Geheimniskrämer, der den Entstehungsprozess eines Werkes als gleichsam überirdischen Vorgang stilisiert. Seine Komposition folgt einem klaren Plan, den er zu Beginn der Arbeit in sein Notizbuch notiert hat: keine Noten, sondern in Worte gefasste Klangbilder, die jeweils mit einer genauen Spieldauer versehen werden. Noch bevor Encke auch nur einen einzigen Ton notiert hat, weiß er schon, wie lange das fertige Stück dauern wird.

Eines der Klangbilder ist im Notizbuch als „Flirt“ festgehalten: Der Komponist hat hier später der Soloklarinette die Klarinetten des Orchesters zur Seite gestellt, sodass kaum zu unterscheiden ist, wer hier Solist und wer Begleiter ist. „Im Grunde geht es wie in vielen Solokonzerten darum, dass das Individuum mit der Gemeinschaft ringt“, sagt Encke.

Da passt es nicht schlecht, dass er die hannoversche Klarinettistin Kam als starke Persönlichkeit wahrnimmt. „Ich habe mir vorgestellt, dass sie es durch diese Persönlichkeit nicht immer leicht im Leben hat“, sagt er. „Sie eckt an.“ Als musikalisches Psychogramm will er sein Konzert aber nicht verstanden wissen: „Die Musik spricht für sich selbst und ist nicht semantisch festgelegt.“ Jeder könne eigene Bilder dazu entwickeln.

Sharon Kam hat das bereits getan. Mehrmals hat sie sich mit Encke getroffen, um ihren Part zu überarbeiten. „Sie hat den Finger in alle Wunden gelegt“, erzählt der Komponist, der selbst Cello spielt und die Klarinette nicht aus der Sicht eines Spielers kennt. „Das war nicht immer einfach“, sagt er, „aber für mich als Komponist ein Riesenglück.“

Das Klarinettenkonzert ist am 10. und 11. Januar, 20 Uhr, bei Konzerten der NDR Radiophilharmonie im Funkhaus zu hören. Solistin ist Sharon Kam, Joshua Weilerstein dirigiert. Mehr Werke von Encke und anderen zeitgenössischen Komponisten sind beim Konzert von Musica assoluta am 19. Januar, 20 Uhr, im Kleinen Sendesaal zu hören.

Von Stefan Arndt