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Kultur „Tristan und Isolde“ eröffnet die Saison
Nachrichten Kultur „Tristan und Isolde“ eröffnet die Saison
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00:15 20.09.2018
„Sink hernieder, Nacht der Liebe“: Tristan (Robert Künzli) und Isolde (Kelly God) an der Staatsoper Hannover. Quelle: Thomas M. Jauk
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Hannover

 Der Liebestrank: ein Glas Wasser. Mehr ist nicht nötig, um eine Leidenschaft aufglühen zu lassen, die ohnehin immer da war. So sieht es der britische Regisseur Stephen Langridge, der an der Staatsoper Hannover keine Zweifel daran lässt, dass Tristan und Isolde gleichsam von Natur aus zusammengehören. Noch während des Vorspiels von Richard Wagners gleichnamiger Oper, die nun die letzte Saison mit Michael Klügl als Intendanten eröffnet hat, sieht man einen Mann und eine Frau so eng ineinander verklammert, dass die beiden wie eine Person wirken. Während sich die Harmonik mit ihrem berühmten Tristan-Akkord in alle Richtungen hin aufzulösen scheint, vergeht auch dieser szenische Urzustand. Wie in Zeitlupe wird die Frau dem Mann entzogen. Tristan bleibt, Isolde verschwindet. Eine Trennung als Sündenfall – die „Handlung“, wie Wagner sein Seelendrama genannt hat, kann beginnen.

Das ist Stephen Langridges „Tristan“-Inszenierung in Hannover

Damit sind sie ein wesentliches Element von Langridges stark verinnerlichter Sicht auf das Stück. Der Regisseur verzichtet ansonsten weitgehend auf eigenmächtige Hinzufügungen: „Tristan und Isolde“ ist bei ihm – genau wie beim Dichter und Komponisten Wagner – ein Stück über die Liebe in ihrer radikal vergeistigten Form.

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Dazu passen die opulent-abstrakte Lichtgestaltung von Susanne Reinhardt, die der Grenze zum Kitsch oft nahekommt, ohne sie je zu überschreiten, und die kühle, aber elegante Ausstattung von Conor Murphy. Dessen Bühnenbild kombiniert Riesenröhren, Gangways, ein rundes Podest und eine gewellte Lamellenwand in den drei Aufzügen zu jeweils weiten, lichten Räumen, die Assoziationen vom Schiff bis zum Jenseits zulassen, ohne sie aufzudrängen.

Wesentlich eindeutiger ist Will Humburg am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters. Humburg, der den erkrankten hannoverschen Generalmusikdirektor Iván Repusic ersetzt, ist ein erfahrender Wagner-Dirigent – routinierte Distanz zur Musik liegt ihm aber noch immer fern: Mit sehr großen, sehr klaren Bewegungen stürzt er sich in die Klangfluten und sorgt so immer wieder für Energieschübe aus dem Orchestergraben. Mit halber Kraft gibt Humburg sich nicht zufrieden: Dass ein Dirigent die Musiker zu höherer Lautstärke auffordert, ist in der Oper eher selten der Fall – Humburg tut es regelmäßig und verliert dabei doch nie die Klangbalance auf den Ohren: Die Sänger sind bei ihm jederzeit gut zu hören.

Sopranistin Kelly God wäre dabei auf Rücksicht kaum angewiesen: Ihre Isolde verfügt über scheinbar unbegrenzte Reserven und hat sich doch etwas angemessen Mädchenhaftes bewahrt. Der Liebestod, der längst nicht so „mild und leise“ abläuft, wie er beginnt, ist eine beeindruckende Demonstration ihrer stimmlichen und musikalischen Kräfte. Szenisch bleibt das gemeinsame Ende des Paars dagegen offen: Während Tristans tanzende Butoh-Seele den Ausgang in einen Erlösung verheißenden Lichttunnel findet, bleiben Isolde und ihr Double dicht aneinandergedrängt auf der Bühne zurück.

Robert Künzli (Tristan) bewährt sich trotz eines störenden Infektes als zuverlässiger Heldentenor, auch wenn es ihm nicht immer gelingt, die Musik in Fluss zu bringen. Elegant und warm tönt Khatuna Mikaberidze als Brangäne, Stefan Adam wirkt als ihr Gegenüber Kurwenal dagegen etwas verletzlicher, als die rustikale Partie es vorsieht. Tobias Schabel ist ein volltönender König Marke, und auch Nebenrollen sind mit Sängern wie Simon Bode als Steuermann exzellent besetzt.

Am Ende gibt es Jubel für Humburg und das Staatsorchester, auch Kelly God und die übrigen Solisten werden mit starkem Beifall bedacht. Regisseur Stephen Langridge und sein Team bekamen einige Buh-Rufe zu hören. Dass der Applaus nach knapp fünf Stunden in den bereits ein wenig gelichteten Zuschauerreihen insgesamt kürzer ausfällt als üblich, muss dagegen kein schlechtes Zeichen sein: Das Stück bleibt eine Herausforderung nicht nur für die Sänger und Musiker, sondern auch für die Zuschauer.

Weitere Vorstellungen sind am 30. September, am 7., 21. und 28. Oktober sowie am 2. und 22. Dezember.

Von Stefan Arndt