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Kultur 1000 Bewerbungen für das Lumix Festival
Nachrichten Kultur 1000 Bewerbungen für das Lumix Festival
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06:15 22.03.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Protest in Ägypten, aufgenommen von Remi Ochlik. Quelle: Remi Ochlik
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Hannover

Am Ende werden sie Hunderte zerstörter Häuser gesehen haben und Dutzende Tote. Sie werden Blut gesehen haben und Menschen, die lachen und tanzen. Sie werden zahnlose alte Männer gesehen haben, winkende Kinde, begeisterte Demonstranten, Drogenabhängige mit leerem Blick. Und sie werden viele, viele Flüchtlinge gesehen haben. "Am Ende eines solchen Tages", sagt Fotografieprofessor Rolf Nobel, "hilft nur noch ein Glas Rotwein zum Abschalten." Kino aber ginge gar nicht, bloß nicht noch mehr Bilder.

Am Wochenende war Jurysitzung für das Lumix-Festival. Das Festival für jungen Fotojournalismus findet vom 13. bis 17. Juni in mehreren Hallen auf dem ehemaligen Expo-Gelände statt. 60 Fotoreportagen werden zu sehen sein, eingereicht wurden 1170 Arbeiten von Fotografen aus 73 Ländern. Organisiert wird das Festival vom Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover und der Fotojournalistenvereinigung Freelens. Beide Organisationen stellten auch die Juroren, die sich am Wochenende durch Bilderberge wühlen mussten, um zu entscheiden, welche Reportagen im Sommer in der gigantischen Fotogalerie auf dem Expo-Gelände zu sehen sein werden. Aus Hannover waren Fotografie-Professor Rolf Nobel und Isabel Winarsch, die Organisationsleiterin des Festivals, dabei; Paula Tamm, Stephanie Bunk und Geschäftsführer Lutz Fischmann waren für Freelens gekommen, um die Bewerbungsmappen zu sichten. Auf zusammengeschobenen Tischen im vierten Stock des Designzentrums an der Expo-Plaza liegen die Mappenstapel. 400 Arbeiten stehen zur Auswahl - eine Vorjury hatte zuvor schon aussortiert, was ohnehin keine Chance hat. Jede Reportage umfasst etwa 20 Bilder; 8000 Bilder also müssen von jedem Juror begutachtet werden: Bilder vom Raubbau an der Natur in Lateinamerika, von der Hungersnot in Somalia oder von dem finnischen Rockmusiker, der lange im Auto sitzt, um zu traurigen Auftritten zu fahren. Einige multimediale Arbeiten sind auch dabei - und erstaunliche viele Schwarz-Weiß-Arbeiten.

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In der Schlussrunde gehen die Juroren die Arbeiten, bei denen die Entscheidung nicht so ganz klar ist, gemeinsam durch. "Na ja, das ist nicht wirklich überragend fotografiert", heißt es dann, oder "zu schnarchig" oder "In einem Magazin würde das nicht funktionieren, doch in einer Ausstellung könnte es gehen" oder auch: "Ich versteh’ die Bilder nicht, ich weiß überhaupt nicht, wie das gemacht wurde". Und dann wandert die Mappe auf den Ausschuss- oder auf den "Kann, aber muss nicht"-Stapel.

Gelobt wird aber auch "Das hat mich emotional sehr berührt" heißt es dann, oder "Das hier ist sehr schön schräg fotografiert - auf angenehme Art extrem".

Auf angenehme Art extrem sind auch viele der ausgewählten Arbeiten: eine Reportage über das Leben auf St. Pauli etwa, oder eine über einen Surfklub im Gazastreifen.

Beherrschendes Thema der Einsendungen für diese dritte Ausgabe des Folge des Lumix-Festivals aber war der arabische Frühling. Viele Arbeiten aus Libyen waren dabei. Die Jury muss entscheiden. In zwei Fällen muss sie das allerdings nicht mehr tun; da haben die Veranstalter schon vorher entschieden. Zwei Arbeiten sind für das Festival gesetzt: Kai Löffelbein, Fotografiestudent an der Hochschule Hannover, ist mit seiner Reportage von einer Müllhalde für Elektroschrott in Ghana auf jeden Fall dabei - sein Foto eines Jungen, der mit einer Bildröhre in der Hand auf einem brennenden Schrottberg steht, ist von Unicef zum Foto des Jahres gekürt worden. Dass Remi Ochliks Fotoreportage über den Aufstand in Syrien auf dem Festival gezeigt werden wird, stand auch schon vor der Jurysitzung fest. Ein Freund hatte Ochlik aus Paris für das Festival angemeldet, Ochlik selbst war in Homs, er konnte die Anmeldung nicht selbst vornehmen. Ein paar Stunden, nachdem die Anmeldung bei den Festivalmachern eingegangen ist, wurde Remi Ochlik in Homs durch eine Granate getötet. In Ausübung seines Berufs.