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Kultur 125 Jahre "Schimmelreiter": Der Deichgraf kämpft
Nachrichten Kultur 125 Jahre "Schimmelreiter": Der Deichgraf kämpft
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19:28 01.04.2013
Theodor Strom veröffentlichte vor 125 Jahren seinen "Schimmelreiter".
Theodor Strom veröffentlichte vor 125 Jahren seinen "Schimmelreiter".
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Husum

Er war todkrank, als er den „Schimmelreiter“ schrieb. Der Magenkrebs war nicht aufzuhalten. Theodor Storm wusste, dass seine Zeit gekommen war. Er lebte in seiner Villa in Hademarschen, in dieser Backsteinburg, die er sich für seine letzten Jahre in die Abgeschiedenheit hatte bauen lassen. Er erlebte noch die Veröffentlichung der Novelle, bevor er im Juli 1888 mit 71 Jahren starb.

Der „Schimmelreiter“ aber jagt weiter durch die Nacht. Man sieht ihn, wenn die Wolken fliehen, wenn der Sturm heult und sich das Meer an die Küste wirft, wie irr, wie besessen. Ein bleicher Mond steht dann vielleicht am Himmel, in den Häusern betet man stumm den Morgen herbei, und über den Deich faucht ein weißes Pferd mit einem dunklen Reiter darauf und macht doch keinen Laut.

So hat Storm Nordfriesland beschrieben, ein Land der Urgewalten, schwer und dunkel, in dem Platz ist für geisterhafte Geschichten und geisterhafte Menschen. So hat es sich eingeprägt in die deutsche Literatur. Nordfriesland ist Storm-Land, er hat ihm in der Welt der Bücher einen Namen gegeben, er hat es auf die literarische Landkarte gehoben. Und vor allem hat er das mit dem „Schimmelreiter“ getan, der jetzt 125 Jahre alt wird.

Begleitet hat Storm diese dunkle Figur schon seit seiner Jugend. 1838 hat er von ihr gelesen, in den Hamburger „Lesefrüchten vom Felde der neuesten Literatur des In- und Auslandes“. In dieser Zeitschrift findet sich der Nachdruck einer Geschichte aus dem „Danziger Dampfboot“, in der von einem „gespenstigen Reiter“ die Rede war. Allerdings jagt er über die Deiche der Weichsel, weit im Osten, was Storm bedauert. „Der Schimmelreiter, so sehr er auch als Deichsage seinem ganzen Charakter nach hierher passt, gehört leider nicht unserm Vaterlande“, klagt er in einem Brief an seinen Freund, den Historiker Theodor Mommsen aus Garding auf Eiderstedt.

Hat Storm sein Leben lang auf den „Schimmelreiter“ hingeschrieben? Nein, das wäre etwas zu dramatisch, sagt Dieter Lohmeier, emeritierter Literaturprofessor in Kiel und Vizepräsident der Storm-Gesellschaft. Aber dass es seine bedeutendste Novelle war, das stehe außer Frage. Das schlägt sich auch im Erfolg der Geschichte nieder. Es gebe zwar keine genauen Zahlen, weil der „Schimmelreiter“ in diversen Verlagen erschienen sei, heißt es aus dem Storm-Zentrum in Husum. Aber dass er zu den meistverkauften deutschen Büchern zählt, davon dürfe man ausgehen. Und das kommt nicht von ungefähr: Storm habe „die Novelle, wie er sie verstand, als epische Schwester des Dramas auf einen seither nicht wieder erreichten Gipfel“ geführt, schrieb Thomas Mann.

Es sind mehrere Kämpfe, die Storm im „Schimmelreiter“ schildert. Da ist der Aufstieg des jungen, fast mittellosen Hauke Haien zum Deichgrafen. Da ist sein Kampf gegen das Meer, die Natur. Und da ist sein Kampf gegen den Neid, den Unverstand, gegen Bosheit und Kleinmut der Menschen um ihn. Es ist eine Geschichte des schönen Eigensinns.

Haien wird, wie er es schon als Junge sich wünschte, Deichgraf und baut tatsächlich den Deich, wie er gebaut werden muss. Aber es ist eben auch eine Geschichte des Scheiterns. Denn als er sich überreden und den von Mäusen zerwühlten alten Deich nicht reparieren lässt, bricht der just an dieser Stelle. Seine Frau und sein Kind sterben in den Fluten, und auch er stürzt sich hinein mit seinem Schimmel. „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“ ruft er, und dann ist unten auf dem Deich „kein Leben mehr als nur die wilden Wasser, die bald den alten Koog fast völlig überflutet hatten“. Und doch reitet der Erzähler in der Novelle später den „Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter“. Das Scheitern, sagt der Storm-Kenner Lohmeier, bleibe also in der Schwebe.

Heute gibt es seit mehr als 50 Jahren den Hauke-Haien-Koog, 1200 Hektar eingedeichtes Land in der Hattstedtermarsch zwischen Husum und Dagebüll. Eine leere Gegend ist das, karg und einsam, Möwen kämpfen sich durch den scharfen Wind. Draußen vor dem Deich, sagt der Dichter, schläft ein Ungeheuer tief auf dem Grunde. Und manchmal zieht es leis aus dem Schlamm die Krallen.

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