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Kultur Versunken im Tonalrausch
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00:18 06.05.2015
Am Sonntag ging die 15. Internationale A-cappella-Woche zu Ende. Im Pavillon gab es am Sonnabend ein vorletztes Konzert. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

„Wir haben allein 4000 Karten im Vorverkauf absetzen können“, sagte Roger Cericius. Der Initiator der A-cappella-Woche konnte auch in diesem Jahr viele hochkarätige Ensembles verpflichten. Und es tut sich etwas im A-cappella-Bereich: „Vor zehn Jahren war so etwas wie Beat-Boxing noch völlig undenkbar“, sagte Cericius, „heute gehört es bei vielen Bands einfach dazu.“ Genregrenzen werden überschritten, wie bei Van Canto, die im Capitol von 500 Heavy-Metal-Fans für ihre instrumentenlose Rockshow bejubelt wurden. „Sie bringen eine neue Farbe in die Musik“, so kündigte Cericius das Ensemble an – und erntete Lacher: Die vorherrschende Farbe im Publikum war Schwarz.

Am Freitag sang Basta im Theater am Aegi. Die allesamt klassisch ausgebildeten Sänger kamen nach dem eher konventionellen Anfang mit „Girls, Girls, Girls“ von Sailor schnell in Schwung. Traditionelle Titel wie „Kannst du pfeifen, Johanna“ von den Comedian Harmonists wechselten mit ironischen Eigenkompositionen. „Das Schöne am A-cappella-Gesang ist: Wir nehmen alles ernst, nur uns selbst nicht“, kommentierte Arndt Schmöle den Auftritt seines Quintetts. Der hannoversche Sänger gehörte 2001 zu den Mitinitiatoren des hannoverschen Festivals. Damals sang der Bassist bei Modell Andante. Die Gruppe hatte sich 2003 aufgelöst.

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Acht Tage, 16 Ensembles: Die 15. Internationale A-cappella-Woche war ein großer Erfolg. Am Sonnabend trafen sich noch einmal Musiker zur A-cappella-Nacht im Pavillon

Schmöle war in Doppelfunktion im Aegi: Er singt jetzt bei Basta; am Freitag stand sein Modell Andante nach zwölf Jahren wieder auf der Bühne. Die Musiker waren sichtlich gerührt ob der vielen Fans, die sie in Hannover noch haben. Und sie können es immer noch: Bei „Time to Say Goodbye“ sorgte das schnelle Umschalten zwischen der Originalkomposition und dem völlig aus dem Rahmen fallenden Zitat aus „Leaving on a Jetplane“ für tosenden Applaus. Auch Schmöles Einlage als russischer Sänger, der während der Strophen eines Liedes eine Flasche Wodka leert, wurde laut beklatscht. Kein Halten gab es bei einer Adaption von Basta: „Ich war 16 und sie 81“ – „Es war Sommer“ wurde zu „Es war Omma“ – der Maffay-Song wurde gehörig durch den Kakao gezogen.

Am Sonnabend wurde in den hannoverschen Pavillon geladen. Gleich drei Formationen zeigten die ganze Vielfalt des A-Cappella. Die österreichischen Zwo3wir waren von Nutzern des Facebook-Netzwerks gewählt worden: Sie hatten die meisten Stimmen für ihr selbstgedrehtes Video erhalten. In breitem Wiener Dialekt sangen die drei Herren und zwei Damen die niederösterreichische Hymne – die zu „Past-Time Paradise“ von Stevie Wonder mutierte.

Ganz im Zeichen Hannovers

Tonalrausch aus Leipzig war die vielleicht lockerste Combo der Woche. Das Quintett nutzte eine Loop-Machine und konnte mit „Toxic“ von Britney Spears das Original weit hinter sich lassen. Das Rostocker Trio Muttis Kinder bot einen hinreißenden Mix aus Klassik und Pop, Sängerin Claudia Graue wird selbst bald Mutti: Sie absolvierte ihren Auftritt hochschwanger.

Das Abschlusskonzert am Sonntag stand ganz im Zeichen Hannovers: Vivid Voices, die Hannover Harmonists und Juicebox präsentierten ihre Sangeskunst. Fast alle Musiker sind hier ansässig, genau wie die Sänger der Str8voices, die im vergangenen Jahr den deutschen Chorwettbewerb in Weimar gewinnen konnten. Mit einem unangekündigten, umjubelten Auftritt von Maybebop ging das Konzert – und die Woche – zu Ende: Die Hannoveraner sind im Moment die unbestrittenen Wortführer der Szene.

„So viele waren wir noch nie“

Chorgesang ist offenbar angesagt: Martin Jordan gab während der A-cappella-Woche im Landesmuseum täglich einen Workshop. Jeder konnte zum Mitsingen kommen, auch ohne Vorkenntnisse. Und: „So viele wie in diesem Jahr waren wir noch nie“, sagte er am Sonnabend begeistert, nachdem „sein“ Chor mit ihm – nach Atem-, Streck- und Entspannungsübungen – „Nkosi sikelel’i Afrika“, die südafrikanische Nationalhymne, intoniert hatte.

„Gemeinsam singen ist einfach toll“, befand auch Edeltraud Samland aus Burgdorf. Sie gehörte zu den 50 bis 100 Personen, die täglich ins Museum gekommen waren. Zum Selbersingen.     

Michael Krowas

16. Internationale A-cappella-Woche

Der Termin für die 16. Internationale A-cappella-Woche steht fest: Sie geht von Sonnabend, 30. April, bis Sonntag, 8. Mai 2016, über die Bühnen der Region. Auch im kommenden Jahr werden illustre Gäste erwartet: Roger Cericius steht in Verhandlungen mit Take 6, der wohl berühmtesten Boygroup im instrumentenfreien Bereich. Und auch die King’s Singers werden in der Landeshauptstadt auftreten. Der Vorverkauf dafür beginnt im Februar 2016.

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