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00:15 21.08.2013
Indie-Rock in Ostdeutschland: Am Wochenende tobte Großpösna beim Highfield-Festival. Quelle: dpa
Großpösna

Jedes Rockfestival hat seinen eigenen Charakter. Das Highfield am Störmthaler See nahe Leipzig vermarktet sich seit diesem Jahr erfolgreich als "Kurzurlaub" unter den Festivals und erobert damit eine Marktlücke zwischen Wacken ("harter Rock im Kuhdorf") und Rock am Ring ("Riesenbandaufgebot auf der Rennstrecke"). Das größte Indiefestival des Ostens zog am Wochenende rund 25 0000 "Urlauber" an.

Für diesen Festivaljahrgang wurde der Badestrand am Störmthaler See ausgeweitet, komplett mit Beachvolleyballfeldern, Cocktailhütte und Banana-Boatfahren. Für eine abwechslungsreiche Halbpension sorgt die neue Foodsharing-Station. Dort warten Zitronenlimonade, Bohneneintopf, Nudeln und Schokokekse darauf, gegen andere Lebensmittel getauscht zu werden. Im gleichen Zelt können die Urlaubspostkarten (Festivalpost) verschickt werden. Das Animationsangebot besteht aus Bungee-Jumping, als Souvenir sind Band-Shirts sehr beliebt. Das musikalische Unterhaltungsprogramm ist natürlich besonders aufwendig bei diesem All-Inclusive-Urlaub:

Das Warten auf Billy Talent, den ersten Headliner des Highfield-Festivals, lohnt sich. Erst um Mitternacht legt die kanadische Band um den Sänger Benjamin Kowalewicz am Freitagabend los. Aber wie: Gleich der erste Song "Viking Death March" ist eine Kampfansage an jegliche Festivalmüdigkeit. Das Antidrogenlied "Fallen Leaves", das quirlige "Saint Veronika", die eindringliche Ballade "Surrender" und natürlich das Revolutionslied "Red Flag" - wenn man all diese aus dem Radio bekannten Titel in einer Reihe hört, realisiert man erst richtig, wie erfolgreich diese Punkrocker sind.

Harte Gitarrenriffs und wummernde Bässe erschallten am Störmthaler See in Großpösna. Mehr als 20.000 Rockfans zog es am Wochenende auf das Gelände. Sie feierten auf Ostdeutschlands größtem Indie-Rock-Festival.

Auf dem Highfield feiern sie den Geburtstag des Drummers und die Veröffentlichung ihres ersten Albums mit dem schlichten Titel "Billy Talent" vor zehn Jahren. Seitdem ist die Band zu einem Massenphänomen geworden, Kritiker belächeln die Kanadier als weichgespülte Punkrocker für Teenies. Beim Highfield ist davon nichts zu spüren, die Fans pogen und hüpfen, als hätten sie den Teufel auf der Schulter, wie es in einem Lied der Band heißt.

Die deutschsprachige Punk-Ska-Band "Feine Sahne Fischfilet" ist der Höhepunkt des Samstagnachmittags: Die jungen Musiker aus Rostock und Greifswald verraten schon mit ihrem verrückt-genialen Namen ihre Herkunft aus dem Norden. Ihre Texte richten sich sehr deutlich gegen Nazis, alltäglichen Rassismus und das Versagen des Staates in der NSU-Affäre. Deshalb wurden die jungen Musiker absurderweise selbst schon mal in einem Bericht des Verfassungsschutzes erwähnt.

Auch bei anderen Themen nimmt die Band kein Blatt vor den Mund: "Ich bin komplett im Arsch" handelt von dem Gefühl der Sinnlosigkeit, das sich beim Erwachsenwerden bisweilen einstellt. Gitarrist Christoph Sell alias "Tscherni” singt hier ausnahmsweise, seine raue Stimme bleibt noch lange im Ohr. Dieser Ska-Punk geht in die Beine - das Publikum hätte gern noch eine Zugabe gehabt. Doch der strenge Festivalzeitplan lässt keine Sonderaktionen zu. 

Der Samstagabend ist reich an Kontrasten: Auf der Nebenbühne ziehen Pennywise ihre Hardcore-Symphonie mit Stimmen durch, denen man die durchzechte Nacht anhört, während nebenan Cro leicht konsumierbaren Deutschrock mit eingängigen Melodien ("Einmal um die Welt") spielt. Auffällig viele junge Fans mit Leuchtarmbändern strömen vom Campingplatz zu dem Internetstar mit der Pandamaske.

Zur Geisterstunde präsentiert das Highfield wiederum zwei sehr unterschiedliche Bands: Bad Religion punkrocken sich die Seele aus dem Leib - unverständlicherweise auf der Nebenbühne. Bei "Digital Boy", einer ironischen Ode an die Lebensunfähigkeit des Internetnerds, stehen auch die musikalischen Freunde von NOFX noch einmal mit auf der Bühne. Die Kollegialität der Bands untereinander ist ohnehin bemerkenswert, immer wieder werden Empfehlungen ans Publikum ausgesprochen, diese oder jene Gruppe nicht zu verpassen. Deichkind hingegen stehen für progressiven Hip Hop mit sozialkritischen Texten. "Bück dich hoch" etwa handelt von Speichelleckerei am Arbeitsplatz. Bühnenbild - eine Art aufgeklappte Sonnenbank - und Glitzerkostüme sind skurril. Ein schräges Finale dieses zweiten Festivaltages. 

Am Sonntagabend regiert dann der Deutschrock beim Highfield-Festival: Thees Uhlmann, Tocotronic und die Ärzte spielen das Lied vom Ende dieses Kurzurlaubs.

Der gleicht einer Safari, bei der sich exotische Kulturen hautnah erforschen lassen: Die Spezies der Festivalgänger fällt durch merkwürdige Zuckbewegungen vor der Bühne, eine Neigung zu kalten Ravioli aus der Dose und Erfindergeist auf. Letzerer richtet sich vor allem darauf, Tetrapacks so um den Körper zu schnüren, dass sie nicht beim Tanzen stören. Die spezifische Vegetation (plattgedrücktes Gras) sorgt für einen Wiedererkennungseffekt. 

Die Unterkunft im Zelt folgt dem Leitspruch "Zurück zur Natur". Die Duschen sind nicht ensuite, dafür haben die Urlauber mit dem Störmthaler See einen ganzen ehemaligen Tagebausee zur Verfügung, um den Festivalstaub abzuwischen. Auf dem See schwimmt die Kirche Vineta, die an ein Gotteshaus erinnern soll, das an dieser Stelle einst mitsamt eines ganzen Dorfes dem Braunkohleabbau zum Opfer fiel. Wer seinen Urlaubsflirt fürs Leben binden will, hat es also nicht weit...

Nina May

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