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Kultur 25 Jahre „Schindlers Liste“: Das Mädchen, das man nicht vergisst
Nachrichten Kultur 25 Jahre „Schindlers Liste“: Das Mädchen, das man nicht vergisst
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14:00 26.01.2019
Schindlers Liste Sonntag Quelle: Universal Pictures
Hannover

Manche Szene aus diesem Film hat sich ins Gedächtnis eingebrannt, diese Episode besonders: Wir sehen ein kleines Mädchen aus der Distanz. Sein leuchtend roter Mantel sticht aus den Schwarz-Weiß-Bildern hervor, die das Krakauer Getto zeigen.

Wir beobachten das Mädchen mit den Augen des Mannes, der das Geschehen hoch zu Pferd von einer Anhöhe aus verfolgt: Verschreckt irrt das Kind inmitten des Mordens bei der Räumung des Gettos umher, verschwindet in einem Hauseingang und versteckt sich unter einem Bett. Viel später wird der Mann den roten Mantel wiedersehen – auf einem Karren mit Toten, die verbrannt werden sollen.

Der Mann auf dem Pferd heißt Oskar Schindler, der Film „Schindlers Liste“ und der Regisseur Steven Spielberg. Vor einem Vierteljahrhundert brachte der US-Amerikaner den wichtigsten Film seiner an wichtigen Filmen reichen Karriere in die Kinos – und damit (nicht nur) den Deutschen die Vernichtung der europäischen Juden im Unterhaltungsfach ganz nah.

Nur wenige Regisseure hatten sich an das Thema gewagt

Bis dahin hatten sich nur wenige Regisseure mit sehr unterschiedlichen Werken an dieses Thema gewagt. Der Franzose Alan Resnais näherte sich mit seinem Filmessay „Nacht und Nebel“ (1956) den Konzentrationslagern an – und die damalige deutsche Bundesregierung fühlte sich dazu animiert, das Festival in Cannes zu drängen, den Film abzusetzen. Er wurde außerhalb des offiziellen Programms gezeigt.

Im Fernsehen folgte mehr als zwei Jahrzehnte später die fiktive US-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (1979, mit Meryl Streep), gedreht auch in den Gaskammern von Mauthausen. Der in diesem Januar wieder ausgestrahlte Vierteiler war wie eine Seifenoper konzipiert, heftig umstritten und brachte das Publikum doch dazu, das Morden aus der Perspektive einer jüdischen Familie zu sehen. Die Zuschauerreaktionen waren heftig, zumeist positiv. Erst mit dieser Serie zog der Begriff „Holocaust“ in den Sprachschatz der Deutschen ein.

Vom Hollywoodmärchenerzähler Steven Spielberg hatte niemand ein ernst zu nehmendes Werk zum Holocaust erwartet. Quelle: dpa

Von dem Hollywoodmärchenerzähler Spielberg hätte niemand ein ernst zu nehmendes Werk zu diesem schwierigen Thema erwartet. „Der Weiße Hai“, „Indiana Jones“, „E. T.“: So hießen die Titel seiner Blockbuster. Sollte ausgerechnet diesem Fantasy-Fan eine auf wahren Begebenheiten beruhende Darstellung der nationalsozialistischen Mordmaschinerie gelingen?

Doch kaum war die Premiere Ende November 1993 in Washington über die Bühne gegangen, wurde der mehr als dreistündige Film gefeiert. Er werde den Opfern so weit gerecht, wie das im Unterhaltungsgenre möglich sei, hieß es. Spielberg hatte vor den Toren von Auschwitz gedreht, in Schwarz-Weiß und ohne in Spezialeffekten zu schwelgen.

US-Präsident Bill Clinton empfahl seinen Landsleuten den Film – nicht als Anklage gegen die Deutschen, sondern als mahnenden Beleg dafür, wozu Menschen fähig sind. Bundespräsident Richard von Weizsäcker besuchte Anfang März 1994 die Frankfurter Premiere. Sieben Oscars gab es, darunter die für den besten Film und die beste Regie.

„Wenn Hass organisiert daherkommt, führt das zu Völkermord“

Nun kommt „Schindlers Liste“, digital überarbeitet, noch einmal auf die große Leinwand. Mehr als 400 deutsche Kinos zeigen ihn zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus an diesem Sonntag.

Spielberg hält die Wiederaufführung für dringlich: „Heute steht mehr auf dem Spiel als damals“, sagte er bei der Wiederaufnahme in den USA auch mit Blick auf den grassierenden Fremdenhass. „Wenn einzelne Menschen hassen, ist das schrecklich. Aber wenn Hass organisiert daherkommt, führt das zu Völkermord.“ In der aktuellen Fassung spricht er eine kurze Einführung und äußert die Hoffnung, dass die Liebe letztlich stärker als der Hass ist.

Kritische Stimmen gab es von Anfang an gegen „Schindlers Liste“, die kritischste stammte von Claude Lanzmann, dem im Vorjahr gestorbenen „Shoah“-Regisseur. Er hielt das Grauen für nicht darstellbar. Auschwitz dürfe nicht nachinszeniert werden, aus Respekt für die Würde der Opfer. In seinem neunstündigen „Shoah“-Interviewfilm ist kein Leichnam zu sehen.

Lebemann und Lebensretter: Liam Neeson als Oskar Schindler. Quelle: Universal Pictures

Spielberg und Lanzmann begegneten sich erstmals vor wenigen Jahren beim Filmfestival in Cannes. Sie verstanden sich prächtig, aber der Gegensatz zwischen ihnen blieb unauflösbar. In einem Interview mit der „Zeit“ sagte Lanzmann: „Wir sind zwei ängstliche Juden. Der eine zieht sich aus der Affäre, indem es bei ihm immer ein gutes Ende gibt. Und bei mir geht es immer schlecht aus. Mit dem Tod. Aber sonst sind wir gleich. Zwei jüdische Angsthasen, die Filme machen.“

Tatsächlich bebildert Spielberg die Ausnahme von der Regel. Er erzählt vom Überleben. Das industriemäßige Morden wird überwölbt vom Happy End – und für dieses ist auch noch ein Deutscher zuständig. Der Fabrikant Schindler (gespielt von Liam Neeson) rettet mehr als 1200 Juden vor den NS-Schergen in Gestalt des Sadisten Amon Göth (Ralph Fiennes), Kommandant des Konzentrationslagers Płaszów bei Krakau.

Der Kapitalist und Salonlöwe Schindler, NSDAP-Mitglied, stellt das Mitleid über den Profit. Er opfert das eben erst auf Kosten seiner Zwangsarbeiter zusammengeraffte Vermögen, um diese vor dem sicheren Tod zu bewahren. Sein Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley) schreibt die rettende Liste dazu.

Wirkung über Kinogrenzen hinaus

Die Wirkung von „Schindlers Liste“ ging über Kinogrenzen hinaus. Spielberg gründete die Shoah Foundation. Deren Ziel: Überlebende sollten in Interviews ihr Leid unter den Deutschen dokumentieren. Bis heute erinnerten sich mehr als 50 000 aus der immer kleiner werdenden Gruppe der Zeitzeugen.

„Wir sind ein Forschungsinstitut geworden. Unsere Interviews werden von 140 Universitäten in 80 Ländern genutzt“, sagt Stephen Smith, Leiter der Shoah Foundation an der University of Southern California in Los Angeles. „In schwierigen Zeiten wie diesen, wenn wir Hass und Ausgrenzung erleben, sind Werte und Empathie, wie Oskar Schindler sie zeigte, umso wichtiger“, so Smith.

Die Opfer bekommen Gesichter und Schicksale

Nachfolgende Regisseure wagen sich heute direkt in die Gaskammern hinein, manche so märchenhaft wie Roberto Benigni in „Das Leben ist schön“ (1997), manche so unreflektiert wie Florian Henckel von Donnersmarck in „Werk ohne Autor“ (2018) und andere künstlerisch so ausgefeilt wie der Ungar László Nemes mit seinem schwer zu ertragenden Drama „Son of Saul“ (2015).

Bei Nemes werden wir Zeuge, wie die nackten Opfer in die angeblichen Duschräume geschleust, wie die Türen verriegelt, die Leichen wenig später herausgeräumt und zu den Verbrennungsöfen transportiert werden. Dann werden die Gaskammern für die nächste Ladung Mensch von Urin und Kot gesäubert. Allerdings spielt sich das Morden oft unscharf im Hintergrund ab.

Nemes erhielt den Auslands-Oscar. Auch Lanzmann fand Worte des Lobs für den Ungarn. Dabei zwingt auch dieser Film den Zuschauer in die Rolle eines Voyeurs. Nie weiß er so recht, ob er hin- oder wegschauen soll. Und doch schafft die fiktive Darstellung des Massenmordens etwas, was Geschichtsbüchern kaum gelingt: Die Filme bringen die Zuschauer dazu, Mitleid zu entwickeln. Die Opfer bekommen Gesichter und Schicksale.

Schauspieler Ben Kingsley als der jüdische Buchhalter Itzhak Stern in einer Szene des Films "Schindlers Liste". Anlässlich des 25. Jahrestags bringt das Studio Universal Pictures den Film am 27. Januar 2019, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, technisch überarbeitet auch in die deutschen Kinos. Quelle: Universal Pictures/dpa

Wer sich heute „Schindlers Liste“ noch einmal anschaut, kann sich der Wirkung nicht entziehen – und fühlt sich unwillkürlich an die wieder zunehmende Ausgrenzung von Menschen erinnert, denen ein Stempel des Andersseins aufgedrückt wird.

Am Ende unternimmt der Film einen dokumentarischen Schwenk in die Gegenwart: Die echten „Schindlerjuden“ pilgern zusammen mit ihren Darstellern zu Schindlers Grab in Jerusalem und legen Steine darauf. Der Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien auf seiner Pelztierfarm verarmte und 1974 in Hildesheim starb, war unvergessen. Doch erst Spielbergs Film machte ihn weltweit bekannt.

Schindlers Liste Buchcover Quelle: Verlag

Das Buch zum Film: Vorlage des Films „Schindlers Liste“ ist Thomas Keneallys gleichnamiger Tatsachenroman. Der aus­tralische Autor betrat eines Tages ein Lederwarengeschäft in Beverly Hills und traf dort auf dessen Besitzer – Leopold Pfefferberg, der sich in den USA Leopold Page nannte und einer der polnischen Juden war, die dank Oskar Schindler den Holocaust überlebt hatten. Page erzählte dem Autor seine Geschichte, Keneally schrieb sie 1982 auf. Page inspirierte nach eigenen Angaben auch Steven Spielberg zur Verfilmung des Stoffs und reiste als Berater mit nach Polen.

Von Stefan Stosch

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