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00:17 25.05.2015
Von Imre Grimm
Premiere: Zum ersten Mal darf mit Guy Sebastian ein Australier am ESC teilnehmen. Quelle: Georg Hochmuth/dpa
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Wien

Das ist der Mann, der mit Abstand die weiteste Anreise hatte, gehört bei seinem Debüt zum Favoritenkreis: 16.000 Kilometer flog Guy Sebastian, der Bruno Mars der Südhalbkugel, von Sydney nach Österreich. „Australien liebt den Song Contest“, sagt er. „Es ist der Wahnsinn hier.“ Australien? Beim ESC? Was für ein charmanter Coup, zum 60. Geburtstag der größten Musikshow der Welt das langjährige ESC-Fühlmitglied Australien einzuladen – nicht als „Aussie-Seiter“ oder Showact, sondern als voll berechtigten, fürs Finale gesetzten Teilnehmer.

Es wäre aber auch zu originell. Denn der ESC-Jahrgang 2015 enthält viel Mittelmaß. Wie im Leistungssport haben sich auch die Parameter der Popwelt angeglichen, es gibt keine Kleinen mehr im Glamourzirkus. Zur Not wird halt eingekauft. 20 Prozent aller 40 ESC-Titel in diesem Jahr stammen von schwedischen Produzenten. Der Englischanteil ist mit 82 Prozent so hoch ist wie nie zuvor. Und es gibt kaum noch Experimente. Wir erleben die Homogenisierung des europäischen Entertainment. Balladen dominieren den Jahrgang 2015; düster, klagend, tragisch, dramatisch. Daraus auf den Gesamtzustand des Kontinents zu schließen, wäre aber falsch. Pompöses Drama inszeniert sich halt einfach besser, zumal auf der spektakulären Bühne mit ihren 1288 Licht-Metallröhren und schlicht atemberaubenden Möglichkeiten. Nur England bleibt wacker beim Trashigen – und wird spektakulär scheitern.

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Der ESC sieht noch immer aus wie ein kontinentaler Kindergeburtstag. Innerlich aber wird er erwachsen. Wie selbstverständlich sitzt die polnische Kandidatin im Rollstuhl. Wie selbstverständlich führt die österreichische Vorjahressiegerin Conchita Wurst – die nicht nur in Österreich und in der schwulen ESC-Kernzielgruppe als Toleranzikone und Vorbild in Sachen Mut zum eigenen Lebensentwurf gefeiert wird – mit durch die Show. Dass die geistig behinderte finnische Heavy-Metal-Band Pertti Kurikan Nimipäivät im Halbfinale überraschend ausschied, lag nicht am Toleranzmangel oder an der Verstörtheit der Zuschauer, sondern gerade an der Tatsache, dass der Auftritt so unspektakulär war.

Und Ann Sophie, die deutsche Hoffnung? Sie hat Startplatz 17 erwischt, statistisch eine hervorragende Position. Aber se wird es schwer haben, auch wenn ihr Song „Black Smoke“ zu den originelleren Kompositionen zählt. Favoriten sind – neben Australien – der Schwede Mans Zelmerlöw mit seiner Trickfilmshow, die Russin Polina Gagarina, die drei italienischen Tenöre und die zeitgemäßen, klug inszenierten Pärchen aus Estland und Norwegen.

Und wenn tatsächlich Australien gewinnt? Fliegt dann der ganze Zirkus dann 2016 nach Down Under? Nein, sagt die European Broadcasting Union (EBU). Die Show bliebe in Europa, um den Austragungsort müsste gerungen werden. Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass Australiens Teilnahme kein einmaliges Gastspiel bleiben könnte. Eine Entscheidung fällt erst nach dem Finale. Warum denn auch nicht? Jede Satzung kann man ändern. Es wäre ein erster Schritt in Richtung Worldvision Song Contest.

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