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Kultur 3. Lumix-Festival startet in Hannover
Nachrichten Kultur 3. Lumix-Festival startet in Hannover
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08:33 18.06.2012
Von Uwe Janssen
Zehn Monate verbrachte Kim Thue in Sierra Leone, wo er auch diesen jungen Krieger traf.
Zehn Monate verbrachte Kim Thue in Sierra Leone, wo er auch diesen jungen Krieger traf.
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Hannover

Das Foto wirkt abschreckend. Auf einem Stuhl sitzt ein Mann mit einer verkabelten Gesichtsapparatur wie aus einem Horrorfilm, das weit geschnittene Hemd ist von seiner rechten Schulter gerutscht. Um ihn herum sitzen und stehen konzentrierte Menschen mit Mundschutz und Kopfhauben, hinten ein Mann mit einem Ausweis am Revers, der aussieht, als ob er die Tür bewacht. Wird der Mann auf dem Stuhl gequält? Der Text unter dem Bild gibt Aufschluss: „Im November 2009 durchlebte Nick die Operation zum Einsetzen des Hirnschrittmachers. Dieser Eingriff wirkt wie mittelalterliche Folter, ist aber modernste Wissenschaft. Am Ende veranlassten die winzigen elektrischen Schläge des Hirnschrittmachers das ganze Nervensystem dazu, nach und nach die Muskeln zu entspannen.“

Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hat, ist der Fotograf. Und es ist der Zwillingsbruder von Nick. Seit zehn Jahren begleitet Christopher Capozziello dessen Leben und Leiden. Nick leidet an einer infantilen Zerebralparese, einer Bewegungsstörung infolge einer frühkindlichen Hirnschädigung. In ruhigen, liebevollen Worten und Bildern beschreibt Christopher Nicks Alltag, aber auch die dramatischen spastischen Anfälle und die schweren medizinischen Schritte, immer verbunden mit der leisen Hoffnung, dass alles besser wird.

Die Bilderserie „The Distance between us“ ist der vielleicht stärkste emotionale Eindruck des 3. Lumix-Festivals für jungen Fotojournalismus, das heute auf dem hannoverschen Expo-Gelände beginnt. 60 Fotoreportagen werden an acht Orten gezeigt, dazu kommen 22 Multimedia-storys. So erzählt der Fotograf Hannes Jung in einer Audioslideshow die Geschichte der Familie Berisha, die nach 17 Jahren Duldung in Deutschland wieder in den Kosovo abgeschoben wurde:

Das überregionale und internationale Interesse ist groß wie nie, trotzdem mischen sich ein paar Misstöne in die positive Grundstimmung. Die Festivalleitung um Hochschulprofessor Rolf Nobel kritisiert eine EU-Richtlinie, nach der für Hochschulmitarbeiter, die beim Festival arbeiten, Geld an die Hochschule bezahlt werden muss. Die Kommunikation mit der Hochschulleitung scheint nachhaltig gestört. „Die Hochschulleitung ist der Auffassung, dass diese Veranstaltung der Trennungsrechnung unterliegt. Ich selbst habe da eine andere Auffassung, und es wäre vielleicht eine Überlegung wert, einen hochkarätigen Verwaltungsjuristen zu befragen, ob die Einschätzung unseres Präsidiums stimmt“, sagte Nobel am Dienstag vor Journalisten.

Dem Ausstellungsprogramm ist dieser Zwist nicht anzumerken. Die Bandbreite ist groß: Geografisch reicht sie einmal um den Erdball, stilistisch von der klassischen Sozialreportage über fotografische Essays und Arbeitsporträts bis hinein in die Kunstfotografie. Es sind große politische Themen dabei, Kriege und Krisen, aber auch die skurrilen Geschichten aus dem ganz normalen Leben. Und solche, die beides verbinden.

Dass im Gazastreifen, nicht gerade ein Ferienparadies, das Surfen in Mode kommt, lässt einen Moment an eine berühmte Strandszene aus „Apocalypse now“ erinnern. Doch es ist viel normaler. Der irische Fotograf Andrew McConnell hat die wackeren Wellenreiter mit ihren improvisierten Möglichkeiten begleitet. Nicht jeder Surfboy hat ein Brett, manchmal muss auch ein ausrangiertes Windsurfboard herhalten. Und manchmal steht im Wasser einfach ein Pferd im Weg.

Natürlich kommt ein Festival, das mittlerweile zu dem größten Europas zählt und den Status quo der internationalen Dokumentarfotografie setzt, um aktuelle Themen nicht ganz herum. Wie beim vorigen Festival 2010 die Katastrophe von Haiti, so ist in diesem Jahr der arabische Frühling das politische Ereignis, an dem sich viele Fotografen abgearbeitet haben. Die Kuratoren haben gut daran getan, aus den insgesamt knapp 1200 Bewerbungen nur zwei Arbeiten auszuwählen, die die nordafrikanischen Revolutionen abbilden. Der Däne Mads Nissen liefert dabei mit seinem mehrfach preisgekrönten Bild von einem feiernden Rebellen auf einem brennenden Panzer fast schon eine Ikone vom Rang des „Tank Man“. Der Fotograf jenes Bildes vom chinesischen Studenten, der auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 eine Kolonne Panzer aufhält, wird auch in Hannover anwesend sein. Stuart Franklin wird in der begleitenden Vortragsreihe am morgigen Donnerstag um 19.30 Uhr über seine Arbeit berichten.

Doch es zeigt sich beim Lumix-Festival auch, wie schwer es ist, einem nachrichtlichen Dauerbrenner wie beispielsweise der Occupy-Bewegung neue Seiten und andere Perspektiven abzugewinnen. Die Reportage von Andrew Burton über die „Occupy Wallstreet“-Bewegung geht in dieser Bilderflut einfach unter. Einige Geschichten werden manchem Besucher übrigens bekannt vorkommen - vor allem deshalb, weil die Studenten des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover mittlerweile verlässlich renommierte Preise einsacken.

Allen voran Kai Löffelbein, der mit seinem Bild des jungen Ghanaers auf einem Elektroschrottplatz in Accra jüngst das Unicef-Bild des Jahres schoss und schlagartig bekannt wurde. In der zweiten Etage des Design Centers an der Expo Plaza ist die gesamte Reportage „Kids of Sodom“ zu sehen. Auch Ann Sophie Lindströms Serie über die Punks in Hannover ist dabei. Sie gewann den VGH-Fotopreis. Auch so eine kleine, sehr persönliche Geschichte, die viel Zeit und Vertrauen braucht, um sie so nah und fast schon intim fotografieren zu können. Zeit, die der heutige, schnelllebige Journalismus kaum noch zulässt. Geld können Fotografen mit solchen Reportagen jedenfalls in der Regel nicht verdienen. Umso wichtiger, dass es Festivals wie das in Hannover gibt.

Es sind die emotionalen Geschichten, die am stärksten im Kopf bleiben. Wie die des argentinischen Fotografen Alejandro Kirchuk, der seinen Großvater begleitet hat, dessen Frau im hohen Alter an Alzheimer erkrankte.

Es sind aber nicht nur die Bilder. Es sind auch die Texte. Wie den unter einem Foto des kranken Nick. Sein Zwillingsbruder Christopher schreibt: „Vor einiger Zeit hat Nick gesagt: ,Manchmal frage ich mich, warum Gott mich in diesem Zustand auf die Welt gebracht hat. Es fühlt sich an, als ob er mir nicht antwortet, aber ich werde nie sauer auf ihn, denn ohne die Zerebralparese wäre ich ein anderer Mensch.‘“

12.06.2012
Martina Sulner 15.06.2012