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09:55 06.03.2014
Von Uwe Janssen
Foto: In seiner Nähe sind die weiblichen Fans in der Überzahl: Jared Leto.
In seiner Nähe sind die weiblichen Fans in der Überzahl: Jared Leto. Quelle: Wilde
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Hannover

Jared Leto, Jared Leto, Jared Leto. Der Mann ist in. Eigentlich ist er Schauspieler, am kommenden Sonntag könnte er sogar Oscar-Gewinner sein, für die Rolle eines aidskranken Transsexuellen in „Dallas Buyers Club“ ist er als bester Nebendarsteller nominiert.

Aber deshalb haben die Mädels nicht um 8 Uhr morgens vor der hannoverschen TUI Arena campiert und um 15 Uhr bereits die Plätze in einer mehrere Hundert Meter langen Schlange verteidigt. Denn heute ist er als Musiker da, als Sänger seiner Band 30 Seconds to Mars – und als Prototyp der Rockrampensau. Es wäre falsch, diese Band ein Nebenbeiprojekt zu nennen, die TUI Arena ist mit 8000 Fans gut gefüllt, und auch sonst ist für Leto und seine Mitmusiker das Größte gerade gut genug. Trotzdem verbittet sich der 42-Jährige regelmäßig, als singender Schauspieler bezeichnet und beworben zu werden. Aber wo ist er eigentlich?

Bei ihrem Auftritt am Mittwoch in der TUI Arena heizten die Musiker von 30 Seconds to Mars ihren Hannoveraner Fans ordentlich ein. Mit „Love Lust Faith + Dreams“  touren sie momentan durch die Welt.

Es ist 21.20 Uhr, die Band ist noch nicht ganz, aber fast da, Licht aus, die TUI Arena ist erfüllt von einer Mischung aus Wummern und Kreischen. Vorn sind die weiblichen Fans klar in der Überzahl. Die Herren wählen die strategisch besseren Plätze zum Bierholen. Dazu gern genommen: das Menü „Mars Attacks“, Currywurst-Pommes.

Jared Leto betritt natürlich als Letzter die Bühne, er kommt nicht rein, er zelebriert sein Erscheinen. Er ist ja, pardon, Schauspieler, und dass das Rollenwechseln ihm durchaus liegt, hat er gezeigt, als er für die Rolle als Lennon-Attentäter mehr als 20 Kilo zunahm. Mittlerweile hat er wieder schlanke Rockstarstatur, mit Bart und Mähne kommt er ein bisschen jesusmäßig rüber, aber das ist für seine Show gar nicht so unpassend.

Eigentlich laufen sogar zwei Shows ab. Eine gehört der gesamten Band, unter anderem mit Letos älterem Bruder Shannon am Schlagzeug, sowie wuchtigem Licht und Effekteinsatz. Die andere Show gehört Jared Leto. Vorne, Mitte. Folgt man den Blicken, so folgen sie ihm. Die anderen machen ihren Job, er kostet ihn aus. Es gibt keine Seitenleinwände, wer ihn sehen will, muss ihn selbst angucken.

Wenn es nach Leto geht, ist 30 Seconds to Mars ein „Kunstprojekt“, doch hier heute an diesem Abend ist es vor allem Alternative Rock mit hohem Popanteil. Songs wie „Search and Destroy“ oder „This is War“ kommen mit der genre­typischen Gitarrenwand daher, lassen aber genug Luft für Letos Gesang und sind live auf Publikumsmodus gebrezelt. Der Sänger macht den Dirigenten, den Zampano für die Ohoho-Chöre, die er mit seiner klaren, hohen Stimme in Frauentonlage vorgibt.
Auch diese Rolle beherrscht er vortrefflich. Eigentlich müsste er sie gar nicht zum Kreischen auffordern, er tut es trotzdem, die wahre Lautstärke dieses Abends kommt nicht aus den Boxentürmen, sondern aus Mädchenkehlen. Das entscheidende Kunstprojekt ist es, beim Schreien das Smartphone noch ruhig zu halten, damit die Aufnahmen nicht verwackeln.

Nach vier Songs tragen Helfer riesige bunte Luftballons herein, mit denen das Publikum im Innenraum das halbe Konzert spielt, dazu speien Kanonen güldenes Konfetti. Irgendwann holt Leto zwei Fans in Tierkostümen auf die Bühne. Wer geht als Zebra ins Rockkonzert? Es ist Karneval, okay, aber es ist hier auch Kindergeburtstag. Vielleicht ist es ganz gut, dass John Lennon das nicht mehr erleben muss.

„Do or Die“, Leto schwingt die Deutschlandflagge. Dann machen alle ihre Handys an, erleuchten den Saal und singen wieder Ohoho. Die Dinge wiederholen sich an diesem Abend sehr häufig.

Spannend wird es immer, wenn Leto sich ein wenig zurücknimmt und einfach nur Teil einer Rockband ist. „Conquistador“, ein Sechs-Achtler, schaukelt sich langsam auf, wird druckvoller und bricht am Ende richtig aus. Dass die Herren sich nicht in der Soundbreitwand verstecken müssen, zeigen sie später am Abend, als es etwas ruhiger wird. Akustikset. Das ist nicht sonderlich innovativ, aber „Hurricane“ oder „The Kill“ sind erfrischend, und sie erhöhen die Dynamik und verändern die Spannungskurve des Abends. Bevor es dann noch mal richtig rund geht.

Und am Ende „Up in The Air“. Ab nach Los Angeles. Leto hat noch einen Termin. Am Sonntag. Dann wieder als Nebendarsteller. Ausnahmsweise.

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