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Kultur „Wir waren immer neugierig und mutig“
Nachrichten Kultur „Wir waren immer neugierig und mutig“
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00:15 13.11.2015
"Nicht schlecht für ein paar ältere Herren aus Hannover": Scorpions-Konzert in Lissabon. Quelle: dpa

Die Scorpions gibt es seit 50 Jahren. Was sich anscheinend nie verändert hat, sind Ihre subtile Stimme, Rudolf Schenkers breitbeiniges Selbstbewusstsein und Ihr unbedingter Wille, es von Sarstedt aus bis in die ganze Welt zu schaffen. Ist das Ihr Geheimnis des Erfolgs?

Was uns so weit gebracht hat, sind Freundschaft und Teamwork, Leidenschaft und Spaß. Es gab ja viele Bands damals in Hannover, etwa Jane und Eloy. Was uns vielleicht unterscheidet: Wir waren immer neugierig und mutig – und wir haben uns nie entmutigen lassen. Wir fragten uns zum Beispiel: Wie kommen wir denn in England an? Also spielten wir dort, erhielten positives Feedback von Fans und Kritikern, kehrten selbstbewusster zurück und planten den nächsten Schritt. Irgendwann waren dann nicht mehr Jane und Eloy unsere Mitbewerber, sondern Aerosmith, 
AC/DC und Van Halen.

Die acht Alben, die Sie nun wiederveröffentlichen, dokumentieren ihre Sturm-und-Drang-Jahre. Zwischen 1977 und 1988 eroberten sie sowohl die USA als auch Russland. Eigentlich hatten Sie 2015, Ihrem Jubiläumsjahr, genug zu tun. Wie kam es zu diesem Projekt?
Wir waren im Hier und Jetzt mit dem neuen Album und der Tour befasst, unser Sinn stand gar nicht nach Rückblick. Doch unser Musikverlag kaufte unserem damaligen Produzenten Dieter Dierks unseren Backkatalog ab und präsentierte uns viele Songs, die es zur jeweiligen Zeit aus unterschiedlichen Gründen nicht auf die Alben geschafft hatten. Vergessene Schätze wie „Running for the Plane“, „Taste of Love“ und „Don’t wait to long“, die jetzt als Bonustracks erscheinen. Bei einigen Titeln fragten wir uns: Sind wir das überhaupt? Wann ist das denn entstanden? Und dann tauchten wir doch ab in die Vergangenheit, sahen uns wieder mit Dieter bei Marlene im Pub an der Ecke sitzen, es gab Hawaiitoast und Kölsch, und hinterher ging es noch mal ins Studio, und wir jammten bis tief in die Nacht. Viele Songs sind ungeschliffen, ja, unfertig, manche haben nur Arbeitstexte. Was uns überzeugt hat, sie zu veröffentlichen, ist ihre unglaubliche Energie. Man hört ihnen an: Die Band wollte einfach raus, ihr Einflussgebiet erweitern, Amerika durchs Tourbusfenster erleben, wir waren im Rock-you-like-a-Hurricane-Modus.

Seit einem halben Jahrhundert stehen die Scorpions, die 1969 von Gitarristen Rudolf Schenker im niedersächsischen Sarstedt gegründet wurden, bereits auf der Bühne. Sie gehört zu den dienstältesten Gruppen der Welt – und mit mehr als 100 Millionen verkaufter Alben zu den erfolgreichsten. Jetzt sind acht Alben aus den Jahren 1977 bis 1988 mit zusätzlichen Stücken neu aufgelegt worden.

1989 fiel die Mauer. Ihren Song „Wind of Change“ hatten sie schon vorher geschrieben, nach einem Auftritt beim Moscow Music Peace Festival im August jenes Jahres. Er ist zur Hymne von Wandel und Wiedervereinigung geworden. Gerade haben sie wieder in Russland gespielt. Wie ist die Stimmung dort?

Man trifft viele Deutsche, die davon berichten, wie belastet das deutsch-russische Klima ist. 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges fühlt es sich an, als würde die Uhr zurückgedreht.
Es scheint, in Putins Russland ein kalter, antidemokratischer Wind zu wehen. Wäre es nicht angebracht, jetzt einen Protestsong darüber zu schreiben, ein neues „Wind of Change“?
Der Song stand damals für die Hoffnung auf ein Ende des Kalten Krieges. Heute singen sogar in China 50  000 Menschen das Lied beim Konzert mit und drücken so ihre Hoffnung auf eine friedliche Welt aus. Als Hymne der Hoffnung ist „Wind of Change“ immer aktuell. Im Übrigen würde ich auch heute keinen Song über etwas schreiben, das ich eben erst in den Nachrichten gesehen habe.

Im Scorpions-Film „Forever and a Day“ sagen Sie, dass Sie in vielen Teilen der Welt von den Fans „wirklich geliebt“ werden. In Deutschland sei das nie so gewesen. Ist das tatsächlich so? Die Verkaufszahlen Ihrer Alben sprechen eigentlich dagegen.

Kommerzieller Erfolg ist nur die eine Seite. Wir sind auch sehr, sehr erfolgreich in Deutschland und haben keinen Grund uns darüber zu beklagen. Es geht darum, wie eine Band, die mit so viel Leidenschaft performt wie wir, die für drei Generationen spielt, die in der ganzen Welt erfolgreich ist, wahrgenommen wird. Diese Form von Liebe erscheint mir woanders viel emotionaler.

„Die waren irgendwas zwischen großartiger Rockband und Akrobaten“, sagt Paul Stanley von Kiss über die Scorpions der Siebziger und Achtziger. Jetzt sind Sie und Rudolf beide 67 Jahre alt und keine Akrobaten mehr. Haben Sie Angst vor dem Altern oder vor dem Rollator?

Diese Angst gibt es, was mich betrifft, nicht. 50 Jahre Scorpions ist zwar eine runde, aber nicht unbedingt schöne Zahl, 30 Jahre würde mir auch reichen, doch solange man auf der Bühne alles geben kann, ist das egal. Es macht nur Freude, wenn du gesund bist. Natürlich, die Einschläge kommen näher, im vorigen Jahr haben wir drei unserer Freunde und engen Mitarbeiter verloren. Dann wiederum siehst du die Stones und das, was Mick Jagger mit 70 abliefert. Beim Konzert in Berlin im vorigen Jahr habe ich zu Steven Tyler von Aerosmith gesagt: „Der ist 70, das gibt es doch nicht.“ Und Steven antwortete. „Yeah, I am 66, Man!“ Steven und ich sind gleichaltrig. Ich empfinde es als Privileg, noch immer auf einer globalen Bühne auftreten zu können, beispielsweise im ausverkauften L. A. Forum. Das ist nicht so schlecht für ein paar ältere Herren aus Hannover.

Im Scorpions-Film beschwören Sie Ihre ungebrochene Fitness, um den Rücktritt vom 2010 angekündigten Rücktritt zu rechtfertigen ...

Rudolf und ich waren 2010, vor unserer „Farewell“-Tour, beide Anfang 60. Ich fand es ganz realistisch, auf die Zielgerade einzubiegen, doch dann kam „MTV Unplugged“, wir schrieben neue Songs, wir waren kreativ und die weltweite Nachfrage riss nicht ab. Wir hätten damals sagen sollen, wir machen eine Pause. Aber wir sind ja alle nicht fehlerfrei.

Könnten Sie überhaupt ohne die Band sein?

Ich kann mir ein Leben außerhalb der Scorpions durchaus vorstellen, ein Leben, ohne diese permanente Herausforderung, ohne den Druck, stets voll da sein zu müssen. Zwischen 2010 und 2012 gaben wir um die 200 Konzerte, die musst du gerade als Sänger erst einmal durchstehen. Wenn meine Stimme da ist, dann weiß ich, ich bin genau am richtigen Fleck. Das Reisen aber, all die Stunden, die du für eine Show in Südkorea, in Sibirien oder am Amazonas im Flugzeug verbringst, das geht an die Substanz. Wir sind Pioniere, die das Rock’n‘Roll-Leben noch ein bisschen länger auskosten. Wir müssten das nicht tun, das, was uns treibt, ist unsere Leidenschaft, die Liebe zur Musik und das Gefühl, dass es eine Menge Fans da draußen gibt, die sich auf uns freuen: in Sao Paulo, in L.A., in Paris, auch in Hamburg. Und irgendwann spielen wir vielleicht auch mal wieder in Hannover.     

Interview: Mathias Begalke

Zur Person

Klaus Meine (67) ist seit 1969 Sänger der Scorpions aus Hannover. Die Hardrockband wurde vor 50 Jahren von dem Gitarristen Rudolf Schenker im niedersächsischen Sarstedt gegründet. Sie gehört zu den dienstältesten Gruppen der Welt – und mit mehr als 100 Millionen verkaufter Alben zu den erfolgreichsten. 2010 kündigten die Scorpions an, sich nach der damals anstehenden Welttournee aufzulösen. Noch vor Ende der Konzertreise erklärten sie den Rücktritt vom Rücktritt. Jetzt sind acht Alben aus den Jahren 1977 bis 1988 mit zusätzlichen Stücken und Videos neu aufgelegt worden.

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