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Kultur 50 Jahre Räuber Hotzenplotz
Nachrichten Kultur 50 Jahre Räuber Hotzenplotz
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19:32 20.07.2012
Von Jutta Rinas
Hotzenplotz bei der Arbeit: „Machen Sie keine Geschichten, das mag ich nicht. Geben Sie mir sofort die Kaffeemühle! Quelle: dpa
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Hannover

„Jemand wird sterben.“ Joanne K. Rowlings kühle Vorankündigung des Todes einer ihrer Figuren kurz vor dem Erscheinen des vierten Harry-Potter-Bandes - noch dazu eines Kindes, keines Erwachsenen - war ein Marketingcoup rund um den Weltbestseller Harry Potter. Dass eine Kinderbuchautorin mit solchen Mitteln die Spannung der Fans anheizte, war zugleich ein Novum in der Kinderliteratur, fast ein Tabubruch. Rowlings Bücher wenden sich immerhin an Grundschüler ab acht Jahre.

Rowling, aber auch Cornelia Funke oder Janne Teller, gehören einer Autorengeneration an, die vor drastischen Beschreibungen des Bösen nicht zurückschreckt. Im Gegenteil, ihnen zufolge gehört das Böse, auch in Form von Grausamkeit, Sadismus und Mord, zum Leben dazu. Deshalb muss es - auch in Gestalt von seelenfressenden Dementoren oder lustvoll mordenden Zauberern wie Voldemort - in Kinderbüchern seinen Platz finden.

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Für Otfried Preußler - den 88-jährigen Doyen der deutschen Kinderbuchautoren - wären solche Figuren undenkbar gewesen. Preußlers Kinderliteratur zeichnet etwas aus, das die Frankfurter Preußlerexpertin Andrea Weinmann „Kindgemäßheit“ nennt. Eine spannende Handlung, Witz, dazu ein Sinn für die Logik von Kindern, die so ganz anders als die Ratio von Erwachsenen funktioniert: All das macht Preußlers Kinderliteratur aus. Die noch im Wachsen begriffene Seele seiner kleinen Leser will der 1923 im nordböhmischen Reichenberg geborene Schriftsteller stärken; er will den Optimismus und das Selbstbewusstsein seiner Leser fördern, statt sie zu verunsichern, indem er ihnen „möglichst frühzeitig alle Schlechtigkeit der Welt vor Augen führt.“ Preußler glaubt an die Kraft guter Literatur, die einem hilft, selbst schwerste Stunden zu überstehen. Im Zweiten Weltkrieg als junger Soldat an der Front liest er Theodor Fontane.

Der „Räuber Hotzenplotz“ ist ein Prototyp von Preußlers entdämonisierten Bösewichten. Das kann man schon daran erkennen, dass der Mann mit den sieben Messern und der Pfefferpistole sich statt mit Gold oder Juwelen als Beute mit Großmutters Kaffeemaschine begnügt. Hotzenplotz’ Berufsauffassung würde jedem Beamten Ehre machen: Im Sommer steht er wochentags pünktlich um sechs Uhr auf. Spätestens um halb acht verlässt er die Räuberhöhle und geht an die Arbeit. Von einem normalen Job unterscheidet sich des Räubers Tagwerk nur dadurch, dass er nicht im Büro Akten wälzt, sondern sich hinter Ginsterbüschen auf die Lauer legt und Leute überfällt. Am 1. August wird Hotzenplotz, einer der sympathischsten Kriminellen der Kinderliteratur, 50 Jahre alt.

Wie viel Preußler daran liegt, die Welt aus der Perspektive von Kindern zu beschreiben, merkt man schon daran, dass er für den „Hotzenplotz“ das Personal des Kasperletheaters reaktiviert: Preußlers Eltern hatten auf dem Dachboden ein Kasperltheater stehen, mit dem er Ritter- und Räuberstücke aber auch anspruchsvolle Kasperliaden im Stil des Grafen Pocci nachspielte. Dem traditionellen Helden des Kaspertheaters, dem Kasperl mit der roten Zipfelmütze, stellt er den einfältigen Seppel und die Karikatur eines Wachtmeisters zur Seite. Auch den Charakter seiner „Hotzenplotz“-Geschichte legt Preußler durch den Bezug auf die Jahrmarktstradition seiner Vorlage fest: Diese Räuberpistole will keine realitätsnahe Kriminalgeschichte sein, sondern ein Heidenspaß.

Dazu passt, dass Preußler selbst furchterregende Figuren ad absurdum führt. Einen Zauberer, der auf einen so komischen Nachnamen wie Zwackelmann und einen geradezu lächerlichen Vornamen wie Petrosilius hört, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Ein Bösewicht, der es zudem zulässt, dass ein kleiner Junge wie der Kasperl ihn „Reprozilius Fackelspan“, „Spektrofilius Zaschelschwan“ oder gar „Eprosilius Dackelschwanz“ nennt, kann kein unüberwindbarer Gegner sein. Ganz zu schweigen davon, dass Zwackelmann zwar mächtig genug ist, die Fee Amaryllis in eine Unke zu verwandeln. Fürs Kartoffelschälen reicht die Zauberkraft aber nicht.

Die Wahl seiner Namen nahm Otfried Preußler überdies sehr genau. Eine Liste mit Namen von „Pistolinski“ bis „Pistolatzki“ habe er gemacht, bis er entschied, dass sein „Hotzenplotz“ nach dem gleichnamigen Städtchen im mährischen Schlesien heißen würde, sagte er einmal. Für den bösen Zauberer suchte er Namen, die nicht in der Realität vorkommen, um keine lebenden Personen zu verunglimpfen. Ein Herr Zwackelmann meldete sich nie beim ihm, dafür bekam er von einem Herrn Petrosilius Post. Vielsagend ist auch der Name des Wachtmeisters Dimpflmoser, der sich ständig in Formalien verstrickt und unfähig ist, den Hotzenplotz dingfest zu machen: Ein Dimpfel sei im Bayrischen ein ziemlich dummer Mensch, sagt Preußler. Der „Dimpflmoser“ habe sich „dann so ergeben“.

Es ist völlig unverständlich, dass zeitgenössische Rezensenten Preußlers kindgemäße Literatur zunächst überhaupt nicht einordnen konnten. Man kann aus der Literaturkritik des „Räuber Hotzenplotz“ auch lernen, wie humorlos die 68er-Generation manchmal war. Kampfschriften gegen die realitätsferne „Kindertümelei“ von Otfried Preußler erschienen in den sechziger Jahren. Eine „Verpreußlerung der Kinder“ durch seine Heile-Welt-Literatur wurde moniert. Die Zeitschrift „Pardon“ beklagte unter der Überschrift „Wie vermurkst man Kinder“ sogar, dass „die Kriminalität im ‚Hotzenplotz’ nicht als gesellschaftspolitisches Problem behandelt wird“.

Dabei zeigte Preußler in seinem „Krabat“, an dem er zeitgleich mit dem „Hotzenplotz“ arbeitete, dass er auch zu ganz anderen literarischen Formen fähig ist. Seine Geschichte über einen Müllersgesellen, der sich gegen die dunklen Mächte eines mörderischen Müllermeisters zur Wehr setzt, gehört bis heute zum Unheimlichsten, das die Jugendliteratur zu bieten hat. Die Analogien zum Dritten Reich sind in der Geschichte des „Meisters“, der im toten Gang seiner Mühle Knochen mahlt, unübersehbar.

Den „Hotzenplotz“ schrieb Preußler als Ausgleich zum „Krabat“. Der Erfolg gab ihm recht. 7,5 Millionen Mal wurden die „Hotzenplotz“-Bände weltweit verkauft, sie sind in 34 Sprachen übersetzt. Kinder überall auf der Welt lieben den „Brigand Briquambroque“, den „Haydut Haytazot“ oder den „Hottsuenpurottsu“, wie der Räuber auf Französisch, Türkisch oder Japanisch heißt. Bis heute.

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