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Kultur Aufstand gegen die Ausspäher
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00:15 15.12.2013
Schriftstellerin Marica Bodrožic: "Für mich ist Snowden ein Held!"
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Hannover

Der Aufruf ist gerade drei Tage alt, da wird er schon als Zeitenwende gefeiert. Ein „radikaler Geist“ sei zu verzeichnen, konstatiert die „Zeit“, die Rückkehr einer „vergessenen Figur“: des „engagierten Intellektuellen“. Was ist passiert? 562 Schriftsteller aus 83 Ländern wenden sich mit dem Aufruf „Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ gegen die milliardenfache Schnüffelpraxis vor allem US-amerikanischer, aber auch britischer Geheimdienste und fordern eine UN-Konvention zum Schutz digitaler Rechte.

Angesichts der Dauer und des Ausmaßes dieses Spähskandals kommt der Appell geradezu spät. Wer die Unterschriftenliste prüft, stellt überdies fest, dass sich hier statt neuer Generationen vor allem alte Bekannte zu Wort melden. Die  Mehrzahl der Unterzeichner ist männlich und zählt zur Generation 50 plus. Mancher, etwa Günter Grass oder Yasar Kemal, hat die 80 längst überschritten. Die Intellektuellen waren gar nicht weg. Sie haben nur geschwiegen.

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Umso mehr Respekt verdient es, dass sie sich nun so international zu Wort melden. Der Appell setzt ein Zeichen gegen die Ohnmachtsgefühle, die der globale Lauschangriff zumal in Ländern hervorrufen muss, die rechtsstaatlich schwächer aufgestellt sind als Deutschland. Trotzdem ist es kein Zufall, dass drei der sieben Initiatoren – Juli Zeh, Eva Menasse und Ilija Trojanow – Deutsche sind. Darin schlägt sich Unzufriedenheit über den schmallippigen Umgang der Kanzlerin mit dem Thema nieder. Angela Merkel hatte sich im Wahlkampf darauf beschränkt zu erklären, auf Datenflüsse jenseits deutschen Hoheitsgebiets habe sie keinen Einfluss. Und sie hat zunächst auch nichts zu dem Appell gesagt, anders als SPD-Chef Sigmar Gabriel, der prompt erklärte, der Aufruf dürfe in der Politik nicht ungehört bleiben.

Man darf gespannt sein, welche Forderungen er zu seiner Agenda macht. Wird bald ein Datenschutz-Grundrecht ins Grundgesetz eingefügt? Macht Gabriel sich für eine UN-Konvention stark? Wird er zur Datengier von Internetfirmen Stellung beziehen? Und wie stellt sich Angela Merkel zu alldem? Juli Zeh hat auch dazu eine Vision. „Wenn es uns gelingt, ein digitales Fukushima zu erzeugen“, sagt die Autorin, „dann wird Frau Merkel die erste Datenschützerin in unserem Land sein.“ Immerhin trägt der Aufruf jetzt schon 15 000 Unterschriften. Wird die Intellektuellen- zur Massenbewegung?

Die „FAZ“ – die zwar den Appell in Deutschland veröffentlicht hat, aber traditionell einen kühleren Blick auf soziale Bewegungen wirft als die „Zeit“ – erinnert daran, dass Datenklau außer dem Persönlichkeits- auch das Eigentumsrecht verletzt. Sie lässt damit den versuchten Schulterschluss von Datensaugern wie Google, Facebook oder Twitter mit den Bürgerrechtsinitiatoren in angenehm kaltem Licht erscheinen. Diese Firmen handeln mit Personendaten und verlangen dafür selbstverständlich einen Preis. Den sollten auch Privatleute für ihre Daten wenigstens fordern können – wenn sie diese denn preisgeben wollen.

Liste aller Unterzeichner des Aufrufs unter www.change.org/petitions/a-stand-for-democracy-in-the-digital-age-3.

„Snowden, ein Held“

Frau Bodrožic, sehen Sie durch die Überwachung die Demokratie in Gefahr?

Wenn die Gedanken, Gefühle und privatesten Empfindungen kontrolliert, eingesehen und ausgewertet werden, ist die Demokratie nicht nur in Gefahr, sie ist schon abgeschafft. Jeder Mensch verhält sich anders, wenn er beobachtet wird, es entsteht eine Art Diktatur im Kopf. Die Menschenrechtserklärung führt in Artikel 12 die „Freiheitssphäre des Einzelnen“ auf, darin heißt es, niemand dürfe willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben und seinen Schriftverkehr ausgesetzt werden. Aber der Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe ist nicht gegeben. Es ist beschämend, dass unsere Politiker die Bevölkerung einlullen wollten. Sie brauchen dahindösende Menschen. Weil diese nicht sprechen! Weil sie nicht merken, dass ihre Rechte mit den Füßen getreten werden!

Weshalb regt sich gerade bei diesem Thema der gesammelte Widerstand internationaler Autoren?

Die Freiheit des Wortes ist die Grundlage für jeden schreibenden Menschen. Wir Schriftsteller sind keine idealen Menschen, aber doch stelle ich mir die meisten von uns als nicht gleichgültig vor, sonst könnten wir nie einen Satz schreiben oder Räume und Figuren in unseren Büchern erschaffen. Diese Überwachung betrifft uns im Kern, denn sie ist total. Es betrifft die Sprache. Das Denken. Das Wesenhafte. Wie kann man da schweigen? Kriege und doktrinäre Systeme beginnen immer in der Sprache. Sie ist das Land, das wir täglich durchschreiten, auf dieses Sprachland müssen wir achtgeben, wir müssen darauf aufmerksam machen, dass unser aller Wesen von ihr abhängt.

Welche Gedanken löst das Thema bei Ihnen persönlich aus?

Es ist für mich, da ich noch im Sozialismus den Mechanismen der Diktatur ausgesetzt war, erschütternd zu sehen, wie unsere Regierungen durch fahrlässiges Nichthandeln eine noch größere Gleichgültigkeit verbreiten, die mir schlimmer als die rigorose Verachtung der NSA vorkommt. Es ist diese Haltung der Gleichgültigkeit, der hohlen Rede, die nie zu wahrhaftigen Taten gelangt, die den geistigen Raum für totalitäre Systeme schafft. Das ist Gewalt.

SPD-Chef Gabriel hat erklärt, er nehme den Aufruf ernst. Erwarten Sie eine Kurskorrektur der neuen Regierung?

Dinge ankündigen und Dinge handelnd verstehen, das unterscheidet sich vollkommen voneinander. Was ich mir durch diesen Appell erhoffe, ist etwas Subtiles, aber sehr Machtvolles: dass sich jeder Einzelne weltweit in der Verantwortung sieht. Das ist zunächst unendlich viel wertvoller als ein offizieller Kurswechsel, der aber folgen muss. Ein sprechender Mensch ist ein denkendes Wesen. Warum haben wir das in unserer satten, auf Behäbigkeit ausgerichteten Welt vergessen? Wir müssen uns alle gegen die verordnete Stummheit wehren. Einem Menschen wie Edward Snowden müssen wir alle Ehren zukommen lassen, denn er hat uns alle geweckt. Für mich ist er ein Held, er hat die Wahrheit dem Schlaf und dem Kapital vorgezogen.

Marica Bodrožic, die zu den Erstunterzeichnern des Schriftstellerappells zählt, wurde 1973 in der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien geboren, wuchs in der Nähe von Split auf und zog im Alter von zehn Jahren nach Hessen. Nach dem Studium in Frankfurt zog sie nach Berlin; seit mehr als zehn Jahren publiziert sie Prosa und Lyrik. Zu ihren bekanntesten Werken gehören die Romane „Kirschholz und alte Gefühle“ und „Das Gedächtnis der Libellen“ sowie der Gedichtband „Quittenstunden“. Im Frühjahr 2013 wurde sie in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet.

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