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Kultur "A serious Man" ist wieder ein echter Coen-Film
Nachrichten Kultur "A serious Man" ist wieder ein echter Coen-Film
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09:00 21.01.2010
Von Stefan Stosch
Die ganze Welt besteht aus Formeln und Rätseln: Physikprofessor Gopnik (Michael Stuhlberg) kennt sich leider nur mit Formeln aus. Quelle: Tobis
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Joel und Ethan Coen haben ihre Kinofiguren aus dem Fenster befördert („Hudsucker – Der große Sprung“, 1994), sie im Schnee zerschreddert („Fargo“, 1996) oder von Psychopathen mit Topffrisur durchs halbe Land jagen lassen („No Country for old Men“, 2007). Um nur mal ein paar Beispiele aus dem absonderlichen Coen-Country zu nennen.

Da ist es naheliegend, dass die beiden US-Filmer jetzt einen Kinohelden gezielt in die Verzweiflung treiben. Der ernsthafte Mann in „A serious Man“ heißt Larry Gopnik (Michael Stuhlberg), führt ein unauffälliges Leben als Physikprofessor, hat Frau und zwei pubertierende Kinder. Sein Pech, dass er nun in die Hände der Coens gefallen ist. Nun muss er ein Schicksal erdulden, dass ihn zu einer Art biblischem Hiob aus der Vorstadt macht.

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Besonders freundlich sind die ­Coen-Brüder noch nie mit ihren Leinwand-Charakteren umgesprungen. Das verhinderte die gut gelaunte Boshaftigkeit der beiden Filmemacher. In „A serious Man“ stellen sie diesmal die Sinnfrage.

Schon im Vorspann wird Gopnik beschieden: „Nimm in Einfachheit alles hin, was dir widerfährt.“ Wie die Regisseure auf diesen Spruch gekommen sind, wissen sie nach eigenen Worten selbst nicht genau. Zugeschrieben wird das Zitat einem mittelalterlichen Talmudlehrer. „A serious Man“ spielt im jüdischen Milieu, was aber nicht heißt, dass die ­Coens sich plötzlich mehr für Glaubensdinge als für die Absonderlichkeiten des Lebens interessieren würden.

Knüppeldicke kommt es für den armen Physikprofessor. Seine Frau Judith (Sari Lennick) will sich von ihm wegen eines anderen scheiden lassen und quartiert Gopnik ins Motel aus. Tochter Sarah (Jessica McManus) interessiert sich nur für ihre Nasen-Schönheitsoperation und klaut Daddy regelmäßig Geld aus der Börse. Sohn Danny (Aaron Wolff) will seine Lieblings-TV-Serie gucken, kiffen und Musik der Band Jefferson Airplane hören. Wir schreiben die späten sechziger Jahre.

Und dann ist da noch der auf kriminelles Glücksspiel spezialisierte Onkel Arthur (Richard Kind), der auf dem Wohnzimmersofa schläft und ständig den Zugang zur Toilette versperrt. Ach ja, und die Festanstellung des Physikprofessors ist gefährdet, weil irgendwer Gopnik in anonymen Briefen an die Universitätsleitung anschwärzt. Irgendwas vergessen? Zum Beispiel den antisemitischen Nachbarn, der bei ausgedehnten Fahrten mit dem Rasenmäher klammheimlich sein Grundstück zulasten von Gopniks Vorgarten vergrößert.

Beeindruckend ist die stoische Gelassenheit, mit der der Pechvogel zunächst all diese Widrigkeiten hinnimmt. Gopnik, wunderbar sanftmütig gespielt von dem Theaterschauspieler Stuhlberg, sitzt da in seinem halblangen, karierten Hemd, lächelt tapfer und widersteht sogar (halbwegs) der verführerischen Nachbarin.

Irgendwann will er aber doch wissen, warum es ausgerechnet ihn so hart trifft. Er zieht los zu gleich drei Rabbinern und bekommt seltsame Rätsel serviert über Parkplätze und geheime Botschaften, die auf Zähnen graviert sind. Was die Rätsel bedeuten? Das wissen die Rabbiner auch nicht. Genauso gut hätte Gopnik die Freiwillige Feuerwehr oder die Weight Watchers um Lebensrat fragen können.

Gopnik ist Physiker. Er könnte der Welt ja auch mithilfe seiner klugen Formeln auf den Grund gehen wollen, die er mit Begeisterung auf eine überdimensionale Universitätstafel kritzelt. Doch auf solche Gedanken scheint er gar nicht zu kommen. Lieber vertieft er sich in das Paradoxon von „Schrödingers Katze“, also in ein ganz anderes Gedankenexperiment.

Die Einzigen, die Antworten geben könnten, sind wohl die Coens selbst. Sie haben „A serious Man“ als einen sehr persönlichen Film bezeichnet. Die beiden Mittfünfziger sind in einem jüdischen Akademikerhaushalt im mittleren Westen der USA aufgewachsen. Sie denken jedoch gar nicht daran, dem armen Gopnik zu helfen, sondern spielen lieber Katz und Maus mit ihm. Je dringlicher ihr Kinoheld die Sinnfrage stellt, desto mehr Schwierigkeiten halst er sich auf. Das allerdings ist dann doch eine Antwort nach dem Geschmack der Coens.

Nicht jeder Zuschauer wird so viel lustigen Sadismus mögen. Es ist nicht besonders tröstlich, wenn dem Sein jegliche tiefere Bedeutung abgesprochen wird. Andererseits: Die eigensinnigen Coens übernehmen jene Rolle im Kino, die guten Regisseuren schon immer zukam. Wenn hier irgendjemand die Leidensfähigkeit von Larry Gopnik prüft, dann sind das die Coens – und nicht irgendein anderer Gott.

Gut gelaunte Bosheiten: Ein echter Coen.

Von Stefan Stosch

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