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Kultur Aborigine-Frau kehrt nach 100 Jahren in Heimat zurück
Nachrichten Kultur Aborigine-Frau kehrt nach 100 Jahren in Heimat zurück
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18:50 24.10.2017
Von Daniel Alexander Schacht
„Komm nach Hause, Oma“: Sargtuch der Lama Lama – und dahinter Jean-Christophe Verstraete, Amanda Morley, Lynette Wood, Katja Lembke.
„Komm nach Hause, Oma“: Sargtuch der Lama Lama – und dahinter Jean-Christophe Verstraete, Amanda Morley, Lynette Wood, Katja Lembke. Quelle: Rainer Droese
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Hannover

"Wir sind glücklich“, sagen alle. „Glücklich und traurig“, sagen viele. „Glücklich, traurig und wütend“, sagen einige aus der Lama Lama Family. Was bei dieser Familiengruppe, Ureinwohnern vom Volk der Yintyanga aus Queensland in Australiens Nordosten, derart widerspruchsvolle Gefühle weckt, findet an diesem Dienstag auf der gegenüberliegenden Seite des Globus statt: Hier, im Landesmuseum Hannover, wird in einem feierlichen Akt das Skelett einer jungen Frau zurückgegeben.

Man entspreche damit „den ethischen Grundsätzen des internationalen Museumsbundes und der Empfehlung des Deutschen Museumsbundes“, sagt Katja Lembke, die Chefin des Hauses, in dem sich die menschlichen Überreste aus Australien seit 1909 befunden haben. In jenem Jahr hatte ein deutscher Minenpächter die Frau in ihrem Sarg aus Queensland deportiert, sie Hannovers damaligem Provinzialmuseum überlassen - und sie so dem traditionellen Bestattungsritual entrissen.

Einer von 1475 Fällen

„Ihr Tod ist dadurch nicht begleitet worden“, sagt, mit fast brechender Stimme und wässrigen Augen, einer der Lama Lama und fügt hinzu: „Deshalb konnte ihr Geist nicht heimkehren.“ Solche Szenen der Rührung durchziehen das Video, das Jean-Christophe Verstraete als Vertreter der indigenen australischen Gemeinschaft nach Hannover mitgebracht hat - was alle Teilnehmer der Übergabezeremonie spüren lässt, wie ungeheuerlich der Raub von 1909 für die Angehörigen gewesen sein muss. „Sie ist für uns eine Großmutter“, sagen die Lama Lama. Und Verstraete schließt seine teils in Umpithamu, der indigenen Sprache der Region, gehaltene Rede mit den Worten: „Du gehst jetzt nach Hause, alte Dame!“

Tatsächlich stammt das Skelett von einem erst 16- bis 21-jährigen Mädchen. Das haben Forschungen ergeben, die das Landesmuseum mithilfe von Experten aus Australien seit 2011 angestrengt hat. So lange liegt die erste Anfrage von dort zurück. Die australische Botschafterin Lynette Wood lobt bei der Zeremonie zwar die deutsche Bereitschaft zur Rückgabe menschlicher Überreste, deutet diplomatisch aber auch an, das diese Haltung noch recht jung ist. „Australien bemüht sich seit 25 Jahren um Rückführungen wie diese“, sagt sie. Immerhin 1475 solche Fälle hat es seither gegeben, davon etwa 100 aus Amerika, die übrigen aus Europa, darunter 52 aus Deutschland - und viele in jüngster Zeit. Erst Anfang der Woche hat Dresdens Museum für Völkerkunde Gebeine restituiert, deren Rückgabe Hawaii seit 1991 fordert. „Möge die Rückführung nach Australien symbolisch für die Rückgabe jeglicher zu Unrecht erworbener Bestände sein“, sagt Annette Schwandner vom niedersächsischen Kulturministerium.

Immerhin, in Niedersachsen gibt es mindestens drei weitere Fälle: Peter-René Becker, Chef des Landesmuseums für Natur und Mensch in Oldenburg, bringt zur Zeremonie in Hannover Fotos dreier Totenköpfe aus dem Bestand seines Hauses mit - von einem Maori-Schädel aus Neuseeland und von zwei Aborigines-Schädeln, die gleichfalls aus Queensland stammen. Vielleicht werden auch sie in absehbarer Zeit zurückgeführt - so wie es jetzt für die Überreste der jungen Frau geplant ist.

Vor der Heimkehr des Geistes

Ihr wird nach den Worten von Amanda Morley vom Indigenous Repatriation Program jetzt mit mehr als hundertjähriger Verzögerung noch das Bestattungsritual zuteil - genau so, wie es Keith Liddy von der Familiengruppe der Lama Lama in dem Video schildert: Danach werden Verstorbene nicht einfach beerdigt, sondern in einem aus einem Baumstamm gefertigten Sarg aufbewahrt, über Monate hinweg mit Zweigen und Gras gereinigt, bevor das Gesicht rot, gelb und schwarz bemalt wird, in den Farben der Aborigines-Flagge, die das Behältnis mit den Überresten bedeckt. Und dabei würden auch Handabdrücke angebracht, wie sie jetzt auf dem Tuch darüber zu sehen sind. Über sieben bis zehn Jahre werde der Leichnam auf diese Weise betreut und auch bei Umzügen der Familie mitgenommen.

Denn nur so, schildert Morley die Überzeugung der Yintyanga, könne der Geist der Verstorbenen wirklich in das Land heimkehren.

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