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Kultur Ägyptischer Regisseur zu Gast in Hannover
Nachrichten Kultur Ägyptischer Regisseur zu Gast in Hannover
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10:53 24.11.2011
Von Stefan Stosch
„Die Polizei zielt auf die Augen“:  Wardani am Mittwochabend in Langenhagen. Quelle: Christian Burkert
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Hannover

Die Mail aus Kairo erreichte die hannoverschen Festivalmacher in der Nacht zu Mittwoch. Die Nachricht klang besorgniserregend: „Ich bin bei den Zusammenstößen auf dem Tahrir-Platz verletzt worden, die Polizei hat mir ins Auge geschossen, aber der Doktor sagt, dass ich reisen kann. Ich kann kaum sehen. Könnten Sie bitte für mich einen Transport vom Flughafen organisieren?“

Selbstverständlich konnten die Veranstalter des „Up and Coming“-Filmfestivals. Am Mittwochabend holte Harald Inhülsen den ägyptischen Regisseur Osama el Wardani aus Langenhagen ab. Die Weltpolitik hatte das Festival für Nachwuchsfilmer, das am Donnerstag eröffnet wird, auf beunruhigende Weise eingeholt.

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Todmüde stieg der 23-Jährige aus der Lufthansa-Maschine. Sein zugeschwollenes Auge verbarg er hinter einer Sonnenbrille. „Die Polizei zielt auf die Augen der Demonstranten, das Militär schaut dabei zu“, sagt Wardani. Geschossen werde mit Gas- und Gummigeschossen oder, wie in seinem Fall am Montagabend, mit richtigen Kugeln. Drei seiner Freunde hätten bereits ihr Augenlicht verloren. Zurück in Kairo muss sich der Regisseur einer Operation unterziehen. El Wardani, von Haus aus Rapper, war schon 18 Tage lang bei den Demonstrationen gegen Hosni Mubarak auf dem Tahrir-Platz dabei. Nach dem Sieg über den Diktator hielt er es für seine Pflicht, den Befreiungskämpfern im Nachbarland zur Seite zu stehen. „Es ist besser, dabei zu sein, als zu Hause auf dem Sofa Nachrichten zu schauen.“

Der 23-Jährige schulterte eine Kamera und fuhr ins damals schwer umkämpfte Libyen. Daraus entstand seine knapp halbstündige Dokumentation „Tahrir – Bengasi“, die am Sonnabendnachmittag im Cinemaxx in der Nikolaistraße zu sehen sein wird. El Wardani sprach mit den Aufständischen, filmte in ehemaligen Foltergefängnissen und nahm auch blutende Verletzte in Notkrankenhäusern auf. Sein Film ist ein Zeugnis für die Opferbereitschaft, aber auch den Mut der libyschen Aufständischen.

Nun ist die Unterdrückung in El Wardanis Heimat zurückgekehrt. Politiker aus aller Welt forderten am Mittwoch ein sofortiges Ende der Kämpfe. Auch von den neuerlichen Auseinandersetzungen hat das Festival Informationen aus erster Hand, denn noch eine Mail aus Ägypten hat Hannover erreicht: Regisseur Mostafa Youssef, 2007 in Hannover dabei, schickte einen Solidaritätsaufruf. Der Filmemacher spricht von mehr als 30 Toten und 2000 Verletzten in den vergangenen zwei Tagen. Es gehe bei den aktuellen Kämpfen nicht allein um die geplanten Wahlen, sondern um eine zweite Revolution.

Das sieht auch Wardani so. Er sagt: „Wir müssen zu Ende bringen, was wir begonnen haben.“ Wenn er nächste Woche nach Kairo zurückkehrt und sein Auge das zulässt, will er wieder inmitten der Demonstranten stehen. „Es ist besser, in Würde zu sterben, als sich unterdrücken zu lassen“, sagt er.