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Kultur Ärger um Klee-Gemälde
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20:55 10.06.2012
Der jahrelange Raubkunst-Streit um Paul Klees Gemälde „Sumpflegende“ kocht wieder hoch. Quelle: dpa
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Hannover/München

Ein 47 mal 41 Zentimeter kleines Ölgemälde mit abstrahierten Bäumen, Fenstern und Kreuzen sorgt seit mittlerweile 20 Jahren für Streit: Im Jahr 1937 wurde Paul Klees „Sumpflegende“ im Provinzialmuseum Hannover im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ durch die nationalsozialistische Kunstkommission beschlagnahmt. Im selben Jahr wurde es in der gleichnamigen Schmähausstellung an der sogenannten „Dada-Wand“ als Ausdruck angeblicher „Verwirrung“ und „Unordnung“ eines „Geisteskranken“ präsentiert.

Jahrzehnte lang war das Bild den Augen des Publikums entzogen. Man konnte es für verloren halten, bis es 1962 im Kölner Auktionshaus Lempertz auftauchte. Dieses bot das Werk für 88.000 Mark an. Unter den Interessenten war auch das hannoversche Museum, in dem das Werk einst gehangen hatte. Schließlich ersteigerte aber ein Kunstexperte das Bild im Auftrag des Baseler Sammlers und Galeristen Ernst Beyeler für 88.000 Mark.

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Das hannoversche Museum hatte vom Kauf abgesehen, weil es „rechtliche Probleme“ sah. Man wusste, dass die damals noch lebende Witwe des russisch-jüdischen Avantgardisten El Lissitzky die „Sumpflegende“ und andere Bilder, darunter Werke von Kandinsky, Mondrian und Schwitters, als Dauerleihgabe an das Museum gegeben hatte, bevor sie 1927 in die Sowjetunion emigriert war. Als sie in den fünfziger Jahren in Hannover nach dem Verbleib ihres Eigentums gefragt hatte, war sie recht lakonisch abgewiesen worden. Ihre Schätze seien wohl verloren, schrieb man ihr.

Die „Sumpflegende“ ging nach ihrem Auftauchen Anfang der sechziger Jahre durch zahlreiche Hände von Händlern und Sammlern. Von 1973 bis 1982 befand sich das Bild in der Luzerner Galerie des Kunsthändlers Siegfried Rosengart. Von diesem erwarb es 1982 die private Gabriele-Münter-und-Johannes-Eichner-Stiftung für umgerechnet 800.000 Mark und gab es als Leihgabe ans Münchener Lenbachhaus, wo es bis heute hängt. Die öffentliche Präsentation des inzwischen auf rund zwei Millionen Euro geschätzten Bildes betrachtet Münchens Oberbürgermeister Christian Ude als „Akt der Wiedergutmachtung“. Den Erben von Sophie Küppers-Lissitzky hingegen erscheint das als Unrecht: Sie fordern das Werk zurück und haben Stadt und Stiftung verklagt.

Bereits Anfang der neunziger Jahre hatte Sophie Küppers-Lissitzkys Sohn Jen Lissitzky Klage eingereicht, jedoch den Prozess verloren. Das Gericht betrachtete die Sache als verjährt. Jetzige Kläger sind die Nachfahren der Kinder aus erster Ehe. Sophie Küppers’ erster Mann war der Gründungsdirektor der Kestnergesellschaft Hannover.

Oberbürgermeister Ude habe sich „verrannt“, glaubt der Leipziger Anwalt Christoph von Berg, der die Klägerseite vertritt. „Ich verstehe nicht, was ihn reitet. Will er Vertretern des Kunsthandels gerecht werden?“ Bis zum 15. Juni hat München Zeit, auf die Klage zu reagieren. Ude begrüßt es in einer schriftlichen Stellungnahme, „dass es nach Jahren der außergerichtlichen Kampagne nun endlich auch hinsichtlich des Rückgabeanspruchs zu einer gerichtlichen Klärung kommt“.

Münchens Argumente sind die selben wie vor drei Jahren, als sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann in der Sache eingeschaltet hatte, weil er einen „Schaden des deutschen Ansehens im Ausland“ befürchtete. München erklärte dem Kulturstaatsminister damals schriftlich, das Bild zu einem „reellen Kaufpreis“ vom „jüdischen Kunsthändler Rosengart“ in der Schweiz erworben zu haben. Außerdem sei die „Sumpflegende“ in der NS-Zeit nicht beschlagnahmt worden, weil die Besitzerin mit einem Juden verheiratet gewesen sei, sondern weil das Bild und sein Schöpfer als „entartet“ angesehen worden seien.

Auf Anfrage sagte der Sprecher der Stadt München, Stefan Hauf, die Stadt wäre an der Einziehung des Bildes in der NS-Zeit nicht beteiligt gewesen und dürfe das Bild gar nicht herausgeben. „Verschenken von Gemeindeeigentum ist gesetzlich verboten.“ Hinzu komme aber, dass das Bild gar nicht der Stadt, sondern einer privaten Stiftung gehöre, die es als Dauerleihgabe an ein öffentliches Museum gegeben habe: „Bei Privaten greift die ‚Washingtoner Erklärung‘ nicht.“ Diese setzt Verjährungsfristen außer Kraft, wenn jüdischen Eigentümern in der NS-Zeit Güter entzogen worden sind oder wenn es um Zwangsverkäufe geht.

Der Fall der „Sumpflegende“ stellt in vieler Hinsicht eine Ausnahme dar, veranschaulicht aber exemplarisch, wie schwierig das Feld der Restitution ist. Die Küppers-Erbin Anita Templin erhielt im Februar 2000, mehr als 20 Jahre nach Sophie Küppers’ Tod, von der Stadt Köln nach langem Zögern Louis Marcoussis’ „Die Weintraube“ aus dem Museum Ludwig zurück. Zwei Jahre später einigten sich die Erben mit der Fondation Beyeler auf eine Entschädigung für Kandinskys „Improvisation 10“ in zweistelliger Millionenhöhe.

Sophie Küppers-Lissitzky war 1978 verarmt in Nowosibirsk gestorben. Die Nationalsozialisten hatten sie als „jüdisch versippte Volksfeindin“ und „Kulturbolschewistin“ angesehen, aber nicht enteignet. Deswegen können die Erben heute sagen, die „Sumpflegende“ und andere Kunstwerke hätten sich immer in Familienbesitz befunden.

In der Sowjetunion war Küppers-Lissitzky nach Hitlers Einmarsch als suspekte Ausländerin nach Sibirien ins Arbeitslager verbannt worden. Die Frau, die Anfang der zwanziger Jahre in Hannover elegant Salon gehalten hatte, ging in einer Fabrik putzen und verdiente sich mit selbst gestrickten Fäustlingen ein paar Rubel dazu. Ein Sohn kam im Ural in einem Arbeitslager um. Das bürgerliche Wohnzimmerinventar der Küppers befindet sich heute als Schaustück im Museum August Kestner in Hannover.

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