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17:23 26.03.2014
Von Johanna Di Blasi
Foto: Auf den Tag genau drei Jahre nach Ai Weiweis Festnahme 2011 wird die Ausstellung "Evidence" am 3. April eröffnet.
Auf den Tag genau drei Jahre nach Ai Weiweis Festnahme 2011 wird die Ausstellung "Evidence" am 3. April eröffnet. Quelle: dpa
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Berlin

In der Rotunde des Berliner Martin-Gropius-Baus schwebt bereits eine chromblitzende Installation Ai Weiweis aus mehr als hundert übereinander getürmten Fahrrädern. Räder sind bis heute das wichtigste Fortbewegungsmittel im atemlos wachsenden China. Im Lichthof bilden 6000 bäuerliche Schemel einen minimalistischen Teppich voll individueller Gebrauchsspuren. Auch Handschellen aus Jade, Überwachungskameras aus Marmor und Ai Weiweis Gefängniszelle als begehbares Gruselkabinett werden in der weltweit größten Ai-Weiwei-Ausstellung zu sehen sein. Eröffnung ist am 3. April, auf den Tag genau drei Jahre nach der Verhaftung des Künstlers, Bloggers und Regimekritikers.

Insgesamt wurden für die „Evidence“ betitelte Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in den vergangenen Wochen sechs große Übersee-Container mit zum Teil raumfüllenden Objekten nach Berlin verfrachtet. Über dem Atlantik sorgte ein Seesturm zwischenzeitlich für Lieferverzögerungen. Trotzdem ist alles noch rechtzeitig angekommen - außer Ai Weiwei selbst. Vor zwei Jahren wurde zwar der Hausarrest aufgehoben. Seine Reisedokumente aber hat der Künstler, dem Chinas Justiz Steuervergehen, Bigamie und Pornografie zur Last legt, bis heute nicht zurückbekommen.

Dass 30.000 chinesische Netz-User umgerechnet rund eine Million Euro spendete, nützt leider nichts. Die Behörden haben den Betrag nicht von dem bereitgestellten Konto abgerufen. Am Freitag kommt der neue chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping auf Staatsbesuch nach Berlin. In einem dpa-Gespräch forderte Ai Weiwei Jinping auf, seine Ausstellung im Gropius-Bau zu besuchen. Die Kunstwerke seien „gar nicht gefährlich“.

Ai Weiwei meint, Xi Jinping habe manches mit ihm gemeinsam. Beide gehören der zweiten Generation der sogenannten „roten Aristokratie“ an. Beider Väter hätten sich als Revolutionäre sehr nahe gestanden. Ai Weiweis Vater Ai Qing gilt als einer der Erneuerer der chinesischen Lyrik. Unter Mao wurde er über Jahre hinweg zum Toilettenputzen an den Rand Chinas abkommandiert.

Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Baus, schätzt die Chancen, dass der Besuch Xi Jinpings in Berlin Bewegung in die festgefahrene Lage Ai Weiweis bringt, als „sehr gering“ ein. Klaus Staeck, der Leiter der Akademie der Künste hatte kürzlich Angela Merkel aufgefordert, das Problem gegenüber dem chinesischen Staatschef in aller Klarheit anzusprechen. Der Künstler selbst demonstriert seine Verbundenheit mit der deutschen Kanzlerin dadurch, dass er in seinem Studio in Peking eine lebensgroße Figur Merkels stehen hat: die Pappkameradin trägt rote Jacke und zeigt die charakteristische Fingerstellung.

Drei Mal hat Sievernich Ai Weiwei in Pekings Künstlerviertel Caochangdi besucht, zuletzt im Dezember. „Vor seinem Studio befindet sich ein Dutzend Überwachungskameras. Auch mein Besuch wurde überwacht und ist irgendwo protokolliert“, sagt der Museumsdirektor. Ai Weiwei dürfe sich zwar in China bewegen, aber das Land nicht verlassen. „Und was ist für einen so berühmten Künstler schlimmer, als nicht reisen zu können? Das bedrückt ihn natürlich.“

Beim ersten Treffen habe Ai Weiwei gefragt, ob es eine politische Ausstellung werden solle. Er habe geantwortet: „Ja bitte! Der Gropius-Bau ist ein ganz politischer Ort. Die unterste Treppenstufe war schon Ostberlin. Die Mauer stand vor der Tür“, sagt Sievernich. „Als Kennzeichen für Ai Weiweis Konzeptkunst betrachtet der Gropius-Bau-Direktor die Bearbeitung und Reflexion „komplexer gesellschaftlicher Themen“.

In einem Anfang Mai in die deutschen Kinos kommenden Dokumentarfilm über Ai Weiwei („The Fake Case“) gibt es eine eindrucksvolle Szene, in der sich die hochbetagte Mutter des Künstlers an ihren Sohn wendet. „Einiges, was Du geschrieben hast, ist schon heftig“, sagt sie zu dem obsessiven Blogger. „Du kritisierst sie zu viel. 1957 hätten sie dich längst getötet. Ich habe Angst um Dich“.

Der Staatschef Xi Jinping könnte bei seinem Berlinbesuch am Wochenende durch die nach Isoliermaterial riechende Zelle wandeln, die ein Nachbau jenes Verlieses ist, in dem der Künstler 2011 knapp drei Monate lang in Isolationshaft an einem unbekannten Ort festgehalten worden ist. Auch eine sakral anmutende Installation aus Mauerresten des 2010 von der Staatsmacht in Shanghai demolierten Studios ist schon fertig aufgebaut.

Eine andere Skulptur besteht in Anspielung an Ai Weiweis documenta-Werk „Template“ von 2007 aus Tempeltüren. Diese sind allerdings nicht aus Holz, sondern aus Marmor. Der Stein komme aus dem selben Steinbruch wie das Material für das Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking, sagt Susanne Rockweiler, Mitarbeiterin des Gropius-Bau.

Auch eine Gruppe antiquarischer Vasen, die mit metallisch glänzendem Autolack überzogen sind, wurde bereits platziert. Erst kürzlich war in Miami ein Vasenwerk Ai Weiweis im Wert von umgerechnet rund 700 000 Euro von einem eifersüchtigen Künstlerkollegen zerstört worden. Zerstörung wohnt den lackierten Antiquitäten allerdings auch inne, wenn man sie nicht zertrümmert. Insgesamt erstreckt sich die gigantische Ai-Weiwei-Schau über 18 Säle und den großen Lichthof des Gropius-Baus, also über zirka 3000 Quadratmeter. Als sein Lieblingswerk in der fast uferlosen Ausstellung bezeichnete Ai Weiwei in einem Anflug von Galgenhumor die Tatsache, dass er nicht daran teilnehmen dürfe. Das sei „ein Kunstwerk an sich“.

„Ai Weiwei - Evidence“, 3. April bis 7. Juli 2014, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin.

(mit dpa)

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