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Kultur Ai Weiwei zieht nach Berlin
Nachrichten Kultur Ai Weiwei zieht nach Berlin
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20:09 22.05.2013
Ick werd’ ein Berliner: Ai Weiwei.
Ick werd’ ein Berliner: Ai Weiwei. Quelle: Reuters
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Berlin

Vor einem Jahr tauchte das Gerücht auf, der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei würde sich für das Berliner Pfefferberggelände als Atelierstandort interessieren: eine ehemalige Brauereianlage im Stadtteil Prenzlauer Berg, die bereits vielfältig kulturell genutzt wird. Zunächst wurde nur bestätigt, dass eine Investorengruppe aus Hongkong den leer stehenden Keller gekauft habe. Jetzt ist von verschiedenen Seiten zu hören, dass tatsächlich Ai Weiwei hinter den Aktivitäten steckt. Der Künstler und seine Berliner Galerie, neugerriemschneider, halten sich aber weiter bedeckt.

Michael Pauseback, der auf dem Pfefferberggelände die Berliner Niederlassung der auch in Tokio und New York ansässigen Galerie Akira Ikeda betreibt, sagte auf Anfrage der HAZ: „Zunächst hatte es von der Firma geheißen, sie würde die Räume irgendeinem Künstler großzügig zur Verfügung stellen. In Wahrheit steckte hinter der ganzen Sache Ai Weiwei.“ Die Anwälte der Pfefferberg Entwicklungsgesellschaft und des Künstlers hätten dies ihm gegenüber bestätigt.

Eigentlich hatte Pauseback, der früher Kurator an der Kunsthalle Bielefeld und dann in der Nationalgalerie in Berlin tätig war, selber den imposanten Keller für Kunstpräsentationen nutzen wollen. Aber der chinesische Künstler kam ihm zuvor. Ai Weiweis unterirdische Räume, über deren genau Bespielung noch gerätselt wird - die Fläche von 2600 Quadratmetern böte Platz für Atelier, Lager und Schauräume - wurden vor mehr als 160 Jahren als Gärkeller der Bierbrauerei von Joseph Pfeffer angelegt. In den 1990er-Jahren gab es in den weitläufigen Gewölben Techno-Partys. Sogar die Einrichtung eines türkischen Bades wurde zwischenzeitlich erwogen. Sporadisch gab es auch schon Kunst zu sehen, zum Beispiel 2007 die Einzelschau „Herzschlag“ des französischen Künstlers Christian Boltanski. Dieser ließ Herzschlagsound durch den dunklen Keller pochen. Von der Decke tröpfelte Wasser.

Inzwischen wurde das unterirdische Areal trockengelegt. Das Pflaster im unterkellerten Hof des Pfefferberggeländes wurde aufgerissen. Dort werden gerade für Ai Weiwei Lichtschächte eingebaut. Derzeit wird die Baustelle mit einer weißen Plane abgeschirmt. Zu Ai Weiweis neuen Nachbarn, so er denn ausreisen und nach Berlin kommen kann, gehören am Pfefferberg neben der Architekturgalerie Aedes und dem Kulturlabor ICI ein gerade fertiggestelltes Museum für Architekturzeichnungen: ein beeindruckender Neubau des Architekten Sergej Tschoban.

In unmittelbarer Nähe zu Ai Weiweis Kellerresidenz liegt der Eingang zum Studio des renommierten Künstlers Olafur Eliasson, das sich „Institut für Raumexperimente“ nennt. Der Däne, bekannt geworden unter anderem mit gigantischen künstlichen Wasserfällen für New York, ist Gastprofessor an der Berliner Universität der Künste (UdK). Auch Ai Weiwei hat die UdK eine Gastprofessur angeboten. Universitätssprecherin Claudia Assmann sagte auf Anfrage der HAZ: „Die Hochschule freut sich, einen so hochkarätigen Künstler wie Ai Weiwei holen zu können.“ Die Nachbarschaft zu Eliasson am Pfefferberg könne für beide Künstler, aber auch für die Studenten fruchtbar sein. „Allein durch die räumliche Nähe werden sie viel miteinander zu tun haben“, sagt Assmann. Allerdings sei derzeit noch „völlig ungewiss“, wann der Künstler wieder reisen dürfe.

In wenigen Tagen eröffnet die 55. Kunstbiennale in Venedig höchstwahrscheinlich ohne Ai Weiweis Anwesenheit. Der 55-Jährige vertritt in diesem Jahr in Venedig neben drei weiteren nicht deutschen Künstlern - dem Filmemacher Romuald Karmakar, Santu Mofokeng und Dayanita Singh - Deutschland. Ai Weiwei hat angekündigt, im Deutschen Pavillon eine abstrakte Arbeit auszustellen und an zwei Außenstandorten politische Arbeiten zu zeigen, unter anderem zum großen Erdbeben von Sichuan.

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