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Nachrichten Kultur Die Neuerfindung der Lena Meyer-Landrut
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00:17 11.05.2015
Von Imre Grimm
Lena Meyer-Landrut. Quelle: oh
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Hannover

Ein altes Heizwerk in Hamburg, roter Backstein, blaues Licht. Auf einem Marshallverstärker sitzt Lena Meyer-Landrut, ganz allein, im weißen Trenchcoat, mit weinrotem Hosenanzug und silbernen Creolen. Sie lauscht ihrer eigenen Musik, die aus den Boxen wabert. Bauchschmerzen hatte sie heute morgen, Kälteanfälle. Das war die Angst davor, dass ihr viertes Album „Crystal Sky“, das sie an diesem Abend einem kleinen Kreis vorstellt, durchfallen könnte. Dass sie jetzt, genau fünf Jahre nach ihrem Triumph beim Eurovision Song Contest in Oslo, nach der wahnsinnigen, erdrückenden Lenamania, der anschließenden Überdosis Ruhm und dem Comeback von 2012, als Sängerin und Musikerin Lena wieder in Frage gestellt werden könnte.

„Ich wollte so viel Kraft, Liebe und Energie in dieses Album packen, wie ich nur habe“, sagt sie. „Ich wollte besser singen als jemals zuvor.“ Das kleine Presserudel guckt, wie es immer guckt: sparsam, kritisch, pseudocool.

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Der Sound steht ihr gut

Was dann kommt, ist eine Überraschung. Kein Stefan-Raab-Soulpop mehr, das war klar. Aber eben auch kein hymnischer Neofolk mehr wie 2012, im dritten Album „Stardust“, das voll war von erdigem Wüstensound, Zirkusklingeling und fröhlichen Spielereien. Auf Müslipackungen steht oft: „weniger süß“. Die neue Lena klingt weniger süß. Elektronischer, basslastiger, experimenteller, tanzbarer, erwachsener. Clubsounds, Dubstep-Elemente, Retroeffekte aus dem Rechner, ein Hauch Lana-Del-Rey-Melancholie - „Crystal Sky“, das am 15. Mai erscheint, ist banjofreie Zone. Die Single „Traffic Lights“ erinnert eher an Ellie Goulding als an bärtige Zottelmänner mit Fiedel. Und: Der Sound steht ihr gut.

Wieder ist sie um die Welt gereist, wieder hat sie sich auswärts befruchten lassen, vom englischen Produzententeam BIFFCO etwa, das Goulding und Kylie Minogue betreut, oder vom Songwriter Jonny Coffer, der für Sam Smith geschrieben hat, oder auch von Kat Vinter. „Alles, was ich mit Kat Vinter gemacht habe, ist Gold geworden“, sagt Lena - „Gold!“ Die Midtempo-Dubstep-Nummer „Lifeline“ etwa oder das mystische „Catapult“. „Ich habe das Gefühl, dass ausländische Songwriter unvoreingenommener sind“, sagt Lena. „Die haben keine Ahnung, wer ich bin. Das ist total geil, weil ich einfach sein kann, wie ich bin. Die lernen mich ohne Klatsch und Tratsch einfach so kennen, und wir machen Musik. Das ist cool.“

„Ich hab mich einfach mal richtig vorbereitet“

Wir erleben die Professionalisierung der Lena Meyer-Landrut. „Bisher bin ich ohne Vorbereitung ins Studio gekommen“, sagt sie ein paar Wochen später, auf dem Weg zu einem „Grazia“-Fotoshooting auf einem idyllischen Pferdehof, die nackten Füße auf dem Holztisch, blühende Apfelbäume draußen. „Diesmal habe ich alles 4000-mal gesungen, immer wieder. Ich habe mich einfach mal richtig vorbereitet.“

Wenn ihre ersten beiden Alben unter dem strengen Regiment von Stefan Raab - „My Cassette Player“ (2010) und „Good News“ (2011) - ihre Seepferdchen waren und ihr drittes Album „Stardust“ ihr Freischwimmer, dann ist „Crystal Sky“ der Fahrtenschwimmer. Eine bewusste Neuausrichtung an einem musikalischen Kreuzweg, weg von aller „Satellite“-Süßlichkeit. Sie hat eine klare Berufsbezeichnung für sich gefunden, und die lautet nicht Entertainermoderatorinsängerinschauspielerinirgendwas. „Ich bin Musikerin. Ich wäre in nichts anderem so gut wie in dem, was ich gerade tue.“

200 Konzerte im Jahr? - „Pack ich nicht“

Kürzlich erst ist ihr alter Vertrag aus Castingzeiten ausgelaufen, sie hat jetzt völlige Freiheit, auch das Geschäftliche geht sie jetzt selbst an. Sie hat 300.000 Follower bei Twitter und Millionen Fans, sie weiß, wie Marketing funktioniert. Im Oktober startet eine kleine Pre-Tour durch Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, Frankfurt und Köln, im Februar und März 2016 folgt dann eine größere Tour. Aber 200 Konzerte im Jahr? So wie andere Künstler, die inzwischen mehr von Liveevents leben als von Musikverkäufen? „Pack ich nicht“, sagt sie. Dazu ist sie auch zu gern zu Hause in ihrer Kölner Wohnung, bei ihrem Freund, einem Basketballprofi.

Vorher aber ist sie noch einmal in ESC-Angelegenheiten unterwegs: Am Tag des Finales in Wien, am 23. Mai, tritt sie bei der ARD-Reeperbahnparty und live im Ersten auf. Es ist ihr 24. Geburtstag.

Lenas viertes Album „Crystal Sky“ erscheint am 15. Mai.

Sie hat nie wieder „Verdammte Axt!“ gesagt, seit sie die Worte 2010 ins Goldene Buch der Stadt Hannover schrieb, auf dem Gipfel der Euphorie, als alles toll war, was sie tat. Es folgten zwei Jahre, in der sie als Zicke der Nation Zorn auf sich zog wie das Licht die Motten. Ein „Scheißabend“ beim Reeperbahnfestival 2011, ein arte-Unfall mit Casper, miese Presse. Das war der Rückschlag, der nach einem solchen Hype unvermeidlich ist. „Ich hätte eigentlich verrückt werden müssen“, sagt sie. Vergangenheit. Vergessen. Das alles komme ihr vor, als „wäre das einer anderen Person passiert“. Die Hasswelle ist abgeklungen. „Das geballte Gebashe ist vorbei“, sagt Lena. „Das tut der Seele auf jeden Fall gut.“

Es ist noch früh, sie trinkt Kaffee. „Ich habe das Gefühl, dass es mich nicht mehr komplett auslaugt, dass ich alles besser kanalisieren kann und das Ganze jetzt erst so richtig losgeht. Nach ,Stardust' brauchte ich eine Pause, ich musste erst mal runterschrauben. Jetzt denke ich: Lass uns gleich die nächste Platte starten.“

"Ich habe tagelang im Studio in London geheult."

Mehr als 200.000 Alben von „Stardust“ hat sie verkauft. Das ist natürlich deutlich weniger als während der ESC-Welle, aber es bedeutet: Platin für ihr erstes wirklich „eigenes“ Werk. Sie ist stolz darauf, die Talsohle fast allein durchschritten zu haben, nur mit Hilfe weniger Freunde, ihrem Hündchen „Kiwi“, ihrer Mutter. Das neue Album enthält ihren bisher persönlichsten Song: In der leisen Ballade „Home“ erzählt sie die Geschichte einer Freundin, die gestorben ist. „Ich habe lange überlegt“, sagt sie, „aber ich bin bereit, das zu teilen. Ich habe tagelang im Studio in London geheult. Es ist eines meiner Lieblingslieder. Es hat mir sehr geholfen, den Schmerz zu verarbeiten.“

„You make me strong like you`ve always done“, heißt es in dem Lied, „I will carry you home.“ - Du gibst mir Kraft, wie du es immer getan hast, ich trage dich nach Hause. Etwas ist passiert. Niemals hätte sich die Oslo-Lena vor fünf Jahren derart tief in die Seele blicken lassen, sich derart verletzlich gezeigt. Das geht nur, wenn man es aushält. 

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