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Kultur Alexander Osang spricht über „Königstorkinder“
Nachrichten Kultur Alexander Osang spricht über „Königstorkinder“
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10:13 01.12.2010
Alexander Osang liest im literarischen Salon aus seinem Roman "Königstorkinder".
Alexander Osang, Reporter und Schriftsteller, liest im Literarischen Salon. Quelle: Martin Steiner
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Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR stehen sich in Berlin erneut zwei Vorstellungen und Entwürfe einer Gesellschaft gegenüber, die jeweils Glück und Anerkennung versprechen. Auf der einen Seite der imaginären Mauer reihen sich Ladenbüros aneinander, hinter deren Milchglasscheiben sogenannte Kreative über finanziell erfolgreiche Ideen für Kultur- und Werbeindustrie grübeln.

Sie hangeln sich von Projekt zu Projekt, leben in Lofts, fahren in Innenstädten Geländewagen und benutzen für ihre Pausen-Espressi Mitropa-Geschirr, weil es so schön nostalgisch ist. Ulrike ist eine von den Bewohnern am Berliner Königstor mit frei stehendem Küchenherd. Zurzeit sucht sie eine Kampagnenidee für die Belebung einer ostdeutschen Brause. Aber eigentlich sucht sie nach einem Bruch in ihrer heilen Welt der Oberflächlichkeiten.

Da kommt ihr Andreas Hermann ganz recht. Der organisiert idealistische Theaterprojekte für arbeitslose Schauspieler. Es ist eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ehemalige „Tatort“-Leichen und Stadtteilkabarettisten, die nun für Senioren ein Stück zum Mauerfall initiieren. Hermann lebt in einer Hinterhofwohnung mit Hochbett – und verliebt sich in Ulrike über Einkommens- und Freundeskreisgrenzen hinweg.

Die Liebesgeschichte in Zeiten moderner Stadtentwicklung zwischen Gentrifizierung und Bewahrung kultureller Vielfalt stammt vom renommierten Reporter Alexander Osang. Am Montag stellte er den Roman „Königstorkinder“ (S. Fischer Verlag) im Literarischen Salon vor und sprach über das Spannungsverhältnis von kultureller Herkunft und Veränderungen, die sich durch Beruf, Umfeld und am Ende auch durch die Liebe ergeben.

„Mich hat die Frage interessiert, ob man ein neues Leben einfach so beginnen kann“ sagte Osang. Ihn beschäftige, ob Veränderungen des sozialen Milieus auch Veränderungen in Freundes- oder Liebesbeziehungen nach sich ziehen. Pathetischer formuliert: „Kann Liebe über Klassengrenzen hinweg funktionieren?“, fragte Osang. Und weil sich solche Fragen als Reporter kaum beantworten lassen, schrieb der 48-Jährige einen scharfsinnigen und vielschichtigen Roman.

Das Thema ist nicht zufällig gewählt. Osangs Biografie liest sich wie eine Bilderbuchkarriere vom Mechaniker zum Autor. Noch zu DDR-Zeiten studierte er Journalistik, wurde nach der Wende zum gefragten Reporter und entfloh dem Klischee als Wende-Autor nach New York, um von dort aus für den „Spiegel“ zu berichten. Seit 2006 lebt der dreifache Egon-Erwin-Kisch-Preis-Gewinner wieder in Berlin – und betrachtet seine alte, neue Heimat und das Umfeld von einst mit dem Blick eines Sozialforschers.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen den Menschen heute? Was trennt die erfolgreichen Kreativen und das stets unabhängige, aber meist klamme Projektprekariat? Gibt es Löcher in der Mauer? Einfache Antworten bleibt Osang bei dem kurzweiligen Abend schuldig. „Geschichte ist nicht wie ein Fernsehfilm mit Veronica Ferres“, sagt Osang. „Die Wirklichkeit ist komplexer.“ Da hält es der Romancier wie der Reporter – und sammelt Beobachtungen.

Am 06.12 sind Ulrich Raulff und Carola Groppe im Literarischen Salon zu Gast.

Jan Sedelies