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Kultur Ali Mitgutsch: Vater der "Wimmelbilderbücher" wird 75
Nachrichten Kultur Ali Mitgutsch: Vater der "Wimmelbilderbücher" wird 75
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20:31 20.08.2010
Von Sarah Pancur
Ali Mitgutsch: Generationen von Kindern sind mit den "Wimmelbilderbüchern" groß geworden.
Ali Mitgutsch: Generationen von Kindern sind mit den "Wimmelbilderbüchern" groß geworden. Quelle: dpa
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Durch das Fenster ist der wolkenverhangene Himmel zu sehen. Es regnet. Ali Mitgutsch sitzt in seinem Lehnstuhl in der großen, verwinkelten Altbauwohnung in München. „Bei diesem Wetter ist der Weg zwischen meinem Archiv und meinem Denken ein bisschen weiter“, sagt er. Er wirkt verträumt, wie er da so sitzt mit seiner Mütze auf dem Kopf, die so etwas wie sein Markenzeichen geworden ist. Aber eigentlich braucht er die Mütze gar nicht als Markenzeichen, er hat ja längst eines: seine Bilder. Manchmal lacht er verschmitzt, dann schaut er wieder in den Regen. Der Vater der berühmten Wimmelbücher feiert am Freitag seinen 75. Geburtstag. Fülle ist vielleicht das Lebensmotto des gebürtigen Müncheners. Er hat viel erlebt, und in seinen Bilderbüchern ist viel, sehr, sehr viel zu sehen.

Früher, lange, bevor er 1967 sein erstes Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“ gemalt hat, ist er durch die Welt gezogen. „Ich hatte so an wahnsinniges Fernweh, ich musste naus, neue Sachen sehen“, sagt Mitgutsch, der einen gut verständlichen Münchener Dialekt pflegt. 17 Jahre lang ist er nach seinem Studium an der Graphischen Akademie in München viel auf Reisen gewesen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Wolfgang de Haën, der auch Grafiker ist, hat er sich immer wieder auf den Weg gemacht.

Die erste Reise führte die beiden Anfang der fünfziger Jahre nach Mallorca – damals wurde die Insel nur von einem Dampfer von Barcelona aus angefahren. Acht Tage sind sie mit der Vespa von München nach Barcelona gefahren. „Wir hatten nur ganz wenig Gepäck, aber Mal­sachen waren immer dabei.“ Und das wenige Hab und Gut war nicht etwa in einem Rucksack verstaut, sondern in einer Hebammentasche. In Mexiko hatte Mitgutsch einen Blinddarmdurchbruch. Zum Glück hätten die Ärzte, die ihn in einem Urwaldkrankenhaus operierten, Penizillin gehabt.

Von seinen Reisen hat er nicht nur Erinnerungen mitgebracht. Auch viele Skizzen für seine Bücher sind entstanden. Viele Ideen findet er jedoch einfach vor seiner Haustür – wenn er in München U-Bahn fährt oder beim Zahnarzt im Wartezimmer sitzt. Die Menschen zu beobachten, „das ist wie ein lebendes Panoptikum“. Die Menschen hätten eine Vorstellung davon, wie sie gerne wären und versuchten, dieses Bild permanent darzustellen. Mitgutsch schmunzelt: „Und wenn sie dann blitzschnell aus dieser Rolle rausfallen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, des is wirklich wahnsinnig komisch zu sehen.“ Wenn er so etwas erlebt hat, dann setzt er sich auf eine Bank im Park und verarbeitet die Eindrücke, „so wie eine Kuh, die wiederkäut“, meint er.

Und hat er gerade wieder „akut ein Buch in Arbeit“, saust er draußen mit seinem kleinen Skizzenblock rum und schaut, was die Kinder jetzt für Mützen, für Schneeanzüge tragen. Schließlich wechsele ja alles. Auf diese Weise sind bisher mehr als 70 Bücher entstanden, von denen in Deutschland mehr als fünf Millionen verkauft wurden.

Für sein erstes Wimmelbuch hat Mitgutsch 1968 den deutschen Jugendbuchpreis bekommen. Wie es entstanden ist, daran kann sich der 75-Jährige noch gut erinnern. Der damalige Direktor des Münchener Stadtjugendamtes, den er gut gekannt habe, habe ihn gefragt, ob er nicht ein Bild malen könne, „auf dem ganz viel drauf ist, was Kinder entdecken können“. Die Kinder fanden es toll, ein Verlag auch, und so malte der Münchener fortan Bilderbücher.

Seit mehr als 40 Jahren entwirft Mitgutsch Wimmelbilder. Noch ist er nicht malmüde, auch wenn er noch nicht weiß, wann er wieder eine Idee für ein neues Bild hat. Mitgutsch sucht in großen Holzschubladen Skizzen von seinen Wimmelbildern. Hin und wieder fischt er ein Pergamentpapier heraus. Auf den Skizzen haben die Figuren noch keine Gesichter, nur ihre Bewegungen sind schon zu sehen. Doch Wimmelbilder, wie der Verlag seine Bücher getauft hat, nennt Mitgutsch sie nicht. Für ihn sind es „selbsterzählende Bilderbücher“. Er könne besser mit Pinsel und Stift erzählen. Seine Bilder zeigen viele Geschichten auf einmal, alles ist in Bewegung, und die Bilder sind immer aus der Vogelperspektive gezeichnet. „Das gibt den Menschen ein positives Gefühl, weil sie alles überblicken können“, sagt der 75-Jährige.

Die Kinder lieben seine Geschichten, auch seine beiden Söhne und seine Tochter sind mit den Wimmelbildern groß geworden. Mitgutsch macht es nichts aus, dass ihn alle immer nur als den Wimmelbild-Erfinder sehen. Doch vor einigen Jahren hat er eine neue Herausforderung gesucht – seitdem gestaltet er Objektarrangements in Holzkästchen. „Surrealismus für Erwachsene“ nennt er das. Als Kind habe ihn seine Mutter immer mit auf Wallfahrten genommen. Und am Zielort hätten immer Dioramen gestanden, die ihn faszinierten, sagt Mitgutsch. Jetzt baut er auch Dioramen. Für den Münchener sind sie kleine, ironische Bühnen des Lebens mit Dingen, die ihr Leben hinter sich haben.

Was mit all seinen Wimmelbildern einmal geschehen soll, wenn er nicht mehr ist, davon hat Mitgutsch seine ganz eigene Vorstellung: Vielleicht löse sich sein Werk so auf, wie es entstanden sei – Stück für Stück. Die Bilder hätten ihre Schuldigkeit getan, schließlich sind sie in so vielen Auflagen gedruckt worden.

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