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Kultur Die kühle Kanadierin erhält Literaturnobelpreis
Nachrichten Kultur Die kühle Kanadierin erhält Literaturnobelpreis
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18:19 09.12.2013
Von Martina Sulner
Die kanadische Autorin Alice Munro (undatierte Aufnahme) erhält am Dienstag den Literaturnobelpreis. Quelle: dpa / Archiv
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Hannover

Große Geschichte, unspektakulärer Beginn: „Ich saß auf der Bank beim Bahnhof und wartete. Das Bahnhofsgebäude war offen gewesen, als der Zug ankam, aber jetzt war es abgeschlossen.“ So fängt Alice Munros Kurzgeschichte „Amundsen“ an, ein Text aus dem gerade erschienenen neuen Erzählungsband „Liebes Leben“. Gradlinig, fast unterkühlt erzählt die Kanadierin darin von einer jungen Aushilfslehrerin in einem Heim für tuberkulosekranke Kinder, irgendwann in den vierziger, fünfziger Jahren. Dort lernt die Frau einen Arzt kennen, die beiden verloben sich - und auf dem Weg zur Trauung sagt er ihr, dass er sie nicht heiraten will. Jahrzehnte später sieht die Frau ihn in Toronto wieder: „Für mich war es wieder so, wie es war, als ich Amundsen verließ und der Zug mich, immer noch benommen und ungläubig, forttrug. An Liebe ändert sich nie etwas.“

So beendet die Schriftstellerin, die heute in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, diese Kurzgeschichte. Es ist ein typischer Munro-Text: Er ist eher verhalten, beinahe nüchtern erzählt, entwickelt jedoch eine enorme Intensität. Die Geschichte der sitzen gelassenen Lehrerin krallt sich im Gedächtnis der Leser fest.

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Die Figuren leben wie die Autorin in der kanadischen Provinz

„Liebes Leben“ ist der 13. Kurzgeschichtenband, den Munro seit ihrem 1968 veröffentlichten Debüt „Tanz der seligen Geister“ geschrieben hat. Außerdem hat sie einen Roman veröffentlicht. Geschätzt und geliebt wird sie jedoch für ihre Erzählungen, in denen meist Figuren im Mittelpunkt stehen, die - wie die Autorin - in der kanadischen Provinz Ontario leben. Als „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, als Nachfolgerin Anton Tschechows lobt denn auch die Schwedische Akademie, die über den Literaturnobelpreis entscheidet, die 82-Jährige.

Den Nobelpreis, dotiert mit umgerechnet fast einer Million Euro, wird am Dienstag Munros Tochter Jenny in Empfang nehmen. Die Autorin, die als erste Kanadierin überhaupt den Literaturnobelpreis erhält, fühlt sich nicht fit genug für die Reise nach Europa. In Schweden feiert man den Ehrengast also ohne den Ehrengast - und ein bisschen gilt das auch für Deutschland. In Hannover stellte gestern Autorin Judith Hermann Werke ihrer berühmten Kollegin vor. Heute veranstaltet der S. Fischer Verlag, der die Bücher der Kanadierin in Deutschland herausbringt, in Berlin „Einen Abend für Alice Munro“. Dort lesen Eva Menasse, Monika Maron und wiederum Judith Hermann aus Munros Werk.

Dass ausgerechnet drei Frauen diesen Abend für die Nobelpreisträgerin bestreiten, ist alles andere als ein Zufall: In nahezu allen Munro-Texten stehen Frauen im Mittelpunkt. In den vielen Liebesgeschichten - die mal von der schwierigen Liebe zwischen Mann und Frau, mal von der zwischen Eltern und Kindern und mal von der zwischen Geschwistern handeln - beschreibt sie genau und manchmal fast gnadenlos die seltsamen Beziehungsgeflechte, die Menschen spinnen oder aus denen sie sich zu lösen versuchen. Wobei Munro - und das macht ihre Kunst aus - viel ungesagt lässt. Jede ihrer Geschichten bewahrt ein Geheimnis. In der Erzählung „Amundsen“ zum Beispiel erfährt der Leser nicht, warum der Arzt sich auf dem Weg zur Trauung von seiner Verlobten trennt. Oder hat er das vielleicht sogar kühl geplant?

Von der fehlenden Kraft zum Schreiben

Auch die anderen Erzählungen sind voller Leerstellen; nicht immer begreift der Leser, warum die Figuren ihr Leben manchmal so abrupt verändern - warum sie den Ehemann verlassen oder zum Geliebten zurückkehren. Wahrscheinlich verstehen auch die Protagonisten kaum, was sie da eigentlich so machen.

Einige Figuren aus „Liebes Leben“ kommen einem vertraut vor, sind in früheren Büchern so ähnlich schon mal aufgetaucht. Auch die Atmosphäre in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und kurz danach kennt man aus Munros früheren Büchern - das karge Leben auf einer Farm in Ontario, die verheißungsvolle Großstadt Toronto, die raue Landschaft.

„Liebes Leben“ sei, hat Alice Munro angekündigt, wahrscheinlich ihr letztes Buch. Ihr fehle die Kraft zum Schreiben. Dass es der Autorin mit dieser Ankündigung ernst ist, lässt das Ende des Buches vermuten. „Finale“ hat sie die letzten vier Stücke überschrieben, die eine eigenständige Einheit bilden. „Ich glaube, sie sind die ersten und letzten - und die persönlichsten - Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe“, schreibt die Autorin über diese Kindheits- und Jugenderinnerungen. Unsentimental mit leicht selbstironischem Blick und mit großer Kenntnis davon, wie Menschen so sind, erzählt Munro von ihrer ersten Begegnung mit dem Tod, von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, von dem Wunsch, ein anderes Leben zu leben.

Am Ende heißt es: „Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es - wir tun es immerfort.“ Treffende Schlussworte einer Menschenkennerin.

Alice Munro: „Liebes Leben“. Deutsch von Heidi Zernig. S. Fischer. 367 Seiten, 21,99 Euro.

Johanna Di Blasi 09.12.2013